Donnerstag, 17. Oktober 2019
Donnerstag, 10. Oktober 2019

TORGAU

Vier Jahre lang in der Fremde zu Hause

Vier Jahre lang war Oliver auf der Walz. Sein einziges Gepäck war das kleine Bündel und ein Spazierstock, der so genannte Stenz. Foto: TZ/Leukhardt

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Kunstgießer Oliver berichtet von seiner Zeit auf der Walz. Der 31-Jährige durchquerte 26 Länder in ganz Europa und erlebte dabei die unglaublichsten Geschichten.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Wenn Sie diesen Text hier lesen, dann ist Oliver bereits zu Hause angekommen. Er sitzt möglicherweise gerade jetzt bei einer warmen Tasse Kaffee in seiner Küche, schaut sich etwas im Fernsehen an oder schläft sich in seinem Bett einfach mal so richtig aus. Die letzten vier Jahre sah das jedoch komplett anders aus. Kein eigenes Bett, kein Fernsehen und auch nicht immer die Garantie auf einen warmen Kaffee. Denn Oliver war vier Jahre lang auf der Walz. Mit nicht weiter als einem kleinen Bündel, den Kleidern an seinem Leib und einem Spazierstock zog er durch ganz Europa und arbeitete als Handwerkergeselle. Es war eine Zeit voller Entbehrung, die der heute 31-Jährige auf keinen Fall missen möchte.

Seit drei Jahren unterwegs

Los ging die Reise von Oliver am 20. Mai 2015 in Herzberg. Dort lebte und arbeitete er bis zum Beginn seiner Walz als Kunstgießer. Mittlerweile hat er 26 Länder in ganz Europa bereist und hat sich laut eigener Aussage nicht nur handwerklich, sondern vor allem auch menschlich weiterentwickelt. Und die Liebe zum Handwerk war auch der Grund, welcher ihn, neben seiner Abenteuerlust, zu dieser großen Reise getrieben hat. Heute ist er über jeden Tag dankbar, den er auf ihr verbrachte, aber auch froh darüber, wieder zu Hause sein zu dürfen.

Laut ihrer offiziellen Definition ist die Walz, oder auch einfach Wanderschaft, Wanderjahre oder Gesellenwanderung genannt, die Zeit, in der die zünftigen Gesellen nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle wandern. Was in einem Satz erklärt recht simpel klingt, ist jedoch eine Tradition mit einer Fülle an Regeln, die es für eine wirklich gelungene Walz allesamt zu beachten gibt. Dies geht schon beim Beginn Wanderschaft los. Denn ein Geselle darf nicht einfach so seine Walz antreten, sondern muss von einem Wandergesellen abgeholt werden. „Und der muss wiederum schon über ein Jahr unterwegs sein“, erklärt Oliver. Da ein Wandergeselle jedoch kein Handy oder dergleichen mitführen darf, gestaltet es sich schwierig, jemanden zu finden, der einen abholt. „Dafür muss man auf Wandergesellentreffen gehen, die regelmäßig stattfinden. Dort kann man sich dann nicht nur vom Wanderfieber anstecken lassen, sondern auch jemanden finden, mit dem man zusammen seine Walz startet.“

Eine weitere, enorm wichtige Regel während der Wanderzeit ist die sogenannte Bannmeile. Das bedeutet, dass sich der Wandergeselle nicht mehr als 50 Kilometer seinem Wohnort nähern darf. Und auch bei der Fortbewegung gibt es Einschränkungen. Denn was ein echter Wandergeselle ist, der gibt weder für die Fortbewegung noch für die Verpflegung Geld aus. Während seiner Reise ist man voll und ganz auf die Großzügigkeit seiner Mitmenschen angewiesen. Was, gerade in der heutigen Zeit, fast schon unmöglich klingt, war laut den Aussagen von Kunstgießer Oliver in den vergangenen vier Jahren keinerlei Problem. „Es ist wirklich rührend, wie man wirklich jeden Tag Leute trifft, die einem von Herzen gern helfen. Durch die Medien und dergleichen gewinnt man heutzutage schnell einen schlechten Eindruck von der Welt. Aber das ist ganz und gar nicht so.“

Die TZ traf Oliver während seines Aufenthalts am Torgauer Brückenkopf. Dort hatte er mit weiteren 14 Wandergesellen (von denen es nicht alle auf das Foto schafften; Anm. d. Red.) eine Nacht verbracht, nachdem sie vorher das Stadtfest „Torgau leuchtet“ besucht hatten. Die Vielfalt der Gesellen zeigte, dass jeder klassische Handwerksgeselle auf die Walz gehen kann. In der Gruppe befanden sich Maurer, eine Schneiderin, Tischler, eine Hutmacherin, eine Polsterin, eine Goldschmiedin, eine Konditorin, ein Kunstgießer, ein Steinmetz, eine Klempnerin sowie eine Holzbildhauerin. Foto: TZ/Leukhardt

Fremde Betten und fremde Autos

Mit einem Lächeln auf den Lippen erinnert sich Oliver an all die Stunden, die er mit Fremden im Auto oder Wohnungen verbracht hat, deren Besitzer er erst wenige Stunden vorher kennenlernte.  Die erste Anlaufstelle auf der Suche nach einer Unterkunft für die Nacht war für ihn meist die örtliche Kneipe. Dort treffe man in den meisten Fällen Leute, mit denen man sich unterhalten kann und die einem dann auch Obdach anbieten. „Das geht zwar meistens gut, manchmal kommt es aber auch zu wirklich kuriosen Geschichten“, blickt er zurück und denkt dabei an eine Nacht in Nordhessen, die ihm so schnell nicht wieder aus dem Gedächtnis geht.

„Das war eine richtig abgefahrene Nacht im Sommer 2017. Ich hab in einer Kneipe irgendwo im Norden Hessens einen Typen kennengelernt, der völlig besoffen war, mich aber trotzdem bei sich hat pennen lassen. Am nächsten Morgen, nachdem ich aufgewacht war, bin ich bei ihm kurz aufs Klo gegangen und saß gerade drauf, als er wohl auf die gleiche Idee gekommen ist. Nur hatte er offenbar völlig vergessen, dass er am Vorabend jemanden mit nach Hause genommen hat und wunderte sich dann, dass die Klotür verschlossen war. Er hat gebrüllt und an der Tür gerüttelt und versucht sie aufzu- kriegen, ehe ich ihn dann aufgeklärt habe und er sich einfach wieder schlafen gelegt hat. Ich habe mich dann einfach auf die Socken gemacht und ihn seinen Rausch ausschlafen lassen.“

Tradition ist alles

Schaut man sich einen Wandergesellen an, dann ist das Erste, was einem ins Auge sticht, natürlich seine fremdartige Bekleidung. Die sogenannte Kluft, bestehend aus Schlaghose, Hemd, Weste, Jackett und Hut, hat bei den Wandergesellen Tradition und ist für jeden Reisenden absolute Pflicht. Wie Kunstgießer Oliver erklärt, sei auch die Wahl der Farben kein Zufall, sondern Folge eines bestimmten Musters. „Die holzverarbeitenden Berufe tragen schwarz. Metall trägt blau, mineralische Berufe wie etwa Steinmetze grau oder weiß. Textilverarbeitende sowie farb- und formgebende Berufe haben rote Kluften und wer mit Lebensmitteln arbeitet, trägt Pepita, das ist eine Art karierter Stoff.“

Auf die Frage, ob die Walz mit all ihren Regeln und Verboten nicht mittlerweile völlig unzeitgemäß wäre, antwortet Oliver mit einem Kopfschütteln. „Absolut nicht“, entgegnet er. „Es ist eine 900 Jahre alte Tradition, die wir hier bewahren. Und die lohnt es sich auch zu bewahren. Unsere oberste Regel ist es, sich ehrbar und löblich zu verhalten. Und was soll daran unzeitgemäß sein?“ Auch die Tatsache, vier Jahre lang ohne Handy in der Welt unterwegs zu sein, bezeichnet Oliver nicht als Entbehrung, sondern als Befreiung. „Aber irgendwann muss man wieder zurück ins Leben und deshalb habe ich meine Walz jetzt beendet.“

Kaum da und schon wieder fort

In seiner Heimat wartet nicht nur seine Familie, sondern auch seine Freundin auf ihn. Diese hat er auf der Walz kennengelernt, weshalb sie Verständnis dafür hatte, ihn so lange nicht zu sehen. Bei seinem Chef sieht das ganz anders aus. „Der war nicht so glücklich, dass ich auf Wanderschaft gehe. Aber das hat mich nicht abgehalten, schließlich hat die Walz nichts mit dem Betrieb zu tun.“ Und wie Oliver stolz berichtet, habe er auf seinem Weg auch eine viel bessere Firma gefunden, bei der er demnächst anfängt zu arbeiten. „Da geht es dann für mich und meine Freundin ab nach Straubing in Bayern.“

Übrigens: Für alle, die sich bisher gewundert haben, warum Oliver den gesamten Artikel über nur mit dem Vornamen angesprochen wurde: Das hat einen bestimmten Grund. Denn Wandergesellen haben keine Nachnamen. Wie der 31-Jährige erklärte, lege man diesen zu Beginn seiner Walz, genau wie sein Handy, ab. Und noch eine weitere interessante Randnotiz brachte der Kunstgießer zum Ende des Gesprächs mit an: Wie er selbst recherchiert habe, sei er der erste Kunstgießer-Geselle, der seit 1914 auf Wanderschaft gegangen war. Der Geselle, der sich damals, vor über 105 Jahren auf die Reise machte, musste diese wegen des 1. Weltkriegs abbrechen.

Artikel mit ähnlichen Schlagwörtern suchen:

Wandergeselle


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 
Ment You! - optimize your life
24.10.2019, 17:30 Uhr - 22:00 Uhr
3D-Druck in der Anwendung
29.10.2019, 08:30 Uhr - 17:30 Uhr
8. Ostdeutsches Energieforum 2019
29.10.2019, 15:00 Uhr - 30.10.2019, 14:00 Uhr
Seminartag (nicht nur) für das Gastgewerbe
04.11.2019, 10:00 Uhr - 15:00 Uhr
Ausbilder-Stammtisch der IHK zu Leipzig
04.11.2019, 14:00 Uhr - 16:00 Uhr
Geschäftlich tätig in Polen
05.11.2019, 09:30 Uhr - 14:00 Uhr
6. Fachtag "Begeistert Unternehmerin"
05.11.2019, 14:00 Uhr - 20:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
06.11.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Schutzrechtsstrategien zur Sicherung von Marktanteilen
06.11.2019, 15:00 Uhr - 17:00 Uhr
Workshop: Effiziente Kundenansprache
14.11.2019, 09:00 Uhr - 11:00 Uhr
Workshop für Gründer und Jungunternehmer
14.11.2019, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr
Gesprächskreis Immobilienwirtschaft
14.11.2019, 19:00 Uhr - 21:30 Uhr
Marktupdate Zentralasien – Informationsveranstaltung
18.11.2019, 10:00 Uhr - 13:00 Uhr
Seminarveranstaltung zum Facilitymanagement
27.11.2019, 16:30 Uhr - 19:30 Uhr
IHK-Elternabend
02.12.2019, 18:00 Uhr - 20:00 Uhr
Mitarbeiterentsendung ins EU-Ausland
03.12.2019, 14:00 Uhr - 17:00 Uhr
Patentsprechtag: Schützen Sie Ihre Innovationen
04.12.2019, 09:00 Uhr - 15:00 Uhr
Gründerabend
04.12.2019, 16:30 Uhr - 18:30 Uhr
Workshop: Mitarbeiterführung im digitalen Zeitalter
04.02.2020, 16:00 Uhr - 18:00 Uhr

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

Azubi Fibel

Wanderführer

Feste und Gäste

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga