Mittwoch, 28. Juli 2021
Freitag, 16. Juli 2021

Durch ein Tal der Tränen geschritten 

Im Bild von links Produktionsleiter André Böhme, Personalreferentin Sarah Pertzsch und Werksleiter Björn Dobslaw. Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Dommitzsch. Nach einer Protestaktion der Gewerkschaft NGG in Dommitzsch hat unsere Zeitung das Gespräch mit dem Vandemoortele-Werksleiter Björn Dobslaw gesucht und sich selbst ein Bild von der aktuellen Situation – die noch stark von der Corona-Krise geprägt ist –  gemacht. 

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"Die Corona-Krise hat uns hart getroffen. Viele Wochen lag die Produktion komplett still. Wir waren gezwungen, einige Back-Linien zum Teil vollständig zu stoppen.“ 

Spuren sind geblieben 

Man merkt Björn Dobslaw, dem Werksleiter, an, dass die vergangenen Monate Spuren hinterlassen haben. Von April 2020 bis Februar 2021 war bei der Vandemoortele Dommitzsch GmbH fast durchweg Kurzarbeit angesagt. Bis auf wenige Unterbrechungen im September und im Oktober. Jetzt gibt es endlich ein Durchatmen. Das Tal der Tränen scheint durchschritten, aber sinnbildlich müssen viele Scherben zusammengekehrt werden. Die Corona-Pandemie brachte heftige Einschnitte. Und genau in dieser Phase hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in der Vorwoche eine Aktion in Dommitzsch initiiert, die für reichlich Irritationen im Umfeld sorgte. Bevor der Werksleiter aber darauf eingeht, möchte er ein Bild von der Gesamtsituation zeichnen. Laugenware – Laugen-Brezeln, Laugen-Stangen, Laugen-Zöpfe sowie Laugen-Brötchen gehören zum wichtigsten Sortiment. Dazu spezielle Baguettes. Besonders stolz sei man auf mediterrane Steinofen-Produkte wie Ciabatta und Bio-Produkte. 

Lockdown 

Ein Großteil der Kunden kommt aus dem Bereich Hotellerie, Gastronomie und Catering. Die Häuser mussten im Lockdown schließen, was zur Folge hatte, dass die Dommitzscher 30 Prozent an Produktions-Volumen verloren. „Wir haben trotz der Krise keinen Mitarbeiter kündigen müssen“, betont Dobslaw. Nur im Zusammenspiel mit dem ganzen Konzern sei es gelungen, die Krise abzufedern. Jeder der 26 Produktionsstandorte musste „sein Päckchen“ tragen. Jeder Standort, egal ob Vertrieb oder Logistik. Allein als Betrieb hätte man es in Dommitzsch nie geschafft, ist sich der Werksleiter sicher. „Wir haben Investitionen schieben müssen, haben die Mittel dafür zurückgegeben. Gleichzeitig aber wurden unsere Budget-Mittel vom Konzern aufgestockt, um Produktionsanlagen zu überholen und zu warten.“ Zehn Mitarbeiter seien während der Pandemie in die Rente eingetreten. Weil Einstellungsstopp herrschte, war kein Ersatz möglich. 

Trotz aller Einschnitte habe es in der Corona-Phase jedoch eine Lohnerhöhung von fünf Prozent für das Personal in Dommitzsch gegeben. „Wir unterliegen dem demografischen Wandel. Zehn Renteneintritte in nur einem Jahr sind eine Hausnummer. Deshalb suchen wir neue Mitarbeiter. Diese sollen nicht nur die bisherigen Stellen ersetzen, sondern an neue Technologien herangeführt werden. Sie sollen sich kreativ einbringen und Verantwortung übernehmen können. Wir möchten künftig noch schneller und agiler sein und wir möchten durch mehr Wissen noch mehr Knowhow erreichen“, formuliert Björn Dobslaw die ehrgeizigen Ziele. 

