Freitag, 20. September 2019
Donnerstag, 5. September 2019

HISTORIE

Ein letztes Treffen

Von Annelore Bösch

Annelore Bösch beschreibt im Buch „Elbschatten“ ihre Kindheit in Dommitzsch / Heute endet die Serie

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Dommitzsch. Bei dieser Arbeit war sie auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt. Hier hatte sie keine Illusionen, die manchmal in ihrem Kopf herumspukten, hoffend, in einer Menschenmenge einen bestimmten hellblonden Schopf zu erspähen. Sie hatte oft das Gefühl, ihm irgendwo zu begegnen, obwohl sie drei Jahre lang nichts von ihm gehört hatte. Als sie ihrer Mutter sagte, dass sie sich mit Siegmund treffen wollte, stieß sie wieder auf das „Tu das nicht!“. Aber sie hatte so lange davon geträumt, ihn wiederzusehen, und niemand konnte sie daran hindern.

Sie zog ein eng tailliertes schwarzes Kostüm an, setzte ein kleines gelbes Hütchen auf und fuhr nach Dortmund. An der Sperre stand er. Mit strahlendem Lächeln umarmte er sie, deren Tränen die Wangen hinunterrannen. „Nicht doch, sieh mal, ich habe mir extra neue Schuhe gekauft, und die Verkäuferin hat mir dazu die passenden Strümpfe angedreht!“
Sie musste lachen, zu Sentimentalitäten gab er ihr keine Chance, hakte sie unter und in weltmännischer Manier führte er sie in seinem schicken hellgrauen Anzug in das nahe gelegene Lokal „Laterne“. Während des Essen bemerkte er: „Wir werden beobachtet!“

„Ach, wer soll denn an uns Interesse haben?“, erwiderte Lorchen. Doch Siegmund zahlte und meinte: „Oben ist eine kleine Bar, wir können dort verweilen.“
Lorchen erfuhr, dass er wieder verheiratet war, eine Tochter von zwei Jahren hatte und seine Frau das zweite Kind erwartete. Wegen räumlicher Unzulänglichkeiten sei sie zurück in die DDR gefahren zu ihrer Mutter, mit der sie sich sowieso besser verstünde als mit ihm. Er arbeitete in einer Kokerei am Hochofen und war im Betriebsrat. Er organisierte Demonstrationen gegen die Atompolitik, was auch im „Spiegel“ nachzulesen war.
„Aber wovon lebt deine Familie, wenn du hier bist!“
„Ich schicke Pakete, manchmal besuche ich sie auch, sie kommen schon zurecht. „Und was hast du sonst vor? Du bist doch kein Kokereiarbeiter.“ „Ach, ich habe Pläne für England und Griechenland.“
Lorchen begriff nichts, fragte auch nicht weiter. Sie spielten „Tom Dooly“ und aus dem flotten Tänzer von ehemals war ein nachdenklicher, jeden Schritt bedenkender Mann geworden.

„Bleibst du heute hier?“, fragte er sie. „Nein, ich habe morgen früh um sieben Uhr Dienst.“ Beim Abschied am Bahnhof fragte sie: „Sehen wir uns mal wieder?“ „Aber sicher, ich melde mich wieder.“
In einem unerklärbaren Gefühl rief sie ihm nach: „Pass auf dich auf!“ Sie spürte, dass etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen lag, seine nicht gespielte plötzliche Wesensveränderung beunruhigte sie. Sie schrieb ihm ein paar Zeilen auf einer Briefkarte, bedankte sich für das Treffen und bat ihn, nicht so leichtgläubig und vorsichtiger zu sein und mehr Verantwortung für seine Familie aufzubringen.
DDR-Spitzel

Vergeblich wartete sie auf ein Lebenszeichen. Drei Wochen nach dem Dortmunder Treffen standen plötzlich während der Arbeitszeit zwei Kriminalbeamte vor ihr: „Haben Sie den Brief an Herrn Dastych geschrieben?“ „Ja, warum?“ „Was bedeuten die Worte: „Du musst vorsichtig sein“?“ „Es ist einfach so eine Rede, ein Gefühl, das man empfindet, wenn man jemanden kennt. Aber wie kommen Sie zu diesem Brief?“ „Siegmund Dastych ist tot. Er war ein DDR-Spitzel. Wir sind nicht sicher, inwieweit Sie in die Dinge mit hineingezogen wurden. Halten Sie sich zu unserer Verfügung.“

Damit verließen sie die Station. Lorchen konnte sich nur mit Mühe aufrecht halten, sie lehnte sich an die Wand und verkrampfte beide Hände ineinander, als sollten sie Körper und Seele stützen. Sie war unfähig, einen Schritt zu tun, bis ihr eine Mitschwester hilfreich unter die Arme griff und sie aus der Starre löste. Traumwandelnd nahm sie eine Pause, um ihre Gedanken zu ordnen.
Siegmunds Mutter berichtete, dass er auf dem Weg zur Arbeit als Sozius auf dem Motorrad eines Arbeitskollegen sitzend verunglückt sei. Dieser wollte einem Fahrradfahrer in einer Linkskurve ausweichen, verlor die Gewalt über seine Maschine, knallte gegen einen Laternenpfahl und starb noch am Unfallort.

Siegmund kam mit Becken- und Wirbelbruch ins Krankenhaus, wo er im Alter von 31 Jahren und querschittsgelähmt drei Tage später seinen schweren Verletzungen erlag. Er wurde nach Merseburg überführt und fand neben seinem Vater, der kurz zuvor gestorben war, seine letzte Ruhe. Lorchen verbarg ihre Tränen in einem Strauß roter Rosen, die sein Grab schmückten, das sie nie besuchen konnte. Der Tod machte sie frei. Sie brauchte nicht mehr zu hoffen, zu warten, zu suchen. Die endgültige Gewissheit, dass es nie mehr eine Annäherung in diesem Leben mit dem fröhlichem, doch in letzter Zeit zersplitterten Kämpfer für eine heile Welt geben konnte, ließ sie allmählich erstarken. Die ihr angebotene Stelle als Lehrschwester am Krankenhaus Dortmund, die sie so lange ersehnt hatte, trat sie nicht an. Es war Siegmunds Sterbehaus. Wo Licht ist, ist auch Schatten.
  - Ende -

(Die TZ bedankt sich an dieser Stelle noch mal ausdrücklich bei der Autorin, dass sie den Abdruck des Buches ermöglichte)


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