Montag, 26. August 2019
Donnerstag, 16. Mai 2019

HISTORIE

Mit hochrotem Kopf und viel Herzklopfen

Von Annelore Bösch

Annelore Bösch beschreibt in ihrem Buch „Elbschatten“ ihre Kindheit in Dommitzsch

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Dommitzsch. Ausladen, umpacken, einräumen! Der liebe Sonntag war der stets betenden Stationsschwester nicht sehr heilig. Zumindest, was die Arbeit der Praktikantinnen anbelangte. Praktischer Einsatz hieß nämlich: Fenster putzen im großen Saal. Die Fenster waren hoch und zahlreich, sodass der Sonntagvormittag beschäftigungsintensiv war.

Der Umgang mit Instrumenten und Spritzen gestaltete sich nach Gebrauch so, dass diese erst unter fließendem Wasser abgespült werden mussten, dann folgte die Desinfektion. Mit Blut und Eiter behaftete Instrumente wurden in einer Desinfektionslösung gelegt, ehe sie sterilisiert wurden. Spritzen und Injektionsnadeln wurden extra auf ein großes Kupfersieb gelegt und danach ausgekocht. Lorchen durfte die Vorarbeit dafür leisten: Das mitunter von Grünspan behaftete Sieb musste blank geputzt werden und wurde von der Zweitschwester kontrolliert.

Im Dienstzimmer lagen häufig Frischoperierte, die einer besonderen Aufsicht bedurften. Lorchen wurde nach einer gewissen Zeit eingeteilt, einem Frischoperierten nach geplatztem Magen beizustehen. Es war ein großer, starker Mann, dem sie ab und zu ein Stück Eis zum Lutschen verabreichen durfte. Gierig verlangte er danach, indem er seinen Mund öffnete und das Wort „Durst“ hauchte. Er wälzte sich unruhig im Bett herum, ergriff mit letzter Kraft Lorchens Hand und ließ sie nicht mehr los bis zu seinem letzten Atemzug. Der Einsatz auf der Inneren Abteilung erfolgte bei Kindern mit Infektionen aller Art. Die Leiterin der Infektionsstation war freundlich und die Arbeit interessant.  Viele Kleinkinder bekamen Beckengips nach Hüftoperationen aus der „Löfflerschen“ Spezialklinik. Eine Infektionskrankheit hatte sich an die andere gereiht, sodass die Kleinen nacheinander an Scharlach, Diphtherie oder Masern litten.

Die elterlichen Besucher durften ihre Kinder natürlich nur durch ein Glasfenster sehen. Manchmal hatte das Pflegepersonal dann viel zu trösten, denn die wochenlange Trennung von zu Hause bedeutete für die Kinder großen Kummer. Dem kleinen Roger, der sehr lange hochfiebernd eine Krankheit nach der anderen bekam ohne Kontakt zu den Eltern, fragte Lorchen: „Kann ich dir einen Wunsch erfüllen?“ Der Junge flüsterte: „Ja, eenen Schnongs und eenen Punding.“
Lorchen überstand die Zeit auf der Infektionsabteilung, ohne selber krank zu werden, obwohl sie als Kind nur Masern hatte. Sie besaß eine starke Abwehr. Allerdings litt sie ständig unter Halsschmerzen, man nannte es eine „stille Feiung“: Erwerben einer Immunität bei Kontakt mit Krankheitserregern, ohne besondere Krankheitssymptome zu haben.

Beim Einsatz in der Universitätshautklinik lernte sie sehr beeindruckende Krankheitsbilder kennen. Es gab viele Patienten mit Hauttuberkulose, Lupus genannt, deren Behandlung sich sehr lange  hinzog.
Die Bilder und Pflegemöglichkeiten, die Lorchen in der Praxis lernte, konnte sie in der Folgezeit gut verwenden. Die Schulleiterin schlug ihr vor, Probekurse bei Schülerinnen des Anfangskurses abzuhalten, um ihr Wissen weiterzugeben. Sie zögerte nicht lange und wagte nach intensiver Vorbereitung den Schritt vor die Anfängerklasse der Schwestern- und Krankenpflegeschüler.

Mit hochrotem Kopf und Herzklopfen stand sie vor fünfundzwanzig Lernwilligen unter Kontrolle der Schulleitung. Einfach war es gewiss nicht, selbst nicht, wenn die fachlichen Begriffe keine Schwierigkeiten bereiteten. Aber es gehörte noch didaktisches und pädagogisches Wissen dazu. Nach und nach bekam sie Sicherheit, wurde als Lehrassistentin eingestuft und hielt Wiederholungsseminare nach vorangegangenem ärztlichen Unterricht in Anatomie und Physiologie ab.

Nach absolvierter Probezeit besuchte sie einen Halbjahreskurs in Frankfurt/Oder an der Medizinischen Schule (Oberstufe) für Lehrassistenten und Oberschwestern. Diese Ausbildung schloss sie mit gutem Erfolg als Fachlehrerin für Krankenpflege ab. Somit war 1953 der Weg geebnet für eine Anstellung an der Krankenpflegeschule in Halle/Saale. Nach anderthalbjähriger Tätigkeit dort verließ sie die Schule und zog nach Leipzig, um an der Medizinischen Krankenpflegeschule am Krankenhaus St. Georg zu arbeiten. Der Umzug geschah weniger aus arbeitstechnischer Notwendigkeit, sondern aus rein privatem Grund.


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