Dazu bilde man dieses und nächstes Jahr 40 Beschäftigte über interne und externe Schulungen weiter aus und man wolle ein Klima schaffen, dass sich alle Mitarbeiter wohl und geschätzt fühlen. Darüber hinaus hoffe man inständig, auf dem Arbeitsmarkt qualifizierte Fachkräfte – williges und ehrgeiziges Personal – dazugewinnen zu können. 

Schwere Geschütze 

Dass die NGG nun schwere Geschütze auffuhr und sogar eine kleine Demo vor dem Werkstor veranstaltete, sei aus Sicht der Geschäftsleitung ein Dolchstoß in den Rücken. Man sieht die kleinen Erfolge gefährdet, die in den letzten Jahren mühsam erreicht wurden. In einer Pressemitteilung an TZ spricht Gewerkschaftssekretär Christian Ullmann von einem Tarifabschluss, der angestrebt wird. „Dazu muss man aber wissen, dass der bestehende Entgelttarifvertrag bereits im Oktober 2019 von der NGG selbst gekündigt wurde und dass die Gewerkschaft seitdem überhaupt keine Gesprächsbereitschaft zu einem neuen Tarifvertrag mit uns gezeigt hat. Man wolle sich zu gegebener Zeit bei uns melden, hieß es nur“, schildert Björn Dobslaw eine andere Sicht der Dinge. 

Unterschied 

Die NGG fordert die Angleichung der Löhne und Gehälter an den Vandemoortele Standort in Dresden. „Allerdings wird nicht erwähnt, dass die Dresdener Margarine sowie kulinarische Öle und Fette herstellen. Das ist ein riesiger Unterschied, eine ganz andere Branche und mit uns nicht vergleichbar“, so der Werkschef. Besonders anmaßend und populistisch findet er die Formulierung „Billiglöhne“ in der NGG-Pressemitteilung. „9.60 Euro je Stunde beträgt der Mindestlohn in Deutschland. Unsere Mitarbeiter verdienen Minimum ohne Zuschläge 11.53 Euro ungelernt. Fachkräfte in der Produktion haben 13.55 Euro ohne Schichtzuschläge und ohne Zulagen – die noch dazu kommen“, lässt der Werksleiter Fakten sprechen. Vom Mindestlohn sei man jedenfalls weit weg. 

Mindestanspruch 

Der Mindestanspruch an Urlaub betrage dagegen in Deutschland 20 Tage bei einer regulären Fünf-Tage-Woche. „Alle unsere Mitarbeiter haben 30 Tage Urlaub und wenn sie im Schichtdienst arbeiten, kommen noch einmal bis zu weitere sechs freie Tage hinzu. Und dann stellt man einen kleinen Jungen mit einem Plakat und einer gemalten Sonne vor das Tor, der traurig ist, weil sein Papi so wenig zuhause sei“, ärgert sich Björn Dobslaw über die Aktion der Gewerkschaft, die seiner Meinung nach genug eigene Interessen im Sinne habe. 

Flache Hierarchien

Ärgerlich sei auch, dass unter den Protestlern nur eine geringe Zahl von Vandemoortele-Kräften ausgemacht wurde. Stattdessen habe man wohl viele Außenstehende mit ins Boot geholt, um Eindruck zu schinden. „Wir haben hart an neuen Strukturen und Organisationsformen gewirkt, um mitarbeiterfreundlich zu sein. Wir pflegen flache Hierarchien, setzen auf viel Mitspracherecht. Wir wollen ein attraktiver Arbeitgeber sein“, betont der Betriebsleiter. 

Man suche derzeit mindestens zehn neue Kräfte, ob Bäcker, Produktionsmitarbeiter, Teamleiter oder sogar Schichtleiter. Es seien Führungsstellen offen, die gut bezahlt werden. Moderne Maschinen und Gestaltungsmöglichkeiten locken. „Die NGG soll sich mit uns an einen Tisch setzen und nicht mit Parolen ein falsches Bild in der Öffentlichkeit erzeugen, welches den ganzen Standort gefährdet“, fordert Björn Dobslaw. Alles andere könne auch nicht im Sinne der 170 Mitarbeiter vor Ort in Dommitzsch sein.

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