Mittwoch, 12. August 2020
Dienstag, 30. Juni 2020

TORGAU

Punk in der DDR - Ein Leben in und gegen die Diktatur

Geralf Pochop vor dem eingerüsteten Brückenkopf. Dort wird er am Samstag aus seinem Buch lesen. Foto: TZ/Leukhardt

von unserem Redakteur Nick Leukhardt

Torgau. Am kommenden Samstag liest Geralf Pochop vor dem Brückenkopf aus  seinem Buch „Untergrund war Strategie“. Danach gibt es noch Live-Musik mit Körperspannung und AbRAUM.

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„Das ist ja wie damals unter Honecker.“ „Wir leben in einer Corona-Diktatur.“ „In der heutigen Zeit darf man auch nicht mehr sagen und machen, unsere Grundrechte sind massiv eingeschränkt.“ Solche Sätze hört man dieser Tage immer wieder, wenn gegen die aktuell geltenden Corona-Beschränkungen gewettert wird. Geralf Pochop kann bei so etwas nur mit dem Kopf schütteln. Vor 35 Jahren erlebte er am eigenen Leib, wie es ist, seine Meinung nicht kundtun zu dürfen und von einem diktatorischen Regime unterdrückt zu werden. Er saß als junger Punk in der DDR zwei Mal im Gefängnis, musste immer wieder erleben, wie seine Freunde und er nur wegen ihrer Andersartigkeit zur Rechenschaft gezogen wurden. Über diese Zeit hat Pochop ein Buch geschrieben, aus dem er am kommenden Samstag vor dem Brückenkopf vorlesen wird. Begleitet wird er dabei von zwei Punkbands, die im Anschluss noch ein kleines Open-Air-Konzert geben werden.

56 Jahre ist Geralf Pochop mittlerweile alt. Mit Frau und Kindern lebt er in Torgau, verdient sein Geld als Autor und Zeitzeugenreferent an Schulen und in Gedenkstätten. Dass er einmal mit den Untaten, die ihm in seiner Jugend angetan wurden, seinen Lebensunterhalt bestreitet, damit hätte er wohl nie gerechnet. Doch seine Geschichten sind viel zu interessant, um sie in Vergessenheit geraten zu lassen. Die Geschichten von einer winzig kleinen Punk-Szene, die eigentlich erst durch die Repressionen der DDR in Opposition ging und zu wachsen begann, von Konzerten in Kirchen, die von Pfarrern organisiert wurden und von Bands, welche trotz – laut Stasi – gewalttätiger „Zersetzungsmaßnahmen“ und langen Gefängnisstrafen trotzdem weiter spielten.„Das muss man sich heute einmal vorstellen! Der damalige Staat hat sich tatsächlich von einigen pubertierenden Jugendlichen mit Nietenjacken und bunten Haaren bedroht gefühlt. Eigentlich völlig absurd.“ 

2018 erschien Geralf Pochops Buch "Untergrund war Strategie. Punk in der DDR: Zwischen Rebellion und Repression".

 

Keine politischen Ambitionen

Absurd schien das Geralf Pochop auch damals, nur tun konnte man gegen den herrschenden Staatsapparat wenig. Und zumindest zu Beginn wollte man das auch nicht. „Anfang der 80er-Jahre waren wir gar nicht darauf aus, uns groß politisch zu positionieren oder die Regierung zu stürzen. Wir wollten einfach Teil dieser neuen, andersartigen Subkultur sein.“  Das änderte sich dann jedoch schlagartig, als sich Pochop selbst mit der Willkür des DDR-Staatsapparats konfrontiert sah. Denn 1982 wurde Geralf Pochop das erste Mal verhaftet und wegen einer eigentlichen Bagatelle – dem Tragen eines nicht-konformen Aufnähers im Verhörraum – brutal zusammengeschlagen. 1983 kam er aufgrund frei erfundener Anschuldigungen in die Stasi-U-Haft des berüchtigten „Roten Ochsen“. Und damit war er nicht der einzige. „Allein im Jahr 1983 gab es in meinem Bekanntenkreis drei Leute, die einfach so im Jugendwerkhof gelandet sind.“

Die Aggression des Staates gegenüber den Punks habe im Laufe der Zeit etwas ausgelöst. Die vorher eigentlich friedliche Jugendbeweggung wurde mehr und mehr aufgeladen. „Jeder, der aus dem Gefängnis kaum, war  richtig politisiert“, blickt Pochop zurück. Man sei vom sozialen Leben ausgeschlossen worden, war regelrecht vogelfrei. „Und da wir eh schon vogelfrei waren, ließen wir uns auch nicht mehr den Mund verbieten.“ Die Punk-Szene wurde also nicht nur immer radikaler, sondern wuchs auch stetig an. „Ende der 80er haben nicht nur wir Punks, sondern auch andere Subkulturen wie die Grufties, das Stadtbild in vielen größeren Orten dominiert.“

Geralf Pochop im Jahr 1986.

 

Erinnerungen weitergeben

Dies ist zwar in der heutigen Zeit, über 30 Jahre später, nicht mehr ganz der Fall, doch trotzdem ist der Punk aus der heutigen Jugendkultur nicht mehr wegzudenken. Und das ist auch einer der Gründe, warum Geralf Pochop sein Buch geschrieben hat und damit nicht nur zu Lesungen geht, sondern es auch als Unterrichtsmaterial anbietet. „Man kann sich das heutzutage gar nicht mehr vorstellen wie es war, in einer Diktatur zu leben. Und jeder, der sagt, wir würden heute in einer ,Merkel-Diktatur’ leben, der hat noch nie eine Diktatur in voller Härte miterlebt.“

Am Samstag wird gelesen

Um mit seiner Lesung am kommenden Samstag, 4. Juli, vor dem Brückenkopf auch die jüngere Zielgruppe zu erreichen, hat er sich neben der Wolfener DDR-Punkband „AbRAUM“ auch Torgaus jüngste Punkband „Körperspannung“ mit an Bord geholt. Ab 17 Uhr wird Pochop unter freiem Himmel aus seinem Buch „Untergrund war Strategie“ lesen, im Anschluss spielen die beiden Bands ein kleines Konzert. Wichtig dabei: Die Veranstaltung beginnt pünktlich 17 Uhr und endet auch pünktlich 22 Uhr. Natürlich sind dabei die  Corona-Hygiene-Maßnahmen einzuhalten. Der Eintritt ist frei, gefördert wird das Projekt durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Programms „Demokratie Leben.“ 

Die Torgauer Punk-Band Körperspannung wird im Anschluss an die Lesung auftreten.

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