Sonntag, 18. April 2021
Mittwoch, 7. April 2021

TORGAU

Christiane Bräutigam: "Ganz durcheinander vor Glück"

Christiane Bräutigam: „Ich wurde sehr herzlich in Empfang genommen!“Foto: privat

Von Andreas Bechert

Christiane Bräutigam über 178 Orgeltasten, Crème brulée und Grillenzirpen auf Korsika

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Torgau. Im Januar 2021 hat Christiane Bräutigam ihre Arbeit als Kantorin in der Evangelischen Kirchengemeinde zu Torgau begonnen. Sie trat damit die Nachfolge von KMD Ekkehard Saretz an, der über einige Jahrzehnte die Kirchenmusik in der Elbestadt geprägt hatte. Im SonntagsWochenBlatt-Gespräch erklärt sie, warum sie nach einem Mittagsspaziergang wunschfrei ist.

 

SWB: Wie haben Sie die ersten Tage und Wochen in Ihrem neuen Amt erlebt?
Christiane Bräutigam:
Inmitten der Kontaktbeschränkungen in den ersten Wochen des neuen Jahres durfte ich bereits einige maskierte, aber sehr herzliche Gemeindemitglieder, freundliche Telefonstimmen sowie 178 herrliche, hölzerne Orgeltasten der Vier-Orgel im Schloss Hartenfels kennenlernen. Das war ein vergleichsweise stiller, doch auch sehr schöner Beginn. Ich freue mich auf jede weitere Begegnung, vor allem aber auf das gemeinsame Singen und Musizieren.
War der Beruf Ihrer Eltern ausschlaggebend für Ihr Studium und die Berufswahl?
Nicht direkt, aber im weiteren Sinne schon: Durch den Beruf meiner Eltern kam ich frühzeitig mit Musik und natürlich auch Kirchenmusik in Verbindung… ich hörte Bach, Chopin, Messiaen und bekam Lust, selber zu musizieren. Auch dass ich die Möglichkeit bekam, Instrumente spielen zu lernen – Geige, Flöte, Klavier und später Orgel – ist sicher typisch für eine Familie, in der die Eltern Musiker sind. Insofern hat der Beruf meiner Eltern Weichen gestellt dass ich später einmal in diese Richtung gehen konnte. Kirchenmusik studieren an einer Musikhochschule könnte man nicht ohne Vorbildung in der Kindheit.


Gab es in Ihrem Leben eine Art Initialzündung in Richtung Orgelspiel und Kirchenmusik?
Als ich 15-jährig einmal live Bachs Orgelstück „Pièce d´Orgue“ gehört hatte, wusste ich, welche Kraft Musik in sakralen Räumen den Hörenden schenken kann. In diesem Moment wurde mein Wunsch geboren, das Orgelspiel zu erlernen. Welche Möglichkeiten aber im gemeinsamen Singen liegen, Begegnung untereinander einzugehen oder in Beziehung zum eigenen Glauben zu treten – mit jedem gesungenen Choral oder auch größerem Musikstück –, habe ich erst später erfahren, und sie haben sich mit jedem musikalischen Tun mehr offenbart: im Studium in Leipzig, Weimar und Lyon, in den zwei Jahrzehnten meiner Tätigkeit als Kantorin der Evangelisch Reformierten Kirche zu Leipzig, beim Unterrichten der nachfolgenden Generation Kirchenmusiker an den Hochschulen in Leipzig und Halle. Zuletzt waren sie an der Evangelisch reformierten Kirche zu Leipzig tätig. Schwerpunkte lagen dort im Bereich der Oratorienmusik und symphonischen Kirchenmusik sowie der Musikvermittlung an Kinder.


Jetzt sind Sie an der Elbe angekommen. Warum haben Sie sich für Torgau beworben und entschieden?
An Torgau fasziniert mich die direkte Verbindung der Kirchgemeinde zu den Wurzeln evangelischer Kirchenmusik – die nicht nur zu Blüten von ungeheurer Schönheit in der Musik der Renaissance- und Barockzeit bis in die Moderne führten, sondern auch den immer aktuellen Auftrag bergen, mit einem – wie Martin Luther einst sagte – „singenden Herzen“ zu leben.


Mit dem Stellenwechsel ist ein Orgelwechsel gepaart. Ist das eine Herausforderung?
Der Wechsel von der Jehmlich-Orgel in Leipzig zu der um eine Klaviatur und einige Register größeren, aber vom Bauprinzip ähnlichen Schuster-Orgel sowie der ganz andersartigen, nach historischem Klangideal gebauten Orgel in der Schlosskirche, ist für mich sehr inspirierend. Man geht ja mit seinem Instrument eine besondere Beziehung ein: Eine Komposition klingt an jeder Orgel anders und ich merke gerade, wie sich der Klang der Orgel auf die Art und Weise meines Musizierens auswirkt. Das ist spannend und belebend.


Als Kantorin in Torgau werden die beiden Orgel bestimmt im Mittelpunkt Ihres Schaffens stehen – welche anderen Instrumente beherrschen Sie noch?
In meiner Arbeit spielen natürlich auch die „Instrumente“ – wenn man sie so nennen darf –  ´Chor´ und ´Orchester´ eine große Rolle. Außerdem beschäftige ich mich neben der Orgel mit weiteren Tasteninstrumenten wie Cembalo, Klavier und Harmonium. Geige spiele ich nicht mehr aktiv – erlebe es aber in der Arbeit oft als nützlich, auf Kenntnisse von Streichinstrumenten zurückgreifen zu können, ebenso wie auf Grundkenntnisse im Umgang mit Posaune- und Blockflöte.


Nun sind Sie mitten in der Corona-Zeit in Torgau angekommen: Wie wurden Sie in Empfang genommen?
Es gab schon Gottesdienste und ich wurde sehr herzlich in Empfang genommen! Das nette Willkommen war sogar durch die dicksten FFP2-Masken hindurch zu spüren. Unter den freundlichen Grüßen auch per Mail oder Telefon gab es auch Einladungen zu Kaffee, Rotwein und Mittagessen.


Zurzeit geht ja nun weiß Gott wenig. Was können/wollen Sie in dieser Zeit tun? Wo sehen Sie ihr Tätigkeitsfeld? Was soll bleiben, was soll ausgebaut werden, was soll neu entstehen?
Die Fortführung der Kernarbeit beinhaltet für mich einerseits die lebendige Beschäftigung  – in Gottesdiensten, bei Proben und Projekten sowie Konzerten – mit der einzigartigen Verbindung Torgaus zum reformatorischen Liedgut und der vokalen Renaissance-Musik. Zum Feiern dieser Schätze der geistlichen Musik – so manches noch heute gesungene Kirchenlied hat hier seinen Ursprung – gehört auch der Blick auf die Gegenwart und die Zukunft. Zum Anderen möchte ich dazu beitragen, Kindern und jungen Leuten Lust auf Kirchenmusik zu machen.


Ich lese aus Ihrer Vita, dass die Orgel Ihnen sehr ans Herz gewachsen ist. Was ist Ihr Lieblingsstück und warum?
Ha – die Lieblingsstücke wechseln ständig… im Moment liegt mir das erste Stück aus Bachs „Kunst der Fuge“ am Herzen, weil eine tröstliche, geordnete Schlichtheit immer wieder überirdische Schönheit durchblicken lässt, die kurz vor Schluss durch eine Art sagenhafter Helligkeit ergänzt wird. Sowas macht mich ganz durcheinander vor Glück.


Wenn Sie jetzt spontan einen Wunsch frei hätten: Welcher wäre das?
Crème brulée und Grillenzirpen auf Korsika – oder sind das eher schon drei Wünsche statt einem? Oder der Durchblick durch ein Schlüsselloch im Portal der Marienkirche via Zeitmaschine gleich hinein in eine Nach-Corona-Zeit: Da sehe ich bestimmt viele Menschen gemeinsam das „Sanctus“ aus Bachs H-moll-Messe singen! Das wäre beides herrlich. Ehrlich gesagt bin ich der spontane Typ: Nach einem Mittagsspaziergang durch die Sonnenlandschaft bin ich komplett wunschfrei.


Ihr Vorgänger Ekkehard Saretz hat in Torgau einiges vorgelegt. Ich denke an die Festwochen der Kirchenmusik, den Orgelsommer. Wie sehen Sie das Schaffen Ihres Vorgängers? Werden Sie das eine oder andere fortführen? Gibt es schon Pläne für Neues?
Die Festwoche der Kirchenmusik wird fortgeführt, ebenso der Orgelsommer. Ansonsten werden Themen wie die Landesgartenschau 2022 oder der bald 500-jährige Geburtstag der Herausgabe des ersten Chorgesangbuchs durch den Torgauer Ur-Kantor Johann Walter die Kirchenmusik in Nordsachsen prägen. Als weitere vielleicht neue Veranstaltungen sind Familien- und Kinderkonzerte in der Planung. Obwohl das Stellenprofil nicht mehr ausschließlich Arbeitszeit in Torgau, sondern zu einem Prozentsatz auch Arbeit in den Kirchgemeinden der Region mit beinhaltet, plane ich doch, vieles von dem fortzusetzen, was Ekkehard Saretz aufgebaut hat: Nahezu alles davon deckt sich mit meinen eigenen Vorstellungen und Wünschen. Sehr dankbar bin ich daher dafür, eine Stelle antreten zu können, auf der nicht nur sehr gute Orgeln in Marien-und Schlosskirche, sondern auch hervorragende weitere kircheneigene Tasteninstrumente wie Cembalo und Truhenorgel angeschafft werden konnten und wo dank wunderbarer, prägender Arbeit durch Ekkehard und Hildegard Saretz viele Menschen in Kirchgemeinde und Stadt eine gute Kirchenmusik kennen, schätzen und lieben. Inwieweit man allerdings generell zu oder nach Pandemiezeiten auf bewährte Formate der Kirchenmusik zugreifen kann oder ob es statt Fortsetzung eine Neuausrichtung geben wird, weil etwa Chorarbeit in gewohnter Größe noch lange nicht möglich ist, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt.


Wann ist Ihre offizielle Einführung geplant?
Der Einführungsgottesdienst ist – so er gemäß der Lage stattfinden kann – am Sonntag, dem 18. April 2021, um 14 Uhr in der Torgauer Stadtkirche St. Marien geplant.


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