Mittwoch, 25. Mai 2022
Mittwoch, 20. April 2022

GESPRÄCH AM SONNTAG

Matthias Forßbohm: "Wir kämpfen immer mit Klischees"

Maurermeister Matthias Forßbohm ist seit vergangenem Jahr Präsident der Handwerkskammer zu Leipzig.Foto: Anika Dollmeyer

Von unserem Redakteur Heiko Betat

Handwerkskammer-Präsident Matthias Forßbohm sieht mangelnde Wertschätzung einer dualen Berufsausbildung

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Region Oschatz  Handwerk hat goldenen Boden, sagt der Volksmund. Und dennoch verzeichnen die Handwerksbetriebe im Kammerbezirk Leipzig, dem auch die Region Oschatz angehört, seit geraumer Zeit ein geringes Interesse bei Schulabgängern, sich für einen handwerklichen Beruf zu entscheiden. Wo früher Lehrstellenmangel herrschte, bereitet heute der Lehrlingsmangel Sorgen. Das SonntagsWochenBlatt fragte bei Matthias Forßbohm, dem Präsidenten der Handwerkskammer zu Leipzig, nach, wie sich die aktuelle Situation darstellt und was unternommen wird, damit auch noch morgen in der Region gebaut, repariert, gefertigt, installiert, gebacken und frisiert wird.

 

SWB: Worin sehen Sie die Gründe, dass Handwerksberufe offenbar nicht mehr die gewünschte Zugkraft auf junge Menschen ausüben?
Matthias Forßbohm:
So allgemein kann ich die Aussage nicht bestätigen. Immerhin haben auch im aktuellen Ausbildungsjahr wieder 1317 Jugendliche eine Lehre im Handwerk begonnen und damit fast genauso viele wie im Vorjahr – aber ja, das reicht nicht. Wir kämpfen immer mit Klischees. Viele Jugendliche und ihre Eltern wissen zu wenig über die zukunftssicheren, innovativen und anspruchsvollen Karriere- und Fortbildungsmöglichkeiten im Handwerk. Zu oft herrscht der Irrglauben, dass man nur mit einem Studium beruflich etwas werden kann.


Unterscheidet sich die Situation im Altkreis Oschatz von der in anderen Regionen des Kammerbezirks? Wie entwickelten sich hier konkret die Zahlen hinsichtlich der Ausbildungsbetriebe, der Auszubildenden sowie der offenen Lehrstellen?
Generell unterscheiden sich die Regionen im Kammerbezirk nicht.  In der Lehrstellenbörse der Handwerkskammer sind aktuell 359 Angebote in rund 51 verschiedenen Berufen von Anlagenmechaniker SHK bis Zimmerer gelistet.


Während das Interesse an Berufen wie Mechatroniker/-in oder Friseur/-in im Allgemeinen groß ist, droht beispielsweise in den Backstuben das Licht auszugehen. Gibt es womöglich andere „Favoriten“ hier in der Region? Wenn ja, worin sehen Sie die Ursachen?
Entscheidend ist die wirtschaftliche Struktur. Die meisten Ausbildungsverträge werden dort abgeschlossen, wo die Nachfrage und das Angebot hoch sind. Die meisten Lehrverträge werden in den Berufen Kraftfahrzeugmechaniker, Elektroniker, Friseur, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Tischler abgeschlossen. Jugendliche und ihre Eltern sind zudem häufig auf wenige Berufe fokussiert. Es würde helfen, offen zu sein und über den beruflichen Tellerrand hinauszuschauen. Die Berufe unterliegen einem stetigen Wandel – sie werden anspruchsvoller, digitaler und die körperlichen Belastungen geringer.


Die Menschen in diesem Land benötigen fahrtüchtige Autos, aber nicht nur. Wie macht man 15- beziehungsweise 16-Jährigen schmackhaft, dass für sie künftig drei Uhr morgens die Nacht zu Ende ist, damit rechtzeitig ofenfrische Brötchen auf den Tisch kommen?
Der Bäcker sieht jeden Tag, was er geschaffen hat, er bringt nicht nur Brot und Brötchen, sondern Freude auf den Tisch. Kurz, der Beruf ist erfüllend. Aber das trifft natürlich auf jeden Handwerksberuf zu. Der Bäcker, der nachts arbeitet, hat am Tag Freizeit. Das kann auch ein Vorteil sein. Andererseits gibt es auch schon Schichtbetrieb, und moderne Technik macht es möglich, nicht mehr ganz so früh zu beginnen.


In Gesprächen mit Handwerksmeistern ist immer wieder zu hören, dass es nicht nur zahlenmäßig an Bewerberinnen und Bewerbern mangelt. Häufig fehle auch die Eignung. Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, damit junge Menschen besser vorbereitet in eine Ausbildung starten?
Der Knackpunkt ist die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Dass die Hälfte aller Grundschüler in Sachsen aufs Gymnasium wechselt, widerspiegelt meines Erachtens nicht die Leistungsfähigkeit, sondern die fehlende gesellschaftliche Anerkennung einer dualen Berufsausbildung. In der Schulzeit müssen die Jugendlichen die Möglichkeit haben, Wissen und Können gleichermaßen zu erwerben. Dazu gehört auch die praktische Arbeit. Es muss in den Köpfen ankommen, dass eine berufliche Ausbildung genauso viel wert ist wie eine akademische.


Was kann die Handwerkskammer tun?
Unsere Kammer hat beispielsweise Kooperationsverträge mit 25 Schulen. Schüler kommen für ein zweiwöchiges Praktikum in unser Bildungs- und Technologiezentrum und probieren sich in verschiedenen Berufsfeldern aus. Das sind rund 2000 Schüler pro Schuljahr, die bei praktischer Arbeit mehr als 30 Handwerksberufe kennenlernen können. Rund 20 Prozent von ihnen beginnen eine Ausbildung im Handwerk.
Zudem stehen die Ausbildungsberater allen Ausbildungsinteressierten gern mit Rat und Tat zur Seite: telefonisch und online bei der Ausbildungssprechstunde jeden ersten Dienstag im Monat.
Wir wollen, dass berufliche Orientierung an Gymnasien „ergebnisoffen“ ist, das heißt nicht nur Studien-, sondern auch berufliche Möglichkeiten aufzeigt.
Nicht zuletzt machen wir mit einer bundesweiten Kommunikationsoffensive „Hier stimmt was nicht“ auf den Widerspruch aufmerksam, dass jedes Kind sich die Welt mit den Händen erschließt, beispielsweise mit Bausteinen spielt, malt und bastelt, später aber praktische Fertigkeiten weniger akzeptiert werden als theoretisches Wissen.


Was können die Betriebe vor Ort leisten, damit sich wieder mehr Bewerber für eine Ausbildung im Handwerk interessieren?
Die meisten Handwerksbetriebe bieten auch Praktikumsplätze und Ferienjobs an. Auf diesem Weg kann man den Beruf am besten kennenlernen und vielleicht auch gleich den künftigen Ausbildungsbetrieb. In den sozialen Medien ist das Handwerk natürlich auch präsent. Ebenso sind viele Betriebe auf den regionalen Ausbildungsmessen vertreten.


Wie haben die Ausbildungsbetriebe die Corona-Krise gemeistert? Gab es Beispiele, in denen Ausbilder auf besonders einfallsreiche Weise den Fortgang der Ausbildung sicherstellten?
Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass viele Handwerke systemrelevant und die Jobs besonders krisenfest sind. Die Zahl der Beschäftigten ist konstant geblieben und es kam zu keinen betriebsbedingten Ausbildungsabbrüchen. Für die Gesundheitsberufe war die Zeit besonders schwierig, da haben Betriebe beispielsweise mit ihren Auszubildenden in den geschlossenen Salons und unter strengen Hygienevorschriften geübt.


Seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine treffen auch in Oschatz und der Umgebung Flüchtlinge ein, darunter auch viele Jugendliche, die schnellstmöglich integriert werden sollen. Sind auch Handwerksbetriebe vor Ort daran beteiligt? Was können interessierte Betriebe tun?
Die Bereitschaft zu humanitärer Hilfe ist groß und die Handwerksbetriebe sind offen, Geflüchtete in die Betriebe zu integrieren und Jugendlichen eine Chance auf Ausbildung im Handwerk zu geben. Die größte Herausforderung dabei ist die Sprache, sie ist Voraussetzung. Deshalb wird es sicher eine Weile dauern, bis Jugendliche eine Ausbildung, zu der ja auch der Besuch der Berufsschule gehört, beginnen können. Das Fachkräfteproblem lässt sich nicht mit Geflüchteten lösen, denn die Mehrheit wird voraussichtlich nach Kriegsende zurück in die Heimat gehen und dort auch gebraucht.

Sie interessieren sich für das Neueste aus Torgau und der Region? Dann bestellen Sie den Newsletter "Darüber wird morgen gesprochen"! Der kommt jeden Abend per E-Mail und bringt die wichtigsten Themen des nächsten Tages mit. >> Hier können Sie ihn bestellen.


Jetzt kostenlos anmelden

Das könnte Sie auch interessieren

 

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

Wirtschaftsmagazin

Probeabo

Abenteuer Tiefschnee

Torgau Druck

AKTIONEN

Newsletter

Festtagsmagazins

Torgau-Plus

Riesenmagazin

Oschatz-Magazin

Azubi-Expo-Digital

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga