Donnerstag, 2. Dezember 2021
Donnerstag, 16. September 2021

FREIZEIT UND VEREINE

Unvorstellbares begreiflich machen

Die Toranlage zum Ehrenhain Zeithain mit dem Dokumentenhaus und Namensstelen.Foto: Heiko Betat

Von unserem Redakteur Heiko Betat

Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain lädt Besucher ein, eigenes Wissen einzubringen

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Zeithain. Eine zum Suppenschälchen umfunktionierte Feldflasche, eine Zahnpastatube, ein Fläschchen mit Tabletten, eine rostige Kassette ... In der aktuellen Sonderausstellung der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain können Besucherinnen und Besucher vielerlei Gegenstände in Augenschein nehmen, Objekte, die unbekannte Raubgräber auf dem Gelände des einstigen Kriegsgefangenenlagers am Bahnhof Jacobsthal zurückließen und deren Funktion und Herkunft sich zuweilen nicht mehr auf den ersten Blick erschließt. Auf dieser Grundlage entwickelte die Dresdner Künstlergruppe „pink tank“ ein interessantes Ausstellungskonzept. Eine Art Schaudepot mit Werkstattcharakter, wodurch es möglich wird, sich in Schicksale Einzelner hineinzufühlen, ihren Lebensbedingungen nachzuspüren. So verliert das Grauen, das sich hier vor mehr als 76 Jahren ereignete und dessen Dimension Generationen später unvorstellbar ist, das Abstrakte, nimmt es Gestalt an.     

 

Das Zeithainer Kriegsgefangenenlager, 1941 als „Russenlager“ auf 66 Hektar in der Abgeschiedenheit der Gohrischheide und mit Bahnanschluss errichtet, war seinerzeit die größte derartige Einrichtung im NS-Staat. Bestimmt war es für die beim Überfall auf die Sowjetunion gefangen genommenen. Von hier aus wurden sie zur Zwangsarbeit abkommandiert. „Es war ein Kommen und Gehen“, beschreibt Nora Manukjan, in der Gedenkstätte zuständig für die Ausstellungsbetreuung sowie die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, die damalige Situation. Ab 1943 wurde aus dem Lager ein Lazarett, in dem nun auch Polen und Italiener untergebracht waren. Das Ungeheuerliche waren vor allem die unvorstellbaren Bedingungen. Die katastrophalen hygienischen Zustände und die völlig unzureichende Versorgung forderten ihren Tribut. Gesichert weiß man von rund 23.000 Toten. „Man geht aber von 30.000 aus“, erklärt Nora Manukjan. Die meisten seien verhungert oder an Krankheiten wie Fleckfieber gestorben.
Etwa 23.000 Tote sind namentlich bekannt. 5000 von ihnen wurden abseits des Lagers, am Ort der heutigen Gedenkstätte, einem der Friedhöfe des Lagers, begraben. Wurde das Lager nach der Befreiung am 23. April 1945 beräumt – ab 1946 gab es nur noch Überreste, Fundamente –, so erhielt der Friedhof ein Turmmonument und eine Toranlage und wurde zum Ehrenhain erklärt. Im ehemaligen Friedhofswärterhaus, dem heutigen Dokumentenhaus,  befindet sich die Dauerausstellung. Dort kann man all das nachlesen, illustriert durch Film- und Bilddokumente.


Nebenan wurde Ende der 90er-Jahre eine Lagerbaracke originalgetreu wiedererrichtet. Diese hatte die Jahre im nahen Neudorf überdauert. In dieser ist noch bis Ende Oktober die Sonderausstellung „Dinge unserer Nachbarn ... Geborgen. Funde aus dem Kriegsgefangenenlager Zeithain“ zu sehen. An einer Seite türmen sich Kartons mit den Hinterlassenschaften der Raubgräber. „Mit Schülern und Workshopteilnehmern haben wir das eingesammelt“, berichtet Nora Manukjan. Nun sind die Besucherinnen und Besucher eingeladen, Gegenstände aus den Kartons zu entnehmen, Fragen an die Sachen zu stellen und ihr Wissen weiterzugeben. „Wie ein Hobbyforscher, der ohne Scheu eigene Gedanken und Fragen auf dem Zettel notiert.“Danach werden die Objekte mit den Notizen – für jeden zugänglich – in einem Regal abgelegt.
Inzwischen füllen schon zahlreiche Gegenstände die Fächer: eine zum Suppenschälchen umfunktionierte Feldflasche, eine Zahnpastatube, ein Fläschchen mit Tabletten, eine rostige Kassette ... 

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