Mittwoch, 14. November 2018

 
Donnerstag, 8. November 2018

TORGAU

Tanz im Kaffeegarten nicht verpasst

Von Dr. Hans Brock

Der langjährige Torgauer Mediziner Dr. Hans Brock über seine Schul- und Jugendzeit ab 1946

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Torgau. Wenige Jahre nach unserer Schulzeit wurde Schumann (Schuck) wegen „Objektivismus“ aus dem Schuldienst entlassen. „Objektivismus“, sprich: ideologische Toleranz, ist ja der Erzfeind jeglicher auf die unangefochtene Monopolstellung ihrer „reinen Lehre“ eingeschworenen und angewiesenen Diktatur. Schumann aber ließ jede Meinung gelten, wenn man sie nur schlüssig und zusammenhängend zu begründen wusste. Einmal gab er uns als Thema für einen Hausaufsatz auf: „Welche Umstände bestimmen das Schicksal des einzelnen Menschen?“ Sicher war das nicht so tiefgründig philosophisch gemeint, wie Wolfgang und ich das auffassten. Aber er gab uns beiden ein „sehr gut“, ihm für ein Gottesbekenntnis, mir für ein Bekenntnis zum Atheismus und zu einem mechanistisch-deterministischen Weltbild.

Wie er uns die Ergebnisse kundtat, das war für ihn recht charakteristisch. Als er die Aufsatzhefte zurückgab, blieb ich leer aus. Und er gab dazu auch keinen Kommentar. Als ich selbst nach meinem Heft fragte, versetzte er mürrisch: „Wenn Sie so unverschämt viel schreiben, müssen Sie auch abwarten können“ (ich hatte von den üblichen Schreibheften gleich eineinhalb vollgeschrieben). Zwei Wochen später brachte er auch meinen Aufsatz zurück, und er hatte in roter Tinte einen halbseitigen Kommentar dazu geschrieben, mit ausführlichen Hinweisen auf Quellen, wo sich Wesentliches zu meiner Thematik nachzulesen lohnen könnte. Konkret fällt mir nur noch ein: Unter anderem nannte er den Kirchenvater Augustinus.

Von seinem Unterricht angeregt, diskutierten wir nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Pause und wenn wir uns in der Stadt trafen. Solche Streitgespräche bereiteten mir größtes Vergnügen. Mit Vorliebe vertrat ich einen abweichenden Standpunkt, und wenn ich die Antithesen, sozusagen als Advocatus diaboli, gegen meine eigene Überzeugung verteidigen musste. Hinsichtlich der Marx’schen Mehrwerttheorie war ich in der Klasse der einzige Verfechter, in diesem Falle sogar aus voller Überzeugung. Zu diesem Zeitpunkt konnten mich auch die Gegenargumente nicht umstimmen, dennoch sind sie nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen. Wenn ich später Zweifel entwickelte, so nicht zuletzt aufgrund der Argumente, die mir damals meine Klassenkameraden entgegengehalten hatten.
In den Sternenhimmel geschaut

Am häufigsten waren meine Diskussionspartner Egon und Bruno. Wir drei trafen uns ohnehin regelmäßig in Brunos Wohnung, wo uns sein Vater privaten Russischunterricht erteilte; Brunos Vater war als deutscher Lehrer in Russisch-Polen aufgewachsen und beherrschte Polnisch und Russisch. Auch sonst führten wir intensive Gespräche. Ich erinnere mich noch, wie wir eines Tages in der dunklen Bäckerstraße standen, zum Sternenhimmel aufblickten, ein Bild, das damals noch keinerlei Straßenbeleuchtung beeinträchtigte, und über die Astrologie debattierten.
Ernst-Günther, der Klassenbeste, gehörte zu anderen Cliquen mit einem Kern
stammechter Torgauer. In dieser Zeit begannen sich die Grüppchen aber bereits etwas stärker zu mischen, man traf sich in größerer Runde zum Tanz im Kaffeegarten. Einmal waren wir am Wochenende dort verabredet. Ich verpasste in Herzberg den Zug. Die Torgauer Mitschüler waren mir inzwischen so wichtig geworden, dass ich auf alle Fälle dabeisein wollte. Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg nach Torgau, den Koffer in der Hand - und bald auch die Schuhe, weil ich in den schon ramponierten Schuhen schlechter lief als auf meinen abgehärteten und hornhautgeschützten eigenen Sohlen. Ich kam sehr spät und abgekämpft in den Kaffeegarten, aber immerhin kam ich noch an. - Auch ein Klassenausflug in Begleitung von Harry, per Schiff nach Riesa und zurück, hat mir viel gegeben, weniger durch die Aussicht auf die Deiche zu beiden Seiten der Elbe als durch den Anblick unserer Mädchen beim Tanz an Bord.

Aber inzwischen stand das Abitur im Vordergrund. Ich fand verständnisvolle Prüfer. Auch ein Faselfehler in der schriftlichen Arbeit verdarb mir meine Mathematiknote nicht. In Physik hatte ich die Formel für den Wechselstromwiderstand Impedanz abzuleiten, ebenfalls im Grunde eine mathematische Aufgabe, die wir Wochen zuvor einmal behandelt hatten. Das Aufsatzthema kam mir entgegen: „Welche politische Lehre ergibt sich aus der Betrachtung der tieferen Gründe für das Scheitern des Schillerschen Wallenstein?“ Meine Ausführungen hätten allerdings eher den Titel tragen müssen: „Die Rolle der Persönlichkeit in der Geschich-te nach Plechanow am Beispiel des historischen Wallenstein“. Auf die zusätzliche mündliche Deutschprüfung zum Thema „Goethe und das Göttliche“ (oder so ähnlich) war ich indirekt dadurch vorbereitet, dass mir Schuck wenige Wochen zuvor ein Kurzreferat vor der Klasse zum letzten Akt von Faust II aufgetragen hatte. Nur bei Studienrat Dürrbeck, bei dem ich meine Lateinnote aufbessern wollte, fand ich kein Entgegenkommen. Er gab mir zur mündlichen Übersetzung einen Text von Sallust vor, ein Autor, mit dem sich zwar die sprachliche Abteilung befasst hatte, von dem ich im mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig aber noch nie eine Zeile vor Augen gehabt hatte. Entscheidend war das glücklicherweise nicht. Damals genügte dreimal „sehr gut“ in einem Hauptfach für ein „sehr gut“ als Gesamtnote, und das war für die Studienbewerbung ein bedeutender Pluspunkt.

Danach die üblichen Abschlussfeiern. Ich wäre der offiziellen Schulfeier im „Schützenhaus“ (heute Kulturhaus) beinahe ferngeblieben, weil ich keine angemessene Kleidung besaß. Aber unser Herzberger Freund schenkte mir einen tadellosen dunklen Anzug. Also sang uns die 11. Klasse feierlich (wie wir ein Jahr zuvor bei der Klasse über uns): „Brüder, reicht die Hand zum Bunde...“ und „Nun zu guter Letzt geben wir euch jetzt noch zum Abschied das Geleite“. Natürlich fehlte nicht die Klassenfeier mit Bierzeitung für uns und die Lehrer. Und es folgten private Partys, bis in den kühlheiteren Sommermorgen hinein. Alkohol wird wohl dabei gewesen sein, aber wir brauchten alle nicht viel, um in heiterbeschwingte, euphorische Aufbruchstimmung zu geraten.


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