Dienstag, 25. Januar 2022
Freitag, 7. Januar 2022

"Ich gehe nicht davon aus, dass es Überraschungen gibt" 

Holger Reinboth vor der Karte mit dem Gemeindegebiet. Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Arzbergs Bürgermeister Holger Reinboth spricht im Jahresinterview über die Neuwahl, Sanierungsstau, ehrgeizige Ziele und über eine 60-Stunden-Arbeitswoche. 

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Noch zwei Wochen – dann wird in Arzberg neu gewählt. Wieder ist der Bürgermeisterposten nur ehrenamtlich zu besetzen. Weil Holger Reinboth einziger Kandidat ist, hält sich die Spannung in Grenzen. TZ sprach mit dem Amtsinhaber: 

Herr Reinboth, Hand aufs Herz, wie lange mussten Sie wirklich überlegen, ob Sie wieder antreten? 

Noch im Sommer hatten wir uns im Gemeinderat verständigt, dass zur nächsten Wahl in Arzberg ein hauptamtlicher Bürgermeister bestätigt wird. Ausschlaggebend war die Kommunalrechts-Novelle des Freistaates, die auch kleinen Gemeinden diesen Spielraum einräumen soll. Allerdings wurde die Novelle bis heute nicht verabschiedet. Also bleibt es beim Status quo. 125 von 419 Bürgermeistern in Sachsen üben ihr Amt übrigens ehrenamtlich aus. 

Wann war für Sie klar, dass es mit dem hauptamtlichen Job nichts wird und wie sehr hemmte das Ihre Entscheidung? 

Ich war im Kontakt mit dem Sächsischen Städte- und Gemeindetag sowie unserer Landkreisverwaltung und spätestens im Herbst, als es an die Vorbereitung der Wahl ging, war mir klar, dass die Stelle ehrenamtlich bleibt. Sicher ist das auch ein Grund, dass niemand weiter kandidieren wollte, weil das viele abschreckt. Man hat in Arzberg Verantwortung für 25 Mitarbeiter in den Kindereinrichtungen, im Bauhof, in der Verwaltung, für technische Kräfte. Es ist schwierig, die Bürgermeisterstelle nur nebenberuflich auszufüllen. Aber ich habe in den letzten Wochen viel Zuspruch aus der Bevölkerung und aus dem Gemeinderat erfahren. Das gab den Ausschlag. 

Hauptberuflich machen Sie was …?

Ich bin Regionalmanager im Leader-Fördergebiet Sächsisches Zweistromland-Ostelbien, organisiere und verwalte die Fördermittel, die in die Region fließen und entwickle Projekte für den ländlichen Raum. 

Wie bekommen Sie das unter einen Hut?

Es gehen etwa 40 Stunden pro Woche für den Bürgermeisterposten und 