Donnerstag, 20. Januar 2022
Donnerstag, 30. Dezember 2021

Neuer Gefängnispfarrer: "Es war ein leichter Start"

von unserer Redakteurin Nadine Huber

Torgau. Jan Teichert über seine Aufgaben in der Justizvollzugsanstalt Torgau, schwierige Rahmenbedingungen und seine Vorhaben im neuen Jahr.

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Jan Teichert ist gut in seiner neuen Arbeitsstelle als Gefängnispfarrer der Justizvollzugsanstalt Torgau angekommen. Auch wenn ihm die Umstellung zugegebenermaßen nicht in jedem Punkt immer leicht fiel, fühlt er sich nach fast vier Monaten im Job wohl mit seiner Tätigkeit und von Personal und Inhaftierten freundlich aufgenommen. „Es war ein erstaunlich leichter Start“, bemerkt er erfreut.

Auch wenn die Rahmenbedingungen seit Arbeitsantritt am 1. September durch die Corona-Pandemie alles andere als leicht waren. „Durch Corona mussten wir besonders viel improvisieren. Aufgrund der Einschränkungen sind zum einen nur geringere Gruppengrößen erlaubt, zum anderen fehlen aktuell aufgrund des JVA-Umbaus noch die passenden Räume für den Gottesdienst.“

Zur Zeit kaum Gruppenarbeit

Was ihn sichtlich beschäftigt, ist, dass Gruppenarbeit mit den Inhaftierten im Moment  – abgesehen von den Gottesdiensten – kaum möglich ist. „Gruppenarbeit mit mir hat seit September de facto nicht stattgefunden“, erklärt er bedauernd. „Der größte mir zur Verfügung stehende Raum in der JVA ist derzeit für insgesamt sechs Personen zugelassen – vorher waren noch acht bis zehn Personen im gleichen Raum möglich.“ Auch der Weihnachtsgottesdienst habe unter besonderen Bedingungen stattfinden müssen – im Freien auf dem JVA-Gelände, in einer halboffenen Hütte. 

Der Hauptteil seiner Tätigkeit bestehe jedoch nicht aus Gruppenarbeit, sondern aus Einzelarbeit mit Inhaftierten. „Doch das ist auch genau das, was mich an dieser Stelle gereizt hat. Wieder mehr auf den einzelnen Menschen eingehen zu können“, betont der dreifache Vater. „Deshalb fühle ich mich in diesem Job genau richtig.“

Natürlich nehmen nicht alle Inhaftierten seine Dienste in Anspruch, denn im Gegensatz zu seiner vorherigen Tätigkeit bewegt sich der Pfarrer hier in einem Umfeld, in welchem viele Personen wenig oder gar nichts mit Kirche und Glauben zu tun und oftmals auch kein Interesse daran haben. Diese Menschen zu erreichen, sei nicht leicht. Das Angebot gelte zwar für alle gleichermaßen, doch er erzwinge nichts. Positiv sei auf jeden Fall, dass es eine feste Anzahl an Personen gebe, die bewusst den Kontakt zur Kirche suchen.

Warum vor allem die Einzelgespräche so gern in Anspruch genommen werden, erklärt er sich so: „Die Gespräche mit mir bieten den Inhaftierten einen geschützten Raum, in dem sie frei über alles reden können, was sie bewegt. Denn aufgrund meiner Schweigepflicht und der Anstellung bei der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands bin ich der Anstaltsleitung gegenüber nicht zur Auskunft verpflichtet. Über diese Freiheit bin ich sehr froh.“ Denn hierdurch könnten sich die Gefangenen sicher sein, dass das, was sie ihm erzählen, auch tatsächlich bei ihm bleibt.

Wenn es aufgrund von Entscheidungen der Anstaltsleitung, die zum Beispiel mit den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie zusammenhängen, einmal gegenseitige Verständnisprobleme zwischen Inhaftierten und der Anstaltsleitung gebe, sehe er sich in der Vermittlerrolle. „Das entspricht genau meinem Naturell“, betont er. 

Begleitung beim Ausgang

Auch die Begleitung Inhaftierter im offenen Vollzug bei Ausgängen macht einen Großteil seiner Aufgaben aus.  Nicht jeder der Inhaftierten habe dabei Interesse an Kirche und Glauben, manche wollen nach Teichert in erster Linie die Gelegenheit nutzen, einfach nur rauszukommen, andere brauchen ihn als Begleitperson beim Umgang mit ihrem Kind oder für die Wahrnehmung wichtiger Termine. Im Moment sei der Ausgang nicht allein möglich, da immer jemand die Gefangenen begleiten müsse, um die Einhaltung der Corona-Regeln zu überwachen. 

Die Tat ist kaum Gesprächsthema

„Was mich wundert, ist , dass die Tat, aufgrund derer die Gefangenen inhaftiert wurden, in unseren Gesprächen kaum Thema ist. Meistens geht es eher um praktische Themen, zum Beispiel, wie es der Familie zu Hause geht, wie man ihnen eine Nachricht schicken kann oder ähnliches“, bemerkt er. „Hier ist eben vieles, was für uns selbstverständlich ist, gar nicht so einfach und manches läuft einfach anders. Bestes Beispiel: die Gottesdienste dauern mit Vor- und Nachbereitung bis zu vier Stunden, da er immer ein Auge auf seine Helfer haben und sie begleiten müsse. Das kenne er aus seinen früheren Gottesdiensten nicht, da deren Vor- und Nachbereitung wesentlich schneller vonstatten gegangen sei. 

Zukünftig seien zwei Gottesdienste im Monat geplant. Außerdem möchte er die Gruppenarbeit ausbauen – für beide Vorhaben müssen jedoch die Corona- und räumlichen Bedingungen stimmen. Perspektivisch solle der Mehrzweckraum im aktuell im Bau befindlichen Ostflügel Ende nächsten Jahres in den Betrieb übergeben werden. Ansonsten möchte Pfarrer Jan Teichert künftig noch präsenter bei neu aufgenommenen Inhaftierten sein und eine Weiterbildung in Richtung Gefängnisseelsorge absolvieren. 

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