Dienstag, 28. September 2021
Donnerstag, 2. September 2021

"37 Behörden kontrollieren uns und wollen dafür auch noch Geld"

Philipp Rubach (Die Linke), Dr. Christiane Schenderlein (CDU), Denis Korn (Bündnis 90/ Die Grünen), Martin Richter (FDP) und René Bochmann (AfD). Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Audenhain. Die Regionalbauernverbände Torgau/Oschatz und Delitzsch hatten am Donnerstag zum Wahltalk eingeladen. Fünf Kandidaten bekamen von den Landwirten Einiges zu hören. 

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Kaum war die Diskussion eröffnet, da merkte man schon, wie es im Saal von Meyers Gasthof in Audenhain förmlich knisterte. Bei vielen Landwirten hat sich in den letzten Jahren Wut angestaut. Und die entlud sich teilweise am Donnerstagnachmittag im Gespräch mit den Bundestagskandidaten. Vor allem Denis Korn, Bewerber für Bündnis 90/Die Grünen aus Lonnewitz/Oschatz, musste einiges abhalten. 

Gute Tradition 

Eingeladen hatten die Regionalbauernverbände Torgau und Delitzsch. Sie hielten mit diesem Wahltalk trotz Corona eine gute Tradition der vergangenen Jahrzehnte aufrecht. Wie TZ erfuhr, wurden aber nur die Vertreter der großen Parteien mit Einladungen bedacht, sodass von den zwölf Kandidaten in Nordsachsen lediglich fünf im Podium Platz nahmen. Rüdiger Kleinke (SPD) hatte sich entschuldigen lassen. 

Nach einer Eröffnung durch Tilo Bischoff, Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Delitzsch und Elke Neubert, die dem Verband Torgau/Oschatz derzeit kommissarisch vorsteht, folgte eine Vorstellungsrunde der Politik-Vertreter. 

Für Wohlstand 

Dabei blieb hängen, dass Philipp Rubach als Parteiloser, der für DIE LINKE ins Rennen geht, gern hätte, dass die Bauern von ihrer Arbeit leben können. Das klappe nur, wenn zum Beispiel die Milchpreise auf einem bestimmten Level sind. Man müsse verhindern, dass Investoren von außerhalb Betriebe und Flächen aufkaufen. Dr. Christiane Schenderlein (CDU) betonte, dass sie von Anfang an um einen regen Austausch mit den Bauern bemüht sei. Landwirtschaft sei ein wichtiger Pfeiler für den Wohlstand in Nordsachsen. Sie sprach das Problem der Roten Gebiete an (Nitrat belastete Böden – d. Red.) und dass das Messstellennetz zu ertüchtigen sei. 

Denis Korn (Bündnis 90/Grüne) schickte voraus, dass er kein Fachmann in Bezug auf Landwirtschaft sei, aber in engem Kontakt mit Agrarminister Wolfram Günther steht. Es müsse wieder mehr Vermögen von oben nach unten fließen und das Land müsse in den Händen der einheimischen Bauern bleiben. 

Martin Richter (FDP) glaubt, dass genau seine Partei mit ihrem Wahlprogramm exakt die Interessen der Landwirte vertritt. Ob Bürokratieabbau oder Stärkung des ländlichen Raumes. Die Bauern müssen so gut wirtschaften können, dass sie immer weniger abhängig von Subventionszahlungen aus Brüssel und Berlin sind. 

René Bochmann (AfD) sagte, dass seine Partei noch näher an die Landwirtschaft rücken will. Und: Man möchte nicht mit Worten, sondern mit Leistung überzeugen. Große Probleme seien aber nur zu lösen, wenn alle Fraktionen und Parteien zusammen und nicht gegeneinander arbeiten. 

Nun galt: Feuer frei für die Besucher im Saal. Und da stichelte Michael Greiner-Bär aus Liebschützberg gleich mit mehreren Fragen an Denis Korn, unter anderem: Wieso wollen die Grünen nur 30 und nicht 100 Prozent Öko? Der Lonnewitzer führte aus, dass 100 Prozent unrealistisch und nicht zu schaffen sind. Zorn erntete er mit der Aussage, dass in Deutschland zu viel produziert wird und dass deshalb die Preise fallen. Wo doch große Mengen aus dem Ausland billig importiert werden, wie Zwischenrufer deutlich machten. Warum? Weil im Ausland niedrige Löhne, weniger Auflagen bei Hygiene und Umwelt und geringere Steuern gelten.

Frage des Geldes 

„Regionalität ist wichtig“, versuchte Christiane Schenderlein die Wogen zu glätten. Man müsse den Leuten sagen: Geht zu eurem Bäcker, zum Fleischer, kauft einheimische Produkte! Sie gab aber auch zu bedenken, dass es vor allem bei Familien mit Kindern eine Frage des Geldes sei. Viele sind gezwungen, genau nach dem Preis zu schauen. Das veranlasste René Bochmann zu deftigen Worten: „Wir investieren viel Geld in die EU, um die Landwirtschaft anderer Länder zu unterstützen. Deutsches Steuergeld für ausländische Konkurrenz, wo doch viel Potenzial da ist, den einheimischen Bedarf selbst abzudecken“, was Widerrufe im Saal erzeugte. Martin Richter korrigierte: Deutschland sei zwar der größte Netto-Zahler, profitiere aber auch am meisten von der EU. Das Geld sei nötig, um einheitliche Standards in den Ländern zu schaffen. „Wir können 84 Millionen Menschen nicht so ernähren, wie wir es wollen. Wir brauchen den europäischen Markt“, so Richter. Es sei aber auch eine Vergleichbarkeit der Wettbewerbsbedingungen nötig. „Es darf nicht sein, dass die Schweineproduktion nach Polen abwandert, wegen dortiger geringerer Steuern und weil weniger Bürokratie vorherrscht.“ 

Welche Zukunft Biogasanlagen haben, wollte Harald Rietzschel aus Laas wissen und eröffnete damit ein weiteres großes Thema. Von der Anlage in Laas profitieren 70 Arbeitsplätze im Ort, 70 000 Liter Heizöl wurden bei der Energiegewinnung abgelöst. Viele Betriebe haben sich solch ein Standbein geschaffen. Doch die Zukunft dieser Anlagen   sei ungewiss, weil Förderungen auslaufen und Auflagen immer strenger werden. Richter, Schenderlein und Bochmann sprachen sich für einen Energiemix in Deutschland aus. Versorgungssicherheit und Preisstabilität seien ganz wichtig, betonte die CDU-Kandidatin. Der AfD-Mann brachte sogar Kernkraft wieder ins Spiel –, in einer Zeit, in der einige Länder (Polen, Indien) gerade neue Atomkraftwerke bauen. 

Windkraft

Indessen sah Bochmann Windkraftwerke kritisch, unter anderem wegen Tierschutz und Umwelt. Äcker gehen verloren, sogar Wälder werden abgeholzt. „200 Betonfahrzeuge braucht es allein für das Fundament eines Windrades.“ Diese Last habe sogar Auswirkungen auf den Grundwasser-Fluss. Und wenn die Kanzel mit 200 Litern Hydrauliköl hoch oben brennt, könne die Feuerwehr nur zuschauen, so der AfD-Vertreter. Vorausgegangen war eine Bemerkung von Denis Korn, dass es ohne Windkrafträder in Deutschland nicht geht und dass sich gerade der Standort Arzberg in Nordsachsen dafür anbieten würde. Rubach reagierte mit einem Seitenhieb: Die AfD sei die einzige Partei, die den Klimawandel leugne. „Erneuerbare Energien sind wichtig und wir müssen die Bürger mitnehmen beispielsweise durch Gewinnbeteiligung und durch Förderung regionaler Kreisläufe.“ 

