Samstag, 3. Dezember 2022
Donnerstag, 25. August 2022

TORGAU

Zersetzt: Oppositionelle im Fadenkreuz der Stasi

von Silke Kasten

Torgau. Er war an vieles gewohnt: Ständige Überwachung und Bespitzelung, Vorladungen, heimliche Hausdurchsuchungen, Verfolgungsjagden, böse Gerüchte. Doch dass die Stasi mit ihrem Terror auf sein Leben zielte - damit hatte er nicht gerechnet. Und dann stand eines Nachts plötzlich hinter einer Kurve ein Laster quer auf der Straße.

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Torgau

Der oppositionelle Pfarrer Christian Sachse, von 1981 bis 1990 im Kirchenkreis Torgau tätig, überstand alles, physisch und psychisch. Auch sein Torgauer Kollege Matthias Grimm-Over, damals wie heute Referent für Kinder-, Jugend- und Familienarbeit des Evangelischen Kirchenkreises Torgau-Delitzsch. Andere hatten weniger Glück. Einige zerbrachen Jahre später an ihrem Schicksal, auch wenn sie den Staat, der sie malträtierte, überlebten. Von einigen dieser Betroffenen erzählt die neue Sonderausstellung "Zersetzung" im Torgauer DIZ, die noch bis zum 3. Oktober zu sehen ist.

Ziel: Verunsicherung

Die perfiden Methoden der Stasi, die auf psychologische Manipulation abzielten, kamen mit Etiketten im sterilen Technokraten-Deutsch daher: "Operativer Vorgang (OV) oder "Operative Personenkontrolle" (OPK). Dahinter verbargen sich Maßnahmen gegen einzelne Bürger und Gruppen, die als systemkritisch galten - in allen erdenklichen Spielarten. Ihr Leben sollte aus den Fugen geraten, und oft passierte dies auch. Ziel war es, Angst, Panik, Verwirrung sowie Verunsicherung zu stiften und so das Selbstvertrauen der Betroffenen zu erschüttern.

Die Zersetzung fand ab 1976 systematisch und im Geheimen statt, also unterhalb der Ebene strafrechtlicher Verfolgung. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) blieb als Motor und Koordinator der Maßnahmen in der Regel im Verborgenen. Das hatte für die DDR den Vorteil, dass sich die Betroffenen nicht wehren konnten. Gleichzeitig gelang es, international so wenig wie möglich Aufsehen zu erregen, im Gegensatz etwa zu den spektakulären Schauprozessen in den 50er- und 60er-Jahren. Eine geräuschlose Repression, die nach innen wirkte, aber von außen weitgehend unsichtbar blieb - und so den Bemühungen der Staatsführung um Reputation und wirtschaftliche Kontakte nicht im Wege stand. Allein in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre wird die Zahl der Personen, die Zersetzungsmaßnahmen ausgesetzt waren, auf etwa 20 000 bis 25 000 geschätzt.

Das ist jetzt über 50 bis 33 Jahre her. Wie gehen die Betroffenen damit um? Daran erinnern oder abhaken? Die TZ sprach mit drei Menschen, die sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. Weil sie es so wollen oder weil sie auch gar nicht anders können.

Christian Sachse (68) stand bei den Zersetzungs-Spezialisten der Stasi ganz oben auf der Liste ("OV Apostel"). Schon als Vikar in Arzberg (1981-1983) erregte er durch seine oppositionelle Arbeit ihren Argwohn, und das sollte sich während seiner Zeit als Pfarrer in Torgau (1983-1990) noch einmal verschärfen. Dabei legte er sich nicht nur mit der Staatsmacht an, indem er mit oppositionellen Jugendlichen arbeitete, sondern auch mit seiner eigenen Kirche als Mitbegründer des widerständigen Netzwerkes "Arbeitskreis Solidarische Kirche". Kritisch in alle Richtungen war auch das von ihm ins Leben gerufene Kabarett "Götterspeise", das DDR-weit tourte.

Führende Köpfe der Opposition in Torgau: Christian Sachse Torgau (re.) und im Bild oben Matthias Grimm-Over (privat)

"Die Stasi fing unsere Briefe ab, stellte das Telefon ab und platzierte Zuträger in der Szene der Oppositionellen", erzählt Sachse. Das alles war den Akteuren in Torgau damals bewusst. Und doch kam es immer wieder zu Situationen, die ihn aus der Bahn zu werfen drohten. "Als ich in Torgau anfing, kamen nach und nach immer weniger Jugendliche zu mir", erzählt er. Das habe ihn damals zunächst stark verunsichert. Lag es an ihm? Hatte er, der in Arzberg so beliebte Vikar, den Draht zu den jungen Leuten verloren?

Druck auf die Eltern

Die Antwort erfuhr er irgendwann durch den Buschfunk: Die Stasi hatte die Eltern jener jungen Leute, die eigentlich seine Junge Gemeinde oder seine Arbeitskreise besuchen wollten, eingeschüchtert. Sie hatten Einladungen zu "Gesprächen" erhalten, in denen man ihnen unmissverständlich oder auch nur andeutungsweise klar machte: Sollte ihr Kind sich weiter im Dunstkreis von Sachse aufhalten, würde es mit einem Studienplatz nichts werden. Das zog.

Welche Anstrengungen die Stasi unternahm, um ihn nicht nur mundtot zu machen, erfuhr er aber erst nach der Wende. Inzwischen ist er sich ziemlich sicher: Dass die Bremsen seines fabrikneuen Trabis gleich zweimal versagten, war vermutlich kein Zufall.

Und auch nicht jener Vorfall auf einer Landstraße nachts auf dem Weg von Leipzig nach Torgau: "Hinter einer Hügelkuppe bei Jesewitz stand plötzlich ein Armeelaster quer", erzählt Sachse. Er konnte bremsen, stieg aus und fragte, was los sei. Uniformierte warfen ihm "Ölwanne kaputt" zu, stiegen eilig ein und rauschten davon. Ölflecken fanden sich keine auf der Straße.

Kurz nach der Wende hängte Sachse seinen Beruf an den Nagel und verließ Torgau in Richtung Berlin. Nach Politikstudium und Promotion widmete er sich dort der Erforschung des DDR-Unrechts, darunter Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen und Methoden der Heimerziehung. Vom Betroffenen zum Wissenschaftler, der aus der Vogelperspektive Zermürbungstaktiken analysiert, die er nur zu gut kennt.

Deckname "Dialog"

Einen anderen Weg wählte Matthias Grimm-Over (62). Als Kreisjugendwart war er 1987 nach Torgau gekommen. Hier setzte er seine lange zuvor begonnene kritische Arbeit mit Jugendlichen zu Themen wie Pazifismus und Umweltschäden fort. Gleich zu Beginn eckte er an, indem er mit jungen Mitstreitern Protestaktionen zum Olof-Palme-Friedensmarsch in Torgau durchführte. Seine OPK-Akte trug den Decknamen "Dialog", und wie bei Sachse bediente sich die Stasi ihres kompletten Instrumentariums - neben den ständigen Ausspähungen brach man in seine Wohnung ein, verwüstete sein Arbeitszimmer und nahm ihn wiederholt kurzzeitig in Gewahrsam. "Aber als Angehöriger der Kirche blieb ich vom Schlimmsten verschont", ist Grimm-Over überzeugt. "Andere hat es ärger getroffen."

Für sich selbst hat er schon lange entschieden, so wenig wie möglich zurückschauen zu wollen. Als Christ sei er davon überzeugt, dass es die Zeit der Ab- und Aufrechnung nach mehr als einem Vierteljahrhundert vorbei sein müsse. Er wählt den Blick nach vorn.

Für die 62-jährige Ärztin Kornelia Schwabe, die heute in Leipzig lebt, ist das Erinnern nicht nur eine Frage des Willens. Zu übel hat die Stasi ihr damals mitgespielt: Nach einer Flugblattaktion 1983 gegen die Stationierung von SS-20-Mittelstreckenraketen in der DDR kamen sie, ihr damaliger Freund und weitere Studenten in Untersuchungshaft. Es waren wenige Wochen, die sich für sie verheerend auswirkten. Post von Freunden und Familie hat man ihr nicht ausgehändigt. Nach der Wende hat sie diese Briefe und Karten in ihrer Stasiakte gefunden. Während sie einsaß, sagte man ihr, dass sich ihre Mutter enttäuscht von ihr abgewandt habe. Und nach der Entlassung dürfe sie nicht mehr in ihre Heimatstadt zurückkehren - sei denn, sie "kooperiere" mit einem "Betreuer" (ein offensichtlicher Anwerbeversuch der Stasi, so wie es oft in Notlagen geschah). Sie lehnte ab. Ihrem Freund hatte man damals gesagt, sie würde mit der Stasi zusammenarbeiten. Man nötigte ihn, sich in den Westen zu entlassen, was er dann auch tat.

Kornelia Schwabe merkte später, dass ihr aus dieser Zeit ein "tiefes Misstrauen" erhalten geblieben ist. Dieses habe sich belastend auf ihre persönlichen Beziehungen ausgewirkt.

Manipulation auch in der U-Haft

"Das war eine Strategie der Stasi, dass sie die Leute auch in der U-Haft maximal verunsicherte", erläutert Christian Sachse. Ziel sei es gewesen, die Opfer zur gewünschten Aussage oder zur inoffiziellen Mitarbeit zu nötigen. So perfide es war: Selbst hier, in der Untersuchungshaft, blieben die Zersetzungsmaßnahmen für die Betroffenen nebulös, unfassbar, gespenstisch. Sich wehren? Zwecklos.

Sachse, Grimm-Over und Schwabe haben es geschafft, das Erlebte in ihrem Erfahrungs-Rucksack so zu verstauen, dass sie damit ihren Weg weitergehen konnten. Die Ausstellung zeigt, dass dies nicht jedem glückte.

Literaturtipp:

Gabriele Beyler/ Ingolf Notzke (Hrsg.): "Sie schufen sich ihre eigene Opposition". Die Friedliche Revolution in Torgau. Leipziger Universitätsverlag, 206 Seiten, 2015 (mit Beiträgen von Christian Sachse).

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