Donnerstag, 17. Januar 2019

 
Donnerstag, 10. Januar 2019

HISTORIE

Nebengeräusche beim Heulen

Sirenenreparatur. Foto: Archiv H. Förster

Von Hermann Förster

Sirenenreparatur um 1950: Viele „Verrenkungen“ und Improvisation war notwendig

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Torgau. Es war am Anfang der 50er-Jahre. Auf dem Rathaus befand sich eine Sirene, die schon viele Jahre ihren Dienst versah. Ich kann mich nicht an ihre erste Anbringung erinnern. Schlechte Erinnerungen habe ich an die Kriegszeit, denn außer Feueralarm meldete sie uns auch feindliche Flugzeuge, von denen man nicht wusste, ob sie nicht uns als nächstes Ziel für ihre Bombenladung ausgesucht hatten. Oft meldete sie auch, wenn Flüchtlinge aus Ost oder West bei uns ankamen, die Hilfe beim Verlassen der Züge brauchten. Viel zu tun hatte sie nach dem Ende des Krieges.

 Man hätte einmal zählen sollen, wie oft sie uns Bürger aufforderte, uns mit Schippe oder Spaten einzufinden, um die vielen Waldbrände zu löschen. Dass sie nicht mehr die Jüngste war, merkte man, als sie bei einem Feueralarm Nebengeräusche hervorbrachte. Bei einer Überprüfung stellte sich heraus, dass zwei der Schallbleche Roststellen aufwiesen, die für ein Abfallen der Bleche vom Sirenenkörper geführt hatten, das dritte Blech hielt auch nur noch der Rost.

Schnellstens mussten neue Bleche angebracht werden, um die Kameraden der Feuerwehr, die es nach dem Krieg inzwischen wieder gab, bei Bränden zum Einsatz zu rufen. Anfragen wegen Anfertigung dieser Bleche bei entsprechenden Firmen lösten nur vage Versprechungen oder sehr lange Terminstellungen aus, was nicht zumutbar war. So musste bei örtlichen Firmen Hilfe gefunden werden. Der damalige Bürgermeister Georg Graupe vergab also einen Auftrag an die Schlosserei Förster im Ort über die Herstellung von drei Stück neuen Schallblechen und Anbringung an die Sirene. Schon für das Ausmessen der neuen Bleche musste das Dach durch ein Dachfenster verlassen werden, um an die „Baustelle“ zu gelangen. Einer allein konnte diese Aufgabe gar nicht lösen. Die Sicherung geschah nur durch Seile. Heute wäre das nicht machbar!

Nun lag zwar das Kriegsende schon einige Jahre zurück, aber verschiedenes Material für das Handwerk, dazu gehörten auch Bleche, waren nicht von heute auf morgen zu beschaffen und infolge des Krieges auch kaum noch vorhanden. Wo und wie das Blech beschafft wurde, muss hier nicht erläutert werden. Es ging nach dem Prinzip „Haste, gibste, kriegste“. Wir hatten Glück und konnten das erforderliche Blech „besorgen“. Zunächst wurden nun schnellstens die Bleche gefertigt. Da sie über dem Dachboden ausgebracht werden sollten, wurden sie aus je mehreren Teilen gefertigt, da sie sonst zu sperrig gewesen wären. Außerdem waren neue Bleche in den benötigten Größen gar nicht vorhanden. Was sonst zur damaligen Zeit noch verarbeitet wurde, Material aus Abrissen staatlicher und anderer Einrichtungen, also schon einmal gebraucht, wurde wegen der wahrscheinlich nur noch kurzen Haltbarkeit nicht verarbeitet. Es kam der Tag der Anbringung.

Die Frage nach Beschaffung einer großen Rüstung für diese „kleine Arbeit“ zu damaliger Zeit wäre auf Unverständnis gestoßen. So musste man auf Notlösungen zurückgreifen, an die man ja gewöhnt war. Dachdecker, ebenfalls vom Bürgermeister beauftragt, nahmen eine kleine Dachfläche Ziegel ab und entfernten einige Dachlatten. Dann wurden einige Bretter nach draußen geschoben, das war die „Rüstung“. In der Firma gab es keine Sicherheitsgurte, ohne die man nicht arbeiten wollte. Mithilfe des Bürgermeisters wurde die Wehrleitung der Feuerwehr überzeugt, einige Gurte zu leihen, da die Sirene „ja auch wichtig für die Wehr war“. An der Montage nahmen mehrere Mann teil, was die primitive Arbeitsweise erforderlich machte, aber alle, zumindest auf dem Dach, mussten gesichert werden. Die Bleche wurden vom Dachboden auf das Dach geschafft, am Sirenenkörper angebracht und in der Rundung zusammengeschraubt, was zu mehreren „Verrenkungen“ führte. Aber es wurde geschafft. Die Sirene kam wieder in Ordnung. Nach Anstrich der Verbindungen mit „Bleimennige“, auch noch alte Bestände, war sie fertig und konnte wieder ordentlich heulen.


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