Dienstag, 26. Mai 2020
Dienstag, 12. Mai 2020

TORGAU

TZ im Home Office: "Da hat die hohe Pädagogik auch mal Pause"

Julia Sachse in ihrem Büro in Torgau. Zuhause kann sie vieles – aber eben nicht in Ruhe schreiben oder ungestört telefonieren. Foto: privat

von unserer Redakteurin Julia Sachse

Süptitz/Torgau. Redakteurin Julia Sachse setzt beim Spagat zwischen Familie und Arbeit auf positives Denken. Das heißt aber nicht, dass bei ihr zuhause alles glatt läuft und alle sich lieb haben „nur weil Corona ist“, wie ihre 3-jährige Tochter manchmal sagt.

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Süptitz/Torgau. Mein Mann und ich arbeiten beide jeweils in Vollzeit, unsere Tochter geht normalerweise 9 Stunden in die Kita. Seit Mitte März aber findet jede dieser drei Tagesstrukturen im selben Haus statt und unter uns. Eine Nervenprobe. Das ahnten wir von Anfang an, aber Alternativen gab es für uns keine. Glück im Unglück: Meinem Mann wurde Heimarbeit genehmigt und als Redakteurin kann ich mit etwas technischer Hilfe theoretisch von überall aus arbeiten.

 

Ausschlafen ist nicht

 

Praktisch sieht das allerdings so aus: Den Wecker kann ich vergessen, der hinkt der inneren Uhr meiner Tochter hinterher und ist nicht halb so hartnäckig im Snooze-Modus wie sie. Zwei Tage in der Woche fährt mein Mann für Präsenzstunden ins Büro, bevor sie und ich aufstehen und frühstücken, ansonsten tun wir das gemeinsam – ein kleines Bonbon für den Familiensinn in Krisenzeiten. Während ich dafür den Kaffee koche, die Brötchen aufbacke und dem Hund dabei zuhöre, wie er genüsslich sein Futter verschlingt, lese und beantworte ich die ersten Mails, markiere mir, welche Mitteilungen ich für die SonntagsWochenBlätter Torgau, Elbe-Elster und Riesa-Oschatz nachrecherchieren und aufarbeiten kann und ermahne mein Töchterchen, sich schonmal die gewünschten Sachen zum Anziehen rauszusuchen. Sie wird bald vier – ihre selbst gesetzte Deadline für ganz viele „Selber können“-Projekte.

 

Akustische Überstimulation

 

Natürlich herrscht dabei keine entspannte Stille in der Wohnung. Ich rufe, sie ruft zurück. Ich telefoniere mit unserem Chefredakteur, Sebastian Stöber, um den Tages- und weiteren Wochenverlauf zu besprechen und vehement gegen die Idee zu protestieren, die Morgensitzung per Videoschalte abzuhalten. Wie ich aussehe, seit Job und Familie quasi dasselbe sind, muss vor um neun nun wirklich niemand ertragen, der nicht mit mir zusammen lebt. Und ich fluche, wenn der Laptop statt in mein Fernzugriffsprogramm in die letzte Peppa-Wutz-Folge springt, bevor ich die ersten Zwischenstände von Anzeigenverkäufern und Gestaltern für unsere kommende Ausgabe durchgehe. Gott sei Dank sind dann die Brötchen fertig und der Raubtierfütterung zweiter Teil kann starten.
Auf der Gassirunde danach erledige ich einige Telefonate, vereinbare Termine für Interviews, gehe mit meinen Kollegen durch, wie sie von daheim aus einen Beitrag zum inzwischen schon fast normalen Corona-Alltag unseres Anzeigenblattes leisten können und merke dabei allzu oft, wie sehr mir das persönliche Gespräch fehlt. Ich habe den Verdacht – aber zu wenige statistische Erhebungen dazu gelesen – dass die körperliche Präsenz eines Gesprächspartners die Kreativität im Team deutlich unterstützt. Ohne dies ist der berühmte Tunnelblick manchmal kaum zu vermeiden.

