Donnerstag, 2. Dezember 2021
Mittwoch, 27. Oktober 2021

Einblicke in die Schicksale junger Menschen

Zeitzeugengespräch mit Norbert Sachse in Torgau.Foto: DIZ Torgau

von unserem Redakteur Christian Wendt

Torgau. Dem Datum 13. August 1961 näherten sich vor wenigen Tagen 34 Elftklässler des Torgauer Johann-Walter-Gymnasiums. 

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Das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Torgau nahm gemeinsam mit dem Landesamt für Schule und Bildung den 60. Jahrestag des Mauerbaus zum Anlass, um Schülern eines Leistungs- sowie eines Grundkurses selbige Geschichte in einem mehrtägigen Projekt zu vermitteln. Unter dem Titel „Gehen oder Bleiben? Jugendliche in der DDR zwischen Flucht und Repression“ blickte man dabei unter anderem auch auf das 1975 geschlossene DDR-Jugendgefängnis in Torgau zurück.

Das Projekt bot den Schülern im ersten Teil Einblicke in die Schicksale junger Menschen in der DDR und die Folgen der Teilung Deutschlands für deren Leben. Sie erfuhren einerseits, dass viele Jugendliche die DDR bis zum Mauerbau 1961 in Richtung Westen verließen, weil sie unter einer SED-Diktatur keine Zukunft in Freiheit für sich sahen. Die Schüler lernten andererseits Schicksale solcher Jugendlichen kennen, die in der DDR verblieben und aus politischen Gründen inhaftiert wurden. Diese Jugendlichen hatten gegen die Unfreiheit in der DDR protestiert und politischen Widerstand geleistet. Einer davon war der in Karl-Marx-Stadt geborene Norbert Sachse, der heute in Heidelberg lebt und auf dem Berliner Alexanderplatz eine Selbstverbrennung inszenierte. Mit ihm, der unter anderem im Jugendgefängnis Torgau einsaß und später durch die Bundesrepublik freigekauft wurde, kamen die Elftklässler im DIZ ins Gespräch.

In Torgau bestand von 1948/1949 bis Mitte der 1970er-Jahre ein Jugendgefängnis der DDR für männliche Jugendliche. Beschönigend trug es den Namen „Jugendhaus“. Bis 1963 war es im Fischerdörfchen untergebracht, nach Gewaltexzessen der Aufseher gegen die Insassen später im Fort Zinna – der heutigen JVA. Die Jugendlichen dort waren auch aus politischen Gründen in Haft. Sie hatten gegen die SED-Diktatur protestiert und Widerstand geleistet, indem sie heimlich Flugblätter verteilt hatten (wie der 17-jährige Norbert Sachse, der damit gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die ehemalige CSSR protestierte), sich gegen den Mauerbau gewandt oder den Versuch unternommen hatten, aus der DDR zu flüchten.

„Die Haft im Torgauer Jugendgefängnis war geprägt von struktureller Gewalt gegen die jugendlichen Strafgefangenen. Sie sollten mit Drill und Zwang zu sozialistischen Persönlichkeiten umerzogen werden. Ihr Widerstand sollte – auch unter Anwendung körperlicher Gewalt – gebrochen werden. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Jugendgefängnisses Torgau zeigt, welche Repressionen politisch missliebige Jugendliche in der SED-Diktatur erfuhren“, erklärt Elisabeth Kohlhaas vom DIZ, die die Gymnasiasten begleitete.

Veranschaulicht wurde den Schülern durch die Projekttage das Handeln, die Handlungsmotive und die unterschiedlichen Lebenswege jener Jugendlichen, die aus dem DDR-System ausbrechen wollten. Gleichzeitig schlägt das Programm Brücken in die Gegenwart, indem sich die Schüler mit ihren eigenen Meinungen zu Freiheit, politischer Mitbestimmung und Demokratie auseinandersetzten.

Zu jenem ersten Teil gehörte neben dem Besuch des historischen Lernorts DIZ Torgau auch die Auseinandersetzung mit biografischen Quellen und Dokumenten im Stasi-Unterlagen-Archiv in Leipzig, wo immer noch 1200 mit noch nicht zusammengefügten Papierschnipseln gefüllte Säcke stehen sowie ein Besuch des Archivs Bürgerbewegung Leipzig. Im zweiten Teil, der im kommenden Schulhalbjahr auf dem Stundenplan steht, werden die Gedenkstätte Lager Sandbostel und ein Besuch der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn eine zentrale Rolle spielen.

In dem kleinen Dorf Sandbostel bei Bremervörde entstand 1952 auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag XB aus dem Zweiten Weltkrieg das Notaufnahmelager Sandbostel für unbegleitete männliche Jugendliche, die aus der DDR geflohen waren. Im 30 Kilometer entfernt liegenden Westertimke bei Rotenburg wurde in weiteren ehemaligen Kriegsgefangenenbaracken ein Notaufnahmelager für Mädchen und junge Frauen aus der DDR eingerichtet. Beide Einrichtungen bestanden bis 1960/1961. Etwa 250 000 männliche Jugendliche durchliefen das Notaufnahmelager Sandbostel. Weitere etwa zehntausend Mädchen und junge Frauen kamen über Westertimke in die Bundesrepublik.

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