Dienstag, 28. September 2021
Freitag, 6. August 2021

"Von Mensch zu Mensch, von privat zu privat"

Dirk Huizing (r.) begrüßt die Helfer vor der Lagerhalle. Links neben ihm steht Peter Münstermann. Foto: privat

von unserem Volontär Thomas Keil

Falkenberg/Torgau/Eschweiler. Und plötzlich wurde das beschauliche Falkenberg/Elster zum Nabel der Welt – zumindest für Helfer, die den Opfern der Flutkatastrophe in der Eifel was Gutes tun wollten.

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Im engen Flur zum Büro versperren Kartons den Weg. Packungen mit Windeln liegen obenauf. „Die gehen gleich zur Post und werden nach Langerwehe versendet“, erläutert Birgit Stöber. Reste ihrer vorangegangenen Hilfslieferung? „Nein, das ist schon die nächste“, antwortet sie. Diese Pakete seien speziell für eine vierköpfige Familie, deren Haus durch die Flut beinahe verloren ging. Ob es stehen bleiben könne, ist auch Anfang August noch unklar. „Sie wohnen jetzt im einstigen Kinderzimmer der Frau“, schüttelt die Falkenbergerin ungläubig den Kopf. 

Inspiriert durch Erinnerungen
Rückblende: Am Samstag vor drei Wochen schaut Birgit Stöber morgens die Acht-Uhr-Nachrichten und erfährt von den dramatischen Ereignissen in der Eifel. „Sofort kamen mir die Bilder von 2002 wieder hoch“, sagt die Falkenbergerin. Damals spülte die Elbeflut das elterliche Haus in Dautzschen zum Teil weg. „Ich steckte bis zu den Knien im Schlamm“, blick sie zurück.

Aus den Erinnerungen entspringt der spontane Wunsch zu helfen. „Ich musste einfach etwas tun“, so Birgit Stöber. Deshalb startete sie  per WhatsApp  ihren Hilfeaufruf – noch während der Beitrag über die Eifel im Fernsehen lief. Von Mensch zu Mensch, von privat zu privat – dies sei ihr Motto gewesen. „Danach erst habe ich mir überlegt, wie das funktionieren könnte“, unterstreicht sie die Spontanität ihres Aufrufs. So habe sie hinterher mit Andreas Kluge telefoniert und das weitere Vorgehen beratschlagt. Der Falkenberger Ortswehrleiter habe direkt die Unterstützung mit Transportkapazität zugesagt. Derweil geht der Whats-App-Aufruf steil – bereits zwei Stunden später treffen die ersten Hilfslieferungen im Stöberschen Hof ein. Was die Leute brachten? „Kerzen, Feuerzeuge, Hygieneartikel, Batterien und Lebensmittel“, zählt die Unternehmerin auf. In ihrem Aufruf habe sie vor allem Nahrungsmittel und Trinkwasser betont. „Ich wusste gar nicht, wohin mit den Sachen“, erläutert Birgit Stöber. Um elf Uhr meldete sich Oliver Sömich. Der Kraftfahrzeughändler aus Köllsa bot an, seine Transporter zur Verfügung zu stellen und selbst mitzufahren. 

Reichweite
Als Unternehmerin ist ihr Adressbuch gut gefüllt. „Ich habe zweitausend Kontakte“ zeigt sie auf ihr Telefon. Doch die Reichweite des Hilfeaufrufs wird nochmals gesteigert, als Birgit Stöbers Freunde Christian Agocs und Ines Schulz den Hilfeaufruf bei Facebook teilen. „Dann explodierte es – die Leute kamen beispielsweise aus Cottbus, Erding und Hildesheim zu mir gefahren“, zählt die Falkenbergerin auf. Vor allem Roman Winzer aus Erding sei ihr dabei in Erinnerung geblieben. „Es war ihm eine Herzensangelegenheit. Zu mir kam er, da in Erding eben nichts derartiges organisiert wurde“, berichtet sie. Er habe dazu fünf Stunden Fahrt nach Falkenberg auf sich genommen. Auch die Feuerwehren aus Limberg, Frankenhain, Stolzenhain und Stechau brachten Spenden. „Noch nach 21 Uhr standen die Leute  in der Tür“, erinnert sich Birgit Stöber.

