Samstag, 19. September 2020
Mittwoch, 9. September 2020

OSTELBIEN

Sogar das Torgauer Hochhaus besteht aus Großtrebener Ziegel

Der Ringbrandofen Großtreben von Fotograf Georg Milling in Szene gesetzt.Foto: Foto: G. Milling

von unserem Redakteur Nico Wendt

Großtreben. Beim bundesweiten Tag des offenen Denkmals am kommenden Sonntag besteht die Möglichkeit, den Großtrebener Ringbrandofen in Augenschein zu nehmen. Ein technisches Denkmal und Unikat zugleich. 

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Großtreben. Ruhig und beschaulich sieht es auf dem Grundstück in Großtreben aus. Wer den historischen Ringbrandofen dieser Tage betrachtet, hat bestimmt viel Mühe sich vorzustellen, welche Betriebsamkeit einstmals hier herrschte. 

Man muss schon 50 oder 100 Jahre zurückdenken. Damals besaß die Ziegelei im Schnitt 20 bis 25  Arbeitskräfte. Und die hatten ordentlich zu tun. 12 000 Ziegelsteine wurden am Tag gebrannt. Im 3- Schicht-System hatten die Heizer das Feuer rund um die Uhr zu schüren. Zwei Kammern füllten die Arbeiter, zwei lehrten sie täglich. Bei 60 Grad Raumtemperatur tropfte ihnen der Schweiß von der Stirn und nach stundenlanger Schufterei taten ihnen die Arme weh. 

 

Loks mit Loren 

Bis zu 60 000 Ziegelsteine fanden im Inneren des 12-Kammer-Ringofens Platz. Drei Loks mit Loren rollten im Außengelände über die Schienenstränge. Sie wurden mit Bagger befüllt und am Ziel mit einem Schrägaufzug entladen. 

Das Material stammte aus benachbarten Gruben. Immer im Frühjahr so Anfang März/April begann die Saison. Dann wurde der Ofen mit fünf bis sechs Tonnen Kohleabrieb angeheizt. Der 40 Meter hohe Schornstein qualmte ordentlich und wies schon von weitem den Weg bis zur Ziegelei. Bis Weihnachten lief die Produktion. Übrigens wie bei einem Karussell muss man sich das Beschicken der einzelnen Brenn-Räume vorstellen. Der Lehm kam vorher ins Mischwerk zusammen mit Sand, Wasser und Zusätzen. Ein Abschneide-Halbautomat brachte das gewalzte Material in die Rohform. Anschließend hatten dann mehrere Arbeiter alle Hände voll zu tun, die Ziegelsteine jeweils in zwei vorbereitete Kammern zu schichten. So wurde halb Torgau mit dem begehrten Baumaterial versorgt. Sogar das Hochhaus in der Eilenburger Straße ist mit Steinen aus Großtreben errichtet. Diese Informationen stammen vom letzten Ziegelmeister Josef Branke (t).  

 

Besichtigung 

Wer neugierig geworden ist, sollte sich den kommenden Sonntag dick im Kalender vormerken. Dann besteht nämlich beim bundesweiten Tag des offenen Denkmals die Möglichkeit, das Großtrebener Unikat in Augenschein zu nehmen. Während die meisten Besitzer bzw. Pächter von historischen Bauten in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie auf eine digitale und virituelle Präsentation im Internet setzen, lädt der Ostelbienverein direkt zur Besichtigung vor Ort ein.

 „Für uns stand relativ zeitig fest, dass wir es auf diese Art und Weise versuchen möchten. Da ohnehin nicht mit riesigen Besucherströmen zu rechnen ist, dürfte es auch aufgrund der Größe des Areals keine Probleme geben“, schätzt der Vorsitzende Holger Reinboth ein. Man würde sich sehr freuen, wenn am Sonntag zwischen 10 und 14 Uhr Interessierte nach Großtreben kommen und einen Rundgang antreten. Es lohnt sich. Einen Mundschutz sollte man vorsichtshalber mit dabei haben.  

Der Ostelbienverein hatte den Ringbrandofen 2007 übernommen und mit viel Initiative sogleich alle Weichen gestellt, das einzigartige Technik-Denkmal zu retten. Recherchen ergaben, dass es sich um den weltältesten Ringofen zum Brennen von Ziegeln handelt. Er wurde nach dem Patent des Ingenieurs Friedrich Eduard Hoffmann errichtet. Das Baujahr 1865 ist durch umfangreiche Untersuchungen exakt belegt. Bis 1971 war der Ringbrandofen in Betrieb. Zuletzt wurden hier jährlich bis zu 1,6 Millionen Ziegel produziert. Die Großtrebener stellten hauptsächlich Loch und Mauersteine her, die in der Torgauer Region sehr begehrt waren. Vertrieben wurden sie zu DDR-Zeiten von der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft (BHG). 

Bis zum Abtransport lagerten die Steine in zahlreichen Schuppen. Bis zu 250 000 Stück standen ständig bereit. Sie benötigten nach dem Brennen auch noch zwei bis drei Wochen, bis sie einsatzfähig waren. 

„Wir haben zwischen 2010 und 2013 rund 140 000 Euro eingesetzt, um das historische Bauwerk in vier Abschnitten sichern und sanieren zu können“, erklärt Holger Reinboth. Die Summe setzte sich aus Fördermitteln, Spenden und aus Eigenkapital zusammen. Somit gelang es, das technische Denkmal vor dem Verfall zu retten und für die Öffentlichkeit begehbar zu machen. Ein kleiner Rundweg führt über das Areal. Künftig soll noch eine dauerhafte Ausstellung präsentiert werden. Diesen Sonntag sorgt Fotograf Georg Milling für interessante Einblicke durch eine kleine Präsentation. Fachmann und Ofenexperte Holger Bönisch aus Zwethau wird hingegen den Besuchern erklären, wie das Brennen damals vonstatten ging. 

 

Große Leistung 

Wer lange nicht mehr vor Ort war, wird über die Leistung der Mitglieder des Ostelbienvereins und aller Unterstützer überrascht und beeindruckt sein.

 Das bis 2010 stark einsturzgefährdete Denkmal von wichtiger internationaler Bedeutung wurde durch die Arbeiten vor einem Totalverlust bewahrt. Der breite Riss im Schornstein ist beseitigt. Dach und Holzumbau sind ausgebessert, die dramatische Schieflage wurde ausgeglichen. Die intakte bauliche Hülle schützt den Ofen jetzt wieder vor der Witterung. Wie gesagt: Am Sonntag kann man sich alles genau anschauen.


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