 

Arbeit „to go“

 

Wir legen unsere Vormittagsrunde – nach dem ersten Streit beim Schuheanziehen („Aaaalleiiiiine!“) immer so, dass wir am ehemaligen Konsum Halt machen und ein besonderes Getränk oder Obst oder mal was Süßes als Proviant kaufen und uns dann für ein kurzes Päuschen an den Dorfteich setzen können. Mag dekadent klingen – aber arbeitende Mütter kennen diese Strategie, adaptieren sie für ihren Lebensentwurf und geben mir jetzt vielleicht gedanklich ein High-Five. Das ist keine Belohnung für irgendwas sondern ein Ritual zwischen uns Mädels. Während mein Kind samt Vierbeiner die sich im Frühjahr stetig veränderte Blühwiese am Teich erkundet, mache ich mir eine Liste, welche Fotos und Beiträge diese Woche unbedingt eingeplant werden müssen. Und wann ich in der TZ-Redaktion den Spätdienst übernehme, denn an diesem Tag kann ich meine Tochter nicht selbst ins Bett bringen – Papa muss ran. Umso besser, denn die zwei haben ein gemeinsames Lieblingsvorlesebuch, dass ich schrecklich finde. Win-win für alle Parteien.

 

Die Wachablösung

 

Zurück zuhause ist der Küchentisch mein Büro bis zum Mittagessen. Manchmal bereite ich das nur vor und düse, sobald mein Mann mich nach seinem Stundenpensum ablösen kommt, in den Verlag, um den Nachmittag über von dort aus zu arbeiten, vor allem zu telefonieren und zu schreiben. Manchmal essen wir aber auch noch gemeinsam. Ich glaube, das wird mir später fehlen, auch wenn es sich heute hin und wieder nach Stress anfühlt, zwischen „Mamaaaaaa, du wolltest doch mit mir....!“-Rufen, klingelnden Telefonen und dem „Padümm!“ des E-Mailprogramms noch Gemüse zu schnippeln. Glücklicherweise entdeckt mein Mann gerade, wie gut er sich in der Küche macht und nimmt mir auch darüber hinaus – aber eigentlich auch schon länger als die Pandemie unsere Nachrichten bestimmt – vieles im Haushalt ab. Er weiß: wenn ich zuhause bin, fordert unser Wirbelwind viel mehr Aufmerksamkeit, als sie das bei ihm täte. Seinen Tribut zollt er in Form von Schlafenszeit und steht morgens manchmal schon so früh auf, dass er vor dem Mittagessen den Großteil seiner Arbeit fertig hat und den Rest machen kann, wenn ich wieder heim komme oder die Kleine sich selbst beschäftigt.

 

Anti-vermissen-Kekse

 

Während ich mich per Headset im Torgauer Büro ins Verkaufsmeeting einwähle, gehen die zwei in den Garten. Er werkelt oder pflanzt und sie matscht. Die viele und intensive Zeit mit uns ist für unsere Tochter toll, obwohl sie dabei auch lernen muss, Wartezeiten zu tolerieren und sich selber mit ihren Spielsachen zu beschäftigen – wie kreativ sie das inzwischen schafft, freut mich, sticht aber gleichzeitig auch etwas reumütig in der Herzgegend. Nur ihre Freunde, das sagt sie oft abends vor dem Einschlafen, die vermisst sie sehr. Also nehme ich in meine Liste für den nächsten Tag „Kekse backen für XY“ auf und verspreche ihr, sie auf dem Weg zur oder von der Arbeit bei ihnen vorbeizubringen. Manchmal kann ich so auch ein, zwei Sätze über den Gartenzaun hinweg mit den Eltern – einige von ihnen sind gute Freunde von uns –  sprechen und fühle mich dann ein bisschen aufgefangener. Das Vertrauen darin, dass sie alle noch da sein werden, wenn die Krise vorbei ist, ist mein doppelter Boden, auf dem ich seit Verkündung der  Ausgangsbeschränkungen herumrolle. Dennoch glaube ich, dass sich für viele von ihnen wie auch für uns einiges verändert haben wird, was die persönlichen Prioritäten angeht.

 

Ausgleich 2.0

 

Meinem Mann und mir fehlt der Diskurs mit den Leuten aus unseren Vereinen zum Beispiel sehr. Während er mit seiner Fitness mangels Fußballtraining hadert und seit neustem wieder joggen geht, habe ich damit angefangen, mich mit der Herstellung von Druckgrafiken mittels Holzschnitt zu beschäftigen. So werde ich die Energie, die ich sonst gern für die Sanierung unseres Süptitzer Vereinsprojektes aufgebracht hätte, kreativ los und wandle sie nicht in Frust um. Abends sitze ich also nach dem Zubettgeh-Ritual mit der Kleinen über den Druckplatten und Schneidmessern und lasse gedanklich los. Das fühlt sich großartig an und ist so etwas wie das Geschenk des Tages, eine kleine Anerkennung dafür, dass wir es wieder miteinander ausgehalten haben.


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