Montag, 25. März 2019
Donnerstag, 10. Januar 2019

HISTORIE

Mutter Kühne packt zu

Von Annelore Bösch

Aktuelle Serie in der TZ: Annelore Bösch beschreibt im Buch „Elbschatten“ ihre Kindheit in Dommitzsch

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Dommitzsch. Mutter Kühne wurde am 13. März 1883 in Neiden, einem  kleinen Dorf in der Nähe von Torgau, als Anna Bolze geboren, wuchs auf einem Gutshof heran, auf dem sie „in Stellung“ war, kochen und nähen lernte. Ihr Vater war auf dem Gut Geschirrmeister. Mit 19 Jahren heiratete sie den Zimmerpolier Hermann Kühne, mit dem sie sechs Kinder hatte. Lorchens Mama war die Älteste, geboren in Dommitzsch, es folgten Lieschen, Lene, Hermann, Kurt und Hilde.

Großvater Hermann musste 1914 in den Ersten Weltkrieg und kam am Ende als kranker Mann nach Hause. Er hatte sich entzündliches Gelenkrheuma in den nassen Stellungsgräben zugezogen,  dem eine schwere Herzmuskelerkrankung folgte. In seinem Beruf als Zimmerpolier war er ein angesehener Mann, dessen großer Verdienst die Ausführung des riesigen Kirchenschiffdachstuhls der fünfhundert Jahre alten Marienkirche war.
Mutter Kühne hatte allen Grund, deswegen stolz zu sein. Sie gehorchte ihrem starken, dunkelhaarigen Mann bedingungslos, der unermüdlich für seine Familie sorgte; manchmal soll er sehr jähzornig gewesen sein. Lorchens Mama wusste ein Lied davon zu singen. Als Älteste erhielt sie einmal ein neues wunderschönes Sommerkleid, was natürlich sehr selten vorkam, und führte es ihren Mitspielerinnen vor. Beim Überklettern eines Zaunes blieb sie hängen, riss ein Dreieck hinein und zeigte dieses handvorhaltend und weinend zu Hause. Daraufhin riss ihr der Vater wütend das neue Stück vom Leibe und versetzte dem Kind eine tüchtige Tracht Prügel.

Als an einem Montag zwei Zimmerleute auf dem Bauplatz fehlten, packte Großvater mit an einem Baumstamm an, der zur Säge transportiert werden sollte. Dabei brach er zusammen. Sein Sohn Hermann, der gerade eine Woche bei ihm als Zimmerlehrling war, musste mit ansehen, wie sein Vater starb. Es war das Jahr 1922.
Der Grabhügel hob sich von allen umliegenden Gräbern deutlich durch seine Höhe, dicht bewachsen mit Efeuranken und inmitten roter Geranien, ab. Es war sinnbildlich für Großvaters Stärke.

Mutter Kühne bekam mit ihren neununddreißig Jahren und ihren sechs Kindern eine Kriegshinterbliebenenrente von 39,50 Mark, später wurde der Betrag auf 75 Mark erhöht. Die bescheidene Frau stöhnte nicht, es kam kein Klagelaut über ihre Lippen. Sie gab niemanden irgendeine Schuld und nahm ihren Schicksalsschlag als gegeben hin. In Ehrfurcht meinte sie: „Wo Licht ist, ist auch Schatten!“
Sie war klein und zart von Gestalt, mit schmalem Gesicht. Ihr mittelblondes, dünnes Haar hatte sie nach hinten zu einem kleinen Knoten gesteckt. Fortan sah man sie in dunklen, mittellangen Keidern, über die irgendeine Zupfschürze gebunden war. Nach dem Tod ihres Mannes legte sie nicht die Hände in den Schoß und wartete auf ein Wunder. Sie kämpfte mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln als bescheidene Frau auf dem Lande.

Den schweren Lehmboden der Elbniederungen kannte Mutter Kühne schon seit ihrer Kindheit. Doch musste dieser jetzt von ihr in stundenlangem Hackvorgang bearbeitet werden zum Überleben ihrer Kinderschar. Mit ihrer rechtwinklig nach unten gebogenen Kartoffelhacke half sie Bauer Schneider und Fleischer Germann beim Kartoffelnausmachen. Beim Auflesen der Kartoffeln half Lorchen manchmal mit.
War das Feld abgeerntet, wurde im Anschluss gestoppelt, das heißt, dass Restkartoffeln, die beim Hackvorgang nicht gefunden wurden, für den eigenen Bedarf aufgelesen werden konnten. Im Anschluss wurden Kartoffeln auf dem Feld am Feuer gebacken. Es war immer ein kleines Fest für die Hackerinnen und das gewiss nicht ohne Rückenschmerzen.


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