Perspektive fehlt 

Sylke Hesse von der Agrargenossenschaft Laas kam noch einmal auf Biogasanlagen zurück. „In zwei Jahren läuft die Förderung aus. Uns fehlt einfach die Perspektive!“ 

Die nächste Frage bezog sich auf E-Autos und Entsorgung der alten Akkus und Batterien. Der Bündnis 90/Grünen-Kandidat bekräftigte hier, dass noch viel Geld in Forschung und Entwicklung gesteckt werden müsse, während Bochmann bemängelte, dass diese Technologie noch nicht bis zu Ende gedacht sei (Entsorgung/Löscheinsätze). 

Carsten Holzweißig aus Krostitz wandte sich speziell an den LINKEN-Vertreter Rubach, was dieser tun würde, damit ein Landwirt tatsächlich von seinem Beruf leben kann. Die Antwort „flächendeckende Tarifverträge in der Land- und Forstwirtschaft“ stieß auf wenig Freude im Saal, denn das habe zur Folge, dass Erzeugnisse noch teurer werden. „Nur die Löhne anheben, ist nicht genug, weil das die Preisspirale antreibt“, ging Martin Richter darauf ein. Der FDP-Mann erntete allerdings Unmut, als er sagte, die Löhne seien im Osten nicht das Problem. Richter: „Wir müssen die Macht der Großkonzerne aufbrechen, die die Preise diktieren.“ Das klappe aber nur EU-weit. 

Großhändler 

Elke Neubert bemängelte, dass die Landwirte ihr Engagement für Umwelt und Standards viel zu gering vom Staat vergütet bekommen. Und nie sei die Großindustrie schuld. 

Matthias Böbel, Erzeugergemeinschaft Wildenhain, sprach das letzte heiße Thema an. „Regionalität ist gut und schön. Die Bauern sollen hier vermarkten. Aber wenn sie verkaufen, ist da nur der Großhändler, die große Mühle irgendwo. Früher gab es in jeder Region einen Schlachthof, eine Mühle, eine Zuckerfabrik.“ Als Denis Korn das Wort „jammern“ herausrutschte und vorschlug, die Bauern sollen sich selbst zusammenschließen, um vielleicht eine Mühle oder einen Schlachthof zu errichten, wurde es laut. „Die Auflagen sind so hoch, da bekommen Sie eher noch ein Atomkraftwerk gebaut“, schimpfte Greiner-Bär. „Was sollen die Landwirte denn noch alles machen?“, schüttelte Frank Neubauer aus Staritz den Kopf. „37 Behörden kontrollieren unsere Schweinehaltung. Und die wollen dafür inzwischen auch noch Geld“, ereiferte sich der Liebschützberger. 

Wenig reizvoll 

Mit der Erkenntnis, dass Handwerks-Berufe wie Bäcker, Müller oder Fleischer immer mehr Anreiz verlieren, weil es wenig Lohn gibt und die Arbeitszeiten unattraktiv sind, ging es in den Schlusssport. Martin Richter bemerkte, dass Bildung entscheidend sei und man die Saat schon in die Köpfe der Kinder pflanzen muss. Bochmann erwähnte, dass der Staat bei Fachkräften lenken müsse und Dr. Schenderlein sprach sich für mehr praxisbezogenen Unterricht aus. Man spüre aber jetzt, dass in den 90er-Jahren unheimlich viele junge Menschen abgewandert sind. Ohne qualifizierte Zuwanderung werde man das Problem wohl nicht mehr lösen können, erklärte die CDU-Bewerberin. 

Fazit: Nach rund zwei Stunden war der Wahltalk beendet und etwa 40 Zuhörer verließen, meist noch emsig diskutierend, den Audenhainer Saal. Welcher Kandidat bei den Landwirten besonders punkten konnte, wurde kaum ersichtlich. Einen klaren Sieger gab es an jenem Nachmittag im Podium wohl nicht. Was blieb, war jede Menge Frust und Unmut.

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