Mittwoch, 21. August 2019
Donnerstag, 14. Februar 2019

HISTORIE

Geschichten vom "Knaster", dem Kriegsbeginn und rutschenden Buxen

Von Annelore Bösch

Dommitzsch. Der Schulalltag des kleinen Lorchens / Die aktuelle Serie in der TZ: Annelore Bösch beschreibt im Buch „Elbschatten“ ihre Kindheit in Dommitzsch

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In den ersten Jahren unterrichtete Herr Knechtel Mathematik, Religion und später Musik. In Religion hielt er sich merkwürdigerweise sehr lange bei dem Satz: „Maria war schwanger.“ auf. Hier sollten die Umstände genau von den Schülerinnen erläutert werden, was in eine sehr peinliche Situation ausartete, denn es gab keinen Sexualunterricht und Elfjährige fanden darauf keine Antwort. Schlimmer wurde es in Musik.

Der gute Mann holte sich besonders gut entwickelte Mädchen, wie Lilo und Erika Prügner, nach vorn, umfasste ihren Brustkorb und machte mit ihnen Atemübungen. Diese Sache wurde Lorchen, die ein Jahr älter und wenig entwickelt war, zu bunt. Mit den Altstimmen hatte der Lehrer nie Probleme, sie sangen vom Blatt ab, ohne korrigiert zu werden. Aber nun hieß es: „Wir streiken und singen alles falsch.“

So sehr er sich auch bemühte, „der Alt“ blieb hart und sang schließlich überhaupt nicht mehr. Daraufhin knallte Knechtel den Deckel des Flügels zu und hastete hinaus. Ein paar Minuten danach erschien er mit der Direktorin, die die Unart der Schülerinnen rügen wollte. Diese blieben jedoch stumm. Ohne weitere Verhandlungen verließen die Lehrer den Musiksaal, in dem nie wieder mit dieser Klasse unter diesem Lehrer gesungen wurde. Recht so! Sie nannten ihn übrigens „Knaster“. Nach ähnlichen Vorkommnissen wurde er dispensiert.

Das monatliche Schulgeld betrug für Lorchen 25,50 Mark, hinzu kamen Büchergeld und 10,80 Mark für die Monatskarte. Als sie einmal ihre Fahrkarte nicht fand, musste sie kurzerhand die dreizehn Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen. In der Turnhalle angekommen, fand sie die Karte in einem Turnschuh. Das Fach „Turnen“ liebte Lorchen, nur am Reck klappte es nicht so gut. Bei einem Schulsportfest errang sie eine Medaille im Schlagballweitwurf. Ehrgeizig übten Lorchen, Erika Rothe, Gundel Rosin in Lorchens Garten die Technik des Kugelstoßens mit großen Steinen.

Im Übereifer schoss Erika, ohne das Kommando abzuwarten, und traf Lorchen am Kopf, die nur noch blitzende Sterne sah und ohnmächtig wurde. Die Freizeitgestaltung Gleichaltriger fand abends auf dem Marktplatz statt. Dort spielten sie „Räuber und Gendarm“, „Dillewupp“, „Abends, wenn der Mond scheint ...“, „Himmel und Hölle“ oder spielten mit zwei oder drei Bällen „Facken“, wobei die Bälle nacheinander an die Hauswand geworfen wurden, ähnlich einem Jongleur. Fiel ein Ball, kam der nächste dran. Es war eine lustige Schar Mädchen und Jungen, die nie Langeweile hatten und sich köstlich vergnügen konnten.

Am 1. 9. 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Anfänglich verlief der Unterricht ohne große Schwierigkeiten. Die Bimmelbahn kam von Pretzsch und fuhr von Domatzsch eine halbe Stunde bis Torgau. Es gab Schülerabteile, die natürlich von anderen Fahrgästen vorsichtshalber gar nicht betreten wurden. Die Jungen ließen auch niemanden hinein, Es war eine wilde Rasselbande. Die Größeren kommandierten die Jüngeren, die neben ihrer eigenen auch die Schultasche der Höherklässler tragen mussten. Waren sie dazu nicht bereit, war es Befehlsverweigerung, der Jungstammführer U.L. verhängte Strafen: Die Jüngeren durften sich nur auf bestimmte Plätze im Zug setzen. Einmal hielt er nach der Anfahrt ab Torgau in der großen Kurve einen Erstklässler aus dem Fenster, ganz zum Spaß, und für den Jungen bedeutete es Todesangst. Man richtete sich nach der Devise: „Gelobt sei, was hart macht!“

Für Lorchen musste man aus einer grauen Filzdecke einen Wintermantel nähen. Der Stoff war so dick und schwer wie Blei, dass sie sich nicht damit hinsetzen konnte. Es war ein leicht taillierter Gehmantel mit außen aufgesetzten Taschen. Es gab natürlich auch keine Unterwäsche. Man trennte irgendwelche Stricksachen auf, um daraus warme Unterhosen zu fertigen. Aber dafür fehlte wieder Einzugsgummiband. Aus alten Schlüpfern zog man das schon ausgeleierte Band, das jetzt neue Dienste verrichten sollte. Nun begab es sich, dass solches Not-Gummiband bei einem Bummel auf der Berliner Friedrichstraße mitten im kalten Winter riss und die Buxe dem Gefälle nach ins Rutschen kam. Wegen des dicken Mantelstoffes konnte der Griff in die Taschen das Missgeschick nicht verhindern, eiligst wurde das Corpus Delicti vom Körper gestreift. Neben dem Kühleffekt hatte man noch die Lacher auf seiner Seite.

 

Info:

Die Autorin Annelore Bösch hat vor zehn Jahren ein Buch namens Elbschatten veröffentlicht, in dem sie ihre Kinder- und Jugendzeit in der Kleinstadt Dommitzsch beschreibt. Sie ist mittlerweile 90 Jahre alt und lebt in Lage, Nordrhein-Westfalen. Der Heimatzeitung gab sie gerne ihre Zustimmung zum Abdruck einiger Episoden. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte die frühere Heilpraktikerin in der ehemaligen DDR – von 1928 bis circa 1951 wohnte sie in Dommitzsch. Ihre Karriere als Schriftstellerin begann die Seniorin vor etlichen Jahren mit einem Kinderbuch. Inzwischen hat sie mehr als zehn Bücher verfasst. Das Werk „Elbschatten“ ist leider im normalen Vertrieb nicht mehr zu erwerben, da der Verlag pleite ist. Die TZ-Leser können sich anhand der Geschichten ein Bild machen, wie die Lebensverhältnisse in der Vor- und Nachkriegszeit waren und welche Herausforderungen die Menschen im Alltag zu bewältigen hatten.


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