Donnerstag, 28. Mai 2020
Dienstag, 31. März 2020

NORDSACHSEN

Offene Kritik an der "Schule zuhause"

Konzentriertes Arbeiten zuhause mit einem Tablet in der Hand: Das ist im Moment oftmals nur ein Wunschtraum. Denn die Voraussetzungen für gutes "Home-Schooling" sind oftmals eher mangelhaft. Foto: pxhere.com

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Nordsachsen. Zu umfangereiche Aufgaben, uneinheitliches Vorgehen und die Überforderung der Eltern sind nur einige Punkte, an denen sich der nordsächsische Kreisschüler- und Kreiselternrat stören.

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Angesichts der Corona-Krise ist in der gesamten Bundesrepublik der Schulbetrieb eingestellt. Über 10 Millionen deutscher Schüler sitzen im Moment also zu Hause und versuchen, sich ihren Schulstoff im sogenannten „Home-Schooling“ anzueignen. Während sich bei der Schließung der Schulen alle Bundesländer – mal früher, mal später – einig waren, ist die Durchführung des Home-Schoolings jedoch nicht nur von Land zu Land oder von Kreis zu Kreis unterschiedlich, sondern variiert oftmals sogar von Schule zu Schule (TZ berichtete). Ein Fakt, der jüngst vom sächsischen Landeselternrat (LER) in einem offenen Brief kritisiert wurde. Und auch in der Region Torgau scheint die Lage der Schüler nicht zufriedenstellend zu sein, denn sowohl der Kreiselternrat (KER) als auch der Kreisschülerrat (KSR) stimmen den Aussagen des Landeselternrates, zumindest in großen Teilen, zu.

Kritik aus der Schülerschaft

Zu komplexe Aufgaben für ein selbstständiges Lernen zu Hause, unzureichende Auskünfte durch die Schulleitungen, zu hohe technische Voraussetzungen und zu wenig Unterstützung für berufstätige Eltern – das sind nur einige der Kritikpunkte, die der Landeselternrat aufführt und denen sowohl Schüler als auch Eltern im Kreis beipflichten. „An einigen nordsächsischen Gymnasien und Oberschulen ist selbst innerhalb der Schule nicht klar geregelt, wie der Stoff zu den Schülern gelangt. Manche Lehrer nutzen dafür das vom Freistaat zur Verfügung gestellte Programm Lernsax, manche machen es über E-Mail und manche haben die Aufgaben schriftlich mitgegeben. Das geht gar nicht und ist wahnsinnig unübersichtlich“, mahnt Kilian Crämer an. Er ist Vorsitzender des Kreisschülerrates und hat in den letzten Tagen und Wochen viel Kontakt mit Schülersprechern im ganzen Kreis gehabt.

Dabei sei ebenfalls aufgefallen, dass den Schülern teilweise zu viele Aufgaben in den einzelnen Fächern aufgetragen wurden. „Wenn jemand im Biologie-Grundkurs in der Regel nur zwei Wochenstunden in der Schule hat, für seine Aufgaben aber vier bis fünf Stunden benötigt, steht das einfach nicht in Relation und macht so auch keinen Sinn.“

Tests sind berechtigt

Und auch die Kontrolle sei nicht klar geregelt. An manchen Schulen herrsche eine fast schon zu rigorose Kontrolle, andernorts interessiere es die Lehrer gar nicht, was ihre Schüler zu Hause erarbeiten. „Wir finden es schon in Ordnung, wenn während der schulfreien Zeit kontrolliert wird, aber in einem gesunden Maß.“ Die Kritik des Landeselternrats, dass direkt nach der schulfreien Zeit Tests und Klassenarbeiten angekündigt sind, teilt Crämer jedoch nur bedingt. Wenn man von  zu Hause die Möglichkeit habe, dem Lehrer Fragen zu stellen und sich mit ihm auseinanderzusetzen, dann seien Tests durchaus berechtigt.

Klare Forderungen

Sechs zentrale Forderungen an die Verantwortlichen in der Politik formuliert der sächsische Landeselternrat für eine Besserung der aktuellen Lage:
• Legt verbindliche Regelungen fest, die für alle Schulen gelten, damit auch die Eltern Planungssicherheit haben und sich darauf berufen können.
• Denkt darüber nach, in welchen Fächern und Klassenstufen der Lehrplan etwas ausgedünnt werden kann, damit die Kinder die Gelegenheit bekommen, sich auf die wichtigeren Themen zu konzentrieren.
• Findet eine finanzielle Lösung, um die Eltern in der derzeitigen Situation zu entlasten.
• Redet mit uns. Viele Eltern haben großes Verständnis, wenn man ihnen Dinge erklärt und ihnen dabei aber auch zuhört.
• Redet miteinander. Sicher ist die Bildungspolitik Ländersache und da kann sich dann jede Landesregierung so richtig „austoben“. Aber in Situationen wie dieser müssen auch bundeseinheitliche Lösungen geschaffen werden.
• Lernt aus der jetzigen Situation.

Wie lange geht es noch gut?

Diesen stimmt der Kreiselternrat nicht nur zu, sondern geht sogar noch einen Schritt weiter. „Die Forderungen des LERs sind vom Grundsatz her richtig, aber sogar noch sehr weich formuliert“, schreibt dieser in einem Statement.  Die Vorsitzende des Gremiums, Rowena Flugrat, erklärt, dass man zwar durchaus Verständnis für alle Entscheidungsträger habe, man jedoch   dringend entsprechende Lösungen brauche. „Wir können froh sein, dass im Moment noch alle so still halten und die Stimmung verhältnismäßig gut ist. Aber alles müsste viel klarer sein, allein schon bei der Frage, wie lange das noch dauert und wie lange die ganze Sache noch gut geht.“

Schon jetzt sei es vor allem das uneinheitliche Vorgehen an den Schulen, dass den Schülern Probleme mache. Während sich manche Lehrkräfte gut um ihre Schüler kümmern, bei Fragen zur Seite stehen und den Stoff an die Arbeit zuHause anpassen, sehe es an vielen Stellen ganz anders aus. „In der jetzigen Situation zeigt sich nicht nur, welche Lehrer es wirklich gut mit ihren Schülern meinen und welche nicht, sondern auch, wie wichtig die Digitalisierung im Schulalltag ist. Wäre der Einsatz von Tablets an Schulen, wie von uns Eltern schon lange gefordert, viel stärker gefördert worden, dann hätten wir viele der aktuellen Probleme nicht.“

Wie lange die Corona-Krise und die schulfreie Zeit noch andauern, kann natürlich auch im Kreisschüler- und Kreiselternrat niemand voraussagen. Beide wünschen sich jedoch, dass dies eher früh als spät der Fall sein wird und man auch an den Schulen schnellstmöglich zum normalen Alltag zurückkehren kann. Doch auch wenn die Bildungseinrichtungen nach den Osterferien wieder geöffnet werden sollten, prophezeit der Kreiselternrat, dass die entstandenen sozialen und schulischen Probleme „uns noch länger beschäftigen [werden], als diese Krise dauert.“

 

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