Donnerstag, 17. Oktober 2019
Freitag, 11. Oktober 2019

TORGAU

Ein Ex-Junkie leistet Prävention

Ein Großteil des Projektes fand im Stuhlkreis statt. Foto: Christina Gaudlitz

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Buchautor und Webshow-Produzent $ick brachte ein Projekt zur Drogen- und Kriminalitätsaufklärung an die Oberschule Nordwest. Dabei ging es nicht nur um die illegalen Substanzen, sondern auch um Emotionen.

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Ein knappes halbes Jahr ist es nun her, dass die TZ über einen möglichen Drogenpräventions- und -äufklärungsworkshop an der Oberschule Nordwest berichtete. Das Jugendteam hatte damals die Idee entwickelt, den bekannten Autoren und Webvideo-Produzenten $ick nach Torgau zu holen, um offen über den Drogenkonsum und die damit verbundene Kriminalität mit deren Auswirkungen zu sprechen. Denn $ick, dessen richtiger Name übrigens nicht bekannt ist, hat auf diesem Gebiet viel Erfahrung. Mit 15 Jahren rauchte er das erste Mal Heroin, saß mit 18 zum ersten Mal im Gefängnis, Drogenhandel und andere Kriminalität sind ihm nicht fremd. Trotzdem hat er es rausgeschafft, eine Familie gegründet, ein Buch geschrieben und führt an Schulen seine Aufklärungs-Drogen-Projekte durch. Am Dienstag und Mittwoch war er, zusammen mit seinem Freund und Arbeitskollegen Paul an der Oberschule Nordwest zu Gast und sprach dort mit Kindern nicht nur über Drogen, sondern vor allem auch über Emotionen und den Umgang damit.

Ex-Junkie $ick sprach mit den Jugendlichen ganz offen über seine Erfahrungen mit Kriminalität und Drogen.

Allen geht es immer gut

„Wenn man heutzutage jemandem fragt „Wenn man heutzutage jemandem fragt ,wie geht es dir’, dann ist 100 Prozent die Antwort ,gut’. Und in den meisten Fällen ist es auch gelogen“. Mit dieser Aussage fasst Paul Lücke, Mitorganisator der Aufklärungs-Drogen-Tour, das Problem zusammen. Viele Jugendliche würden regelmäßig zu den bewusstseinsfördernden Substanzen greifen, weil sie mit ihren eigenen Emotionen nicht klarkommen. „Wann geht es einem wirklich gut, das ist die große Frage. Mit der fangen wir dann an, die Schüler auf die Reise durch die Gefühle mitzunehmen.“

Denn genau dort liege der Schlüssel zur Drogenprävention und -aufklärung. Zumindest nach Aussage des ehemaligen Junkies $ick. Die Drogen seien wie eine Art Knopf, den man drücken kann um sich gut zu fühlen. Und die heutige Gesellschaft kenne diesen Knopf. „Deswegen haben wir auch so einen hohen Anteil an Süchtigen und Suchtgefährdeten,“ sagt er. „Weil dadurch fühlst du dich einfach besser. Da lautet dann die Antwort auf die Frage („wie gehts dir?“; Anm. d. Red.) immer ,gut’. Aber das ist kein echtes Gefühl.“

Gruppentherapie im Klassenzimmer

Über 60 Schüler der 8. Klasse nahmen insgesamt an dem Projekt an der Oberschule Nordwest teil. Die erste Gruppe befasste sich von 8 bis 13 Uhr am Dienstag damit, die zweite folgte am Mittwoch. Hätte ein Außenstehender in diesen Stunden einen Blick in die Klassenzimmer geworfen, er hätte eher an eine Art Gruppentherapie oder dergleichen gedacht. Zusammen mit $ick und Paul saßen die Schüler in einem großen Stuhlkreis und sprachen miteinander. Zuerst erzählten die beiden Dozenten von sich und ihren Erfahrungen mit Drogen, danach waren die Jugendlichen an der Reihe. Die Lehrer waren während des kompletten Projekts abwesend, was den Schülern die Möglichkeit gab, völlig offen zu sprechen.

Dabei machte das eigentliche Thema, nämlich die Erfahrungen mit Drogen nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der Gesprächszeit aus. Denn $ick und Paul ging es vor allem darum, die Jugendlichen für ihre eigenen Gefühle zu sensibilisieren. „Die Gefühle stehen über allem“, erklärt Paul und $ick fügt hinzu: „Aber die meisten Schüler wissen gar nicht mehr, wie sie sich eigentlich fühlen. Das war bei mir damals auch so. Gefühle haben mich unsicher gemacht, weil ich sie nicht verstanden habe und nicht damit umgehen konnte. Und das haben wir auch heute wieder bemerkt und bemerken es eigentlich an jeder Schule.“
Daher rät er jedem, ob innerhalb oder außerhalb des Projektes, an sich selbst und seinem Gefühlszustand zu arbeiten. Denn man könne durchaus daran arbeiten, glücklich zu werden. „Und das muss man auch. Denn Glück bringt dir keiner vorbei.“ Dies sei immer mit einer Anstrengung und Überwindung verbunden, die sich am Ende aber auch mehr als auszahle.

Am Dienstag und Mittwoch beschäftigten sich die Schüler der Klassenstufe 8 der Oberschule Nordwest mit dem Thema „Drogen“. Dabei wurde nicht nur auf die Substanzen selbst eingegangen, die Jugendlichen lernten auch viel über ihre eigenen Gefühle.

 

Die Drogen kennenlernen

Doch auch wenn in dem Projekt an der Oberschule Nordwest viel über die Gefühle der einzelnen Jugendlichen gesprochen wurde, gerieten die Drogen dabei zu keinem Zeitpunkt in den Hintergrund. So war ein Teil des Projektes auch die Beschäftigung mit den einzelnen Drogen. In kleinen Sechsergruppen lernen die Schüler jeweils eine Substanz kennen, erfahren etwas über die Wirkung, die Folgen und das Abhängigkeitspotential. „Bei mir war es damals so, dass ich keine Ahnung hatte, was ich da eigentlich nehme,“ erklärt $ick. „Hauptsache es ballert. Und wir wollen den Jugendlichen nun zeigen, was das eigentlich alles für Zeug ist. Denn wenn ich die Stoffe kenne, dann geh ich automatisch anders ran. Und wenn man es nicht kennt, dann gibt’s absolut keine Fragen mehr.“

Damit stießen die beiden Dozenten auf offene Ohren bei den Jugendlichen. Von einigen Substanzen hatten die Schüler bereits etwas gehört, andere waren ihnen komplett neu. Wie Paul Lücke außerdem erzählt, hätten sich die Jugendlichen durchaus kritisch mit dem Thema befasst, was ein wichtiger Impuls sei. „Der ein trägt das dann in seinen Freundeskreis, wo es wieder weitergetragen wird um am Ende wissen dann alle Bescheid. Und dann haben sie schonmal eine große Diskussion geführt, ob cool oder nicht cool.“

Immer auf Augenhöhe

Für $ick und Paul ist bei der Durchführung vor allem eines immer ganz wichtig: die Augenhöhe. Es werden keine Diskussionen von oben herab geführt oder einzelne Schüler gar verurteilt, sondern sie bewegen sich stets auf einer Eben mit den Schülern. Und das war am Ende auch der Punkt, der die Schüler besonders überzeugte. Wie die 15-jährige Ariana am Ende gegenüber der TZ erklärte, sei vor allem die Offenheit der beiden Männer bei ihr gut angekommen. „Ich fand es spannend, wie er ($ick; Anm. d. Red.) über sein Leben geredet hat und uns das Thema Drogen sehr gut und auch deutlich erklärt hat.“ Auch die Tatsache, dass er jede Frage, die ihm gestellt wurde, ganz offen und ehrlich beantwortete, machte einen guten Eindruck bei dem Mädchen.

Eine ähnliche Meinung vertrat auch ihre Mitschülerin Michelle. Auch die 16-Jährige war von der Geschichte $icks und seinem offenen Umgang damit beeindruckt. „Ich fand es cool, dass er sich so viel Zeit für uns genommen hat. Aber auch ein ganz großes Dankeschön an das Jugendteam Torgau. Ohne das hätten wir ihn niemals getroffen.“

Das Jugendteam als Initiator

Und das ist keine Untertreibung. Denn tatsächlich hatte das Jugendteam Torgau im Vorfeld des Projektes um dessen Realisierung gekämpft. Sie waren zu Gast bei Elternabenden und Sitzungen des Elternrats, sprachen mit Lehrern und der Schulleitung und sammelten schlussendlich auch über 1000 Euro, um $ick tatsächlich an die Schule zu bringen. „Da half uns der Spendentopf der Stadtwerke Torgau. Dort gewannen wir mit dem Projekt allein 750 Euro. Der restliche Teil sind Eigenmittel vom Jugendteam, vom Förderverein der Schule und eine Unterstützung der Wirtschaftsförderung des Landkreises Nordsachsen. Insgesamt haben wir ein dreiviertel Jahr gebraucht, eh wir alles zusammen hatten. Aber es hat sich gelohnt. Danke nochmal an alle Unterstützer!“

Für Christina Gaudlitz wie auch das gesamte Jugendteam war die Realisierung des Projektes eine regelrechte Herzensangelegenheit. Mehrere Mitglieder des Teams besuchen die Schule und kennen auch $ick und seine Serie Shore, Stein, Papier auf YouTube und waren dementsprechend Feuer und Flamme, ihn  mit seinen Erfahrungen nach Torgau holen zu können. „Die Jugend und die Schulen liegen mir am Herzen und ich bin unheimlich froh, dass wir dieses Projekt vor Ort umsetzen konnten“, sagt Christina Gaudlitz, die Vorsitzende des Jugendteams.  „Und es wird sogar weitergehen. Bereits für dieses Schuljahr befinden wir uns gerade in der Abstimmung für den nächsten Termin und im nächsten Schuljahr geht es auch schon weiter. Das sagt alles. Viele Leute aus dem Jugendteam haben an diesem Projekt gearbeitet, ich bin wirklich stolz auf sie!“

Zusammen mit dem Jugendteam führte TZ-Redakteur Nick Leukhardt ein ausführliches Interview mit $ick und Paul. Dieses wurde komplett aufgezeichnet und wird vom Jugendteam in der kommenden Woche veröffentlicht. Foto: Privat

 

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