Mittwoch, 27. Oktober 2021
Dienstag, 20. Juli 2021

100 Jahre und ein Geheimrezept  

Dr. Hermann Schulz und Ehefrau Gerlinde. Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Dommitzsch. Dr. Hermann Schulz aus Mahlitzsch feierte am Montag einen überaus seltenen Geburtstag und plauderte aus dem Nähkästchen. 

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Wenn einer 100 wird, muss er auch verraten, ob es dafür ein Geheimrezept oder wenigstens ein paar kleine Tricks und Kniffe gibt, um dieses Alter zu erreichen. Dr. Hermann Schulz kam am Montag um diese wichtige Frage ebenfalls nicht herum. Und er plauderte zur Freude der etwa 15 anwesenden Gäste ganz tief aus dem Nähkästchen. 

Verlockung widerstanden 

Sportliche Betätigung sei schon immer seine Leidenschaft gewesen. Vor allem das Schwimmen hatte es ihm frühzeitig angetan. „Im jugendlichen Alter will man ja ganz gerne die Damen mit qualmenden Zigaretten beeindrucken. Ich habe gemerkt, dass meine Leistungen jedes Mal sofort nachgelassen haben“, lächelt der Jubilar. Es sei damals üblich gewesen, für handwerkliche Arbeiten zwei bis drei Zigaretten als Trinkgeld zu bekommen. Er habe trotzdem widerstanden. „Mein Vater war Kettenraucher. Es hat ihm sicher viele Lebensjahre gekostet. Er ist mit 75 gestorben“, sinniert Dr. Hermann Schulz. 

„Ich war auch dem Alkohol nie so zugetan. Wenngleich alles in Maßen sicher nicht so schädlich ist.“ Was der 100-Jährige dann verriet, ließ die Geburtstags-Gesellschaft besonders aufhorchen. Abhärten – lautet sein Geheimrezept. Er stehe sogar nachts auf, um sich unter die lauwarme und dann eiskalte Dusche zu stellen. Das bringt den Kreislauf auf Hochtouren. „Hinterher bürste ich mich am ganzen Körper ab. Dann wird noch eingecremt“, verriet er der staunenden Gratulantenschar. „Aha, duschen und bürsten“, fasste Renate Bibow lachend zusammen und man stieß gemeinsam auf das Wohl des Gastgebers an. 

Politisch engagiert 

Da sich Hermann Schulz sein ganzes Leben politisch engagiert hat, zuletzt für DIE LINKE im Dommitzscher Stadtrat, waren auch viele ehemalige Partei-Mitglieder und Weggefährten gekommen. Die staunten wiederum nicht schlecht, als sie der Senior schon zur Begrüßung auf dem Laufband empfing. Dieses Gerät und ein Stepper befinden sich in der Diele des kleinen gemütlichen Hauses am Mahlitzscher Weinberg. Hier wohnt der Rentner gemeinsam mit seiner Frau Gerlinde (91). Und ja: Mehrmals täglich steigt er sowohl auf den Stepper als auch auf das Laufband. Immer für ein paar Minuten, solange die Puste reicht. Von der Terrasse aus hat man einen herrlichen Blick hinunter auf den Garten und auf die malerische Landschaft. Blühende Felder, zwitschernde Vögel. „Da muss man einfach alt werden“, lacht der Mahlitzscher, um anschließend noch die sehr gute Pflege seiner Frau Gerlinde zu loben, die ebenfalls Anteil habe. 

Darüber hinaus freut sich Hermann Schulz nun auf die große Feier am Samstag, die in einem Restaurant in Dommitzsch stattfindet. Dazu sind dann natürlich auch die zwei Kinder, fünf Enkel und acht Urenkel mit ihren Familien eingeladen. „Ein Leben, das ein wenig auf Gesundheit ausgerichtet ist, hilft. Aber nicht alles liegt ins unseren eigenen Händen“, blickte der 100-Jährige zurück. Mehrfach hatte er schon abgeschlossen. Einige Male blickte er dem Tod direkt ins Auge. Eine Kriegsverletzung, schweres Fleckfieber, Gefangenschaft! 

Kriegstagebuch 

Seine Erlebnisse im Russland-Feldzug waren so grausam, dass er 60 Jahre nicht darüber sprechen konnte. Erst 2009 veröffentlichte er ein Buch mit 500 Seiten, das auch sein akribisch geführtes Kriegstagebuch preisgibt. „Sprung ins zweite Leben“, heißt die Biografie. Viele Freunde hatten ihn dazu ermutigt. Denn wer könne schon von sich behaupten, so turbulente Zeiten – die Weimarer Republik, den Faschismus, den Krieg und die Nachkriegszeit, DDR und Wende – selbst erlebt zu haben. 

Schulz wuchs als Kind einer Arbeiterfamilie in ärmlichen Verhältnissen auf. In seinem Buch schildert er bittere Not. Beinah abenteuerlich berichtet er über seinen Aufstieg aus den heute unvorstellbaren Trümmern Berlins vom Achtklassen-Klippschüler (umgangssprachlich für Volksschüler) zum Akademiker. Von 1955 bis 1960 arbeitete er im Ministerium für Volksbildung, lernte viele Führungskräfte der DDR persönlich kennen. Margot Honecker behielt er als attraktive junge Frau in Erinnerung. Bei einem Parteilehrgang hatte er Kontakt zur Schriftstellerin Anna Seghers. In den 70er-Jahren war Dr. Schulz lange Dozent an der Leipziger Uni (Sektion Pädagogik) und leitete ein Wissenschaftsgebiet. 

Über die Alpen

Erst mit der Rente zog er mit seiner Frau Gerlinde auf das Wochenendgrundstück nach Mahlitzsch. Somit rückte der Sport zurück in den Lebensmittelpunkt. Der Senior wagte sich im stolzen Alter von 83 mit dem Fahrrad an eine Alpenüberquerung, bewältigte gemeinsam mit seiner Gattin 280 Kilometer Strecke und 3200 Höhenmeter. Danach unternahm das Ehepaar noch weitere große Touren. 16 000 Kilometer radelten beide durch Europa, sahen sich dabei zahlreiche Länder an. Auch hier hat Dr. Schulz genau Statistik geführt. 

Wer rastet, der rostet – und so versucht der 100-Jährige weiter geistig und körperlich aktiv und fit zu bleiben. Die Torgauer Zeitung schließt sich der großen Gratulantenschar an, wünscht alles erdenklich Gute, weiterhin viel Gesundheit und eine schöne Feier am Sonnabend.

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