Donnerstag, 17. Oktober 2019
Freitag, 11. Oktober 2019

TORGAU

Wenn Kommunikation zur Hassrede wird

Thomas Rakebrand wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Uni Leipzig. Foto: Foto: Silvana Kuhnert

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Hatespeech ist heutzutage ein weit verbreitetes Phänomen. Doch was steckt eigentlich hinter dem Begriff Hatespeech und wie geht man mit ihr um? Das erklärte Thomas Rakenbrand von der Uni Leipzig der TZ im Gespräch.

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Das Internet. Es ist nicht nur ein unerschöpflicher Quell von Wissen und Unterhaltung, sondern teilweise auch ein wirklich raues und gefährliches Pflaster. Gerade in den Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram ist die so genannte Hatespeech, zu Deutsch Hassrede, weit verbreitet. In Kommentarspalten oder Nachrichten werden einzelne Menschen oder gar ganze Menschengruppen auf das schlimmste beleidigt. Begründet wird das alles meist mit der Meinungsfreiheit. Doch wie weit darf Meinungsfreiheit im Internet gehen? Welche Regeln braucht unsere Kommunikation im Netz? Und wie kann man sich vor der Hassrede schützen? Damit hat sich Thomas Rakebrand, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Uni Leipzig, intensiv auseinandergesetzt und in der Vergangenheit bereits ein Projekt dazu durchgeführt. Darüber wird er am kommenden Donnerstag, 17. Oktober, um 17 Uhr im Heinrich-Schütz-Saal des Schlosses Hartenfels auf Einladung des MPZ+ eine Schlossvorlesung halten, vorher gab er der TZ im Interview noch ein paar Hintergründe zum Thema Hatespeech.

TZ: Hallo Herr Rakebrand,
erst einmal vorweg: was ist denn eigentlich Hatespeech?
T. Rakebrand:
Eine sehr gute Frage, denn tatsächlich können viele Leute mit dem Begriff Hatespeech selbst nicht viel anfangen. Und auch bei einer wissenschaftlichen Definition scheiden sich die Geister. Oftmals wird Hatespeech mit verletzendem Verhalten im Internet erklärt, was meiner Ansicht nach aber nicht sehr treffend ist. Ich würde sie als eine herabwürdigende Kommunikation über Medien, seien es klassische oder soziale, bezeichnen, die sich jedoch nicht unbedingt nur an eine einzelne Person richtet, sondern vor allem auch an eine Personengruppe.

Diskriminierung also?
Ja, Diskriminierung ist auf jeden Fall immer ein Teil von Hatespeech.

Wie unterscheidet sich dann Hatespeech vom ganz klassischen Mobbing?
Durch die Öffentlichkeit. Bei Hatespeech geht es immer um eine Art Kommunikation in einem öffentlichen Rahmen. Sei es über die sozialen Medien oder im Fernsehen oder einer Zeitung. Außerdem ist der Unterschied zum klassischen Mobbing, dass ich bei der Hatespeech eine ganze Gruppe angreife. Es kann zwar sein, dass ich nur eine bestimmte Person anspreche, im Grunde geht es aber darum, die Gruppe, zu der er gehört, herabzuwürdigen. Aber wie gesagt, dazu gibt es viele Definitionen und dies ist eben meine.

Wo fängt Hatespeech an und wo hört sie auf?
Eine juristische Festlegung gibt es dabei zwar nicht, aber ich denke, dass sie dort beginnt, wo sich ein Mensch persönlich angegriffen fühlt. Ähnlich wie beim Mobbing hängt es also immer vom Opfer ab, was als Hatespeech gesehen wird. Was man jedoch für die Eingrenzung heranziehen kann, ist die Meinungsfreiheit. Denn die hat durchaus Grenzen.

Und die liegen wo?
Ganz genau dort, wo Menschen in ihren Persönlichkeitsrechten herabgewürdigt werden. Aber auch das ist nicht einfach festzulegen.

Wer heutzutage in den sozialen Medien unterwegs ist, der wird dort an jeder Ecke mit Hatespeech konfrontiert. Lässt sich ihrer Meinung etwas tun und wenn ja, was?
Ja, ich denke schon, dass man etwas gegen Hatespeech im Netz tun kann. Man wird sie niemals komplett loswerden, aber man kann sie eindämmen. Es gibt ja bereits Kontrollinstanzen, die sich damit auseinandersetzen. Hier wäre als Stichwort auf jeden Fall das Netzwerkdurchsetzungsgesetz zu nennen. Das fokussiert sich auf die großen sozialen Netzwerke und legt fest, dass Inhalte, die strafrechtlich relevant sind, binnen 24 Stunden entfernt werden müssen. Dabei hat sich gezeigt, dass die Plattformen seit der Einführung des Gesetztes im Jahr 2017 selbstständig sehr viel schneller reagieren, sobald ein Verstoß festgestellt wird. Dabei gelten sowohl die Bestimmungen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes als auch die eigenen Richtlinien. Das Interessante dabei ist, dass es die Richtlinien ja schon vorher gab, die Plattformen jedoch erst seit der Einführung des Gesetzes so schnell und streng reagieren.

Trotzdem begegnet Hatespeech einem im Netz jeden Tag...
Ja, das stimmt. Aber ich glaube, wir können uns daran annähern, die Kommunikation gewallt- und hassfrei zu gestalten. Ein Baustein, um das zu erreichen, ist natürlich Regulierung, aber auch die Medienpädagogik spielt dabei eine enorm wichtige Rolle.

Inwiefern?
Wir müssten viel mehr flächendeckend in Bildungseinrichtungen gehen, um Hatespeech auf den Plan zu bringen. Bewältigungsstrategien und pädagogische Angebote gibt es zwar schon, aber das sind eigentlich nur Tropfen auf den heißen Stein. Viel wichtiger ist es, dass etwas aus der Gesellschaft heraus passiert. Ich glaube, wir haben verlernt, zu kommunizieren.

Und um dem entgegenzusteuern haben Sie ein Projekt entwickelt?
Genau. Das war ein Modellprojekt von klangumfang, gefördert von der Sächsischen Landesmedienanstalt, bei dem wir 2017 und 2018 die Themen Hatespeech und Fakenews in Form von Video-Blogs zusammen mit Schülern bearbeitet haben. Sie haben sich drei Tage lang mit der Thematik auseinandergesetzt und dann dazu Clips erstellt. Dabei haben sie verschiedene Fallbeispiele behandelt und anhand dessen dann die Wirkung von Hatespeech kennengelernt. Und davon wurde dann der Bogen zu den Bewältigungsstrategien gespannt.

Wie sollte man also mit Hatespeech umgehen?
Wichtig ist auf jeden Fall eine gewisse Gelassenheit und ein gewisser Selbstschutz. Man sollte nicht direkt emotional reagieren, sondern sich sammeln und Argumente erarbeiten. Man sollte überlegt und mit Fakten in die Gegenrede gehen. Und natürlich sollte man sich auch nicht davor scheuen, die in den sozialen Medien vorhandenen Melde-Mechanismen zu nutzen.

Nun haben wir schon viel über Hatespeech gelernt. Worauf können sich die Besucher der Schlossvorlesung am Donnerstag freuen?
Ich werde auf jeden Fall noch einmal erklären, was Hatespeech eigentlich ist und dazu ein paar aktuelle Studien zeigen. Es ist interessant zu sehen, wie verbreitet Hatespeech und wer davon überhaupt betroffen ist. Die Rechtslage rund um die Meinungsfreiheit wird ein Thema sein und auch auf mein Projekt und die Bewältigungsstrategien werde ich ausführlich eingehen.

 

 

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