Dienstag, 11. Dezember 2018

 
Donnerstag, 25. Oktober 2018

HISTORIE

Dem Kornhaus zwanzig Jahre lang treu gedient

Links: Paul und Elisabeth Kießler, 17. April 1920. Rechts: Paul & Waltraud Kießler 1931.Foto: privat

Von Dr. Bernd-Wilfried Kießler

Torgau. Otto Paul Kießler – Zwei Weltkriege als Kraftfahrer überlebt

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Zehn Jahre nach dem Tod meiner Tante Waltraud Hilcher, geborene Kießler, fand ich in ihrem Nachlass zufällig zwischen einem Stapel Fotoalben ein in Pergament gebundenes Schriftstück mit dem Titel „Die Geschichte der Familie Kießler“. Darin porträtiert sie im Alter von 14 Jahren sich selbst und ihre Eltern, ihre Großeltern und ihre Schwester. Bei der Beschreibung ihres Vaters, meines Großvaters, beeindruckt die bittere Armut und Kinderarbeit Ende des 19. Jahrhunderts. Dass die Teilnahme an zwei Weltkriegen kein touristischer Ausflug war, muss nicht betont werden.

Unser Vater Otto Paul Kießler wurde am 22. Mai 1893 in Arzberg (Kreis Torgau) geboren. Am 7. Juni 1893 erhielt er in der Dorfkirche die Taufe. Er war der Zweit-
älteste einer kinderreichen Familie und musste deshalb von klein auf tüchtig mit zupacken. Im Sommer ging es zeitig zum Bauern. Bald waren für ihn Garben binden, Puppen aufstellen, stoppeln, umgraben und Rüben und Kartoffeln ausmachen keine ungewohnten Arbeiten mehr.

Von sechs Jahren an ging es neben der vielen Arbeit jeden Tag mit den Büchern unterm Arm zur Schule. Als Schuljunge fuhr er jede Woche mit dem Kinderwagen nach Torgau. Dort kaufte er ein. Wenn noch Zeit war, sprang er schnell zu seiner Tante herauf, die immer einen leckeren Bissen für ihn bereit hielt. Eh dann die Sonne unterging, trottete er wieder der Heimat zu. Ein Sechserbrötchen war die Belohnung auf dem Heimweg. Müde gelangte er zu Haus an. Doch bevor das Vieh nicht gefüttert war, hatte er keinen Feierabend.

Nach achtjährigem erfolgreichem Schulbesuch in Arzberg wurde er am 24. März 1907 in der Dorfkirche konfirmiert. Es erwachte in ihm nun der große Wunsch, das Autofahren zu erlernen, da zu dieser Zeit die ersten Autos auf den Straßen herumfuhren. Doch er hatte noch vier Brüder, die auch etwas lernen wollten, und so musste er sich sein Lehrgeld selbst verdienen. Mit 20 Jahren hatte er es endlich geschafft. Er besuchte in Leipzig-Schönefeld eine Fahrschule. Hier lernte er sechs Wochen lang. Von dort ging es nach Halle in die Autowerkstatt zur weiteren Ausbildung.

Am 7. März 1914 legte er die Führerscheinprüfung Klasse 3 in Leipzig ab und nahm am 1. April eine Stelle bei einem Arzt in der schönen Wartburgstadt als Kraftfahrer an. Doch schon im August desselben Jahres war die schöne Zeit in Eisenach vorbei. Der Weltkrieg war ausgebrochen. Der Arzt wurde eingezogen, unser Vater ging nach Torgau zurück. Das Kornhaus suchte einen Kraftfahrer: Er nahm die Stelle an.

Am 4. Januar 1915 wurde aber auch er eingezogen. Er kam nach Berlin-Schöneberg zum Kraftfahrbataillon im Garde-Korps. Nach kurzer Ausbildung erfolgte im Februar der Abmarsch über Prag nach Süd-Ungarn. Dort stellte man einen Kraftfahrpark im kaiserlichen Dienst auf. Die Russen waren bald ins Gebirge zurückgeschlagen. Also verlegte man den Kraftfahrpark nach den Karpaten. Unser Vater wurde abkommandiert zum Stab des Munitionskommandeurs in Galizien. Sein täglicher Dienst bestand darin, Offiziere zur Besichtigung an die Front zu fahren. Bis zum Ende des Krieges mit Rußland blieb er dort. Danach ging es quer durch Deutschland ins Elsaß, und zwar in die schöne Stadt Straßburg. Von dort gab es den ersten Urlaub. Vor der Heimreise wurde er zum Gefreiten befördert. Im Urlaub traf er seinen ältesten Bruder, der für einige Tage von der Westfront in die Heimat gekommen war.

Unser Vater war Leib-Chauffeur beim Inspekteur Generalleutnant von Dithfurth. In dieser Stellung erlebte er den Ausbruch der Revolution. Auch ihm wollte man seine Unteroffiziertressen herunterreißen. Doch er wehrte sich tapfer. Als das Elsaß geräumt werden musste, ging es nach Tübingen an den Neckarstrand. Nach ein paar Wochen schied er dann vom Militär.

Er trat wieder im Kornhaus ein. Am 11. April 1920 vermählte er sich mit Martha Elisabeth Bein. Sie mieteten sich eine Wohnung in der Schulstraße und richteten sich ein gemütliches Heim ein. Als er dem Kornhaus zwanzig Jahre treue Dienste geleistet hatte, brach wieder Krieg aus. Sein Lastkraftwagen wurde Anfang August eingezogen, und in Belgern wurde ein Baubataillon gesammelt. Nach vierzehn Tagen erfolgte der Abmarsch nach Oberschlesien.

Oppeln war die erste Haltestelle. Von da aus zog das Baubataillon bis zur polnischen Grenze in die Stadt Rosenberg. Es entwickelte sich hier eine lebhafte Tätigkeit, Aufmarschstraßen wurden gebaut. Dicht an der Grenze erlebte unser Vater den Ausbruch des Krieges. Nicht enden wollende Panzerkolonnen zogen ins polnische Land. Über ihnen donnerten am Morgenhimmel die deutschen Geschwader nach Osten. Als die Bauarbeiten beendet waren, lagerte sein Bataillon an der Warthe. In den Nächten fanden dort heftige Gefechte statt. Bald zog seine Gruppe nach Tschenstochau. Staunend stand unser Vater mit seinen Kameraden in der Kathedrale vor dem berühmten Bild der Schwarzen Madonna. Hier hieß es nun wieder Straßen bauen.

Noch nicht lange war das Bataillon da, als unserem Vater das Unglück passierte, dass ein Wagen streikte. Er musste mit ihm nach Oppeln zur Reparatur. Nach einer Woche war er aber wieder einsatzfähig. Es ging nun immer tiefer nach Polen hinein. Bald waren sie an der Weichsel. In Poltawa wurde Quartier aufgeschlagen und wie üblich Straßen gebaut. Von hier holten wir unseren Vater wieder in die Heimat. Meine Schwester und ich hatten ein Gesuch eingereicht.

Unsere Mutter war krank, und er wurde dringend zu Hause gebraucht. Das Gesuch fand Gehör, und unser Vater wurde entlassen. Er kam im November zu uns zurück, worüber wir uns alle riesig freuten. Da er im Kornhaus nicht wieder anfangen konnte, stellte man ihn an der Heeresmunitionsanstalt als Kraftfahrer ein. Hier erfüllt er in zehn- und mehrstündigem Dienst seine Pflicht an der Heimatfront.
Anmerkung: Paul Kießler arbeitete nach dem Krieg als Kraftfahrer bei der Stadt Torgau, später in der Spirituosenfabrik. 1959 siedelte er im Alter von 63 Jahren ins Saarland über und starb 1981 im 88. Lebensjahr.


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