Auf nach Langerwehe
Über die vielen Whatsapp- und Facebook-Ecken gelangt der Hilfeaufruf auch in die betroffene Region in der Eifel. „Um 23 Uhr rief mich Dirk Huizing an“, informiert die Unternehmerin. Der Ortsvorsteher eines Langerweher Ortsteiles habe sich riesig über die Solidarität aus Falkenberg gefreut. Zusätzlich übermittelte er die Lage vor Ort. „Dann gab er mir noch eine Liste mit den benötigten Dingen durch“, sagt Birgit Stöber. Am Ende des Telefonats stand ein Handel: Birgit Stöber bringt die Sachen vorbei und Dirk Huizing organisiert eine Lagerhalle.

Die nächsten Tage standen ganz im Zeichen des Sortierens der Hilfsgüter, organisieren von Transportmöglichkeit und der Entgegennahme weiterer Spenden. „Uns erreichten sogar Pakete aus Ahlen und von der Ostsee“, so die Falkenbergerin. Ihre Freundin Sabine Buske habe sogar dreimal zusätzliche Gütern aus Riesa gebracht.

Nach rund einer Woche Planen,  Sammeln und Verpacken ist es freitagmorgens, 3.06 Uhr, soweit – der Konvoi rollt los gen Eifel. „Falkenbergs Bürgermeister Stephan Bawey gab uns noch 300 Euro für Sprit und Verpflegung mit auf den Weg“, sagt Birgit Stöber. Insgesamt sieben Transporter, teilweise mit Anhänger, machen sich auf den 635 Kilometer langen Weg. „Darunter auch das Ehepaar Hägele aus Torgau, beide schon jenseits der 70“, staunt sie.

Emotionale Verteilung
Als sie am Nachmittag vor der Lagerhalle ankommen, kennt die Freude bei den Hilfsbedürftigen keine Grenzen. „Wir wurden mit Tränen in den Augen empfangen“, berichtet die Falkenbergerin. In ihren Reden brachten Dirk Huizing und Peter Münstermann, Bürgermeister von Langerwehe, ihren Dank über die Hilfe zum Ausdruck.

In Langerwehe herrscht in der 700 Quadratmeter großen Lagerhalle bereits ein ausgeklügeltes Logistiksystem. „Oben kommen die Hilfslieferungen an und unten im Parkdeck ist die Ausgabe an Bedürftige“, schildert Birgit Stöber. Doch Schippen, Besen und Spaten werden gar nicht erst eingelagert – diese übernahmen gleich die Bedürftigen. „Auch einem Kühlschrank ging es ähnlich – nach fünf Minuten war er abgeholt“, blickt die Unternehmerin zurück. In Videos hat sie die Lage vor der Lagerhalle und ihre Gespräche mit den Bedürftigen festgehalten. „Da lagen sich wildfremde Menschen in den Armen – mit Tränen in den Augen“, berichtet sie. Teilweise hätten Flutopfer bis zu 70 Kilometer Anfahrt in Kauf genommen, um von den Hilfsgütern zu partizipieren. „Schlussendlich sind bereits nach drei Tagen rund 80 Prozent unserer Spenden verteilt gewesen“, fasst die Falkenbergerin zusammen.

Der nächste Schritt
„Meine Mission ist noch nicht beendet“, macht Birgit Stöber klar. Nun kontaktiere sie Möbelhäuser und Elektrogeschäfte, um entsprechende Spenden in die betroffenen Gebiete auf den Weg zu bringen. „Die Firmen sollen sich bei mir melden – ich stelle dann den Kontakt her“, erläutert sie die nächste Etappe ihrer Hilfsaktion.

Was sie ihren Helfern und Spendern noch sagen will? –  „Danke.“ 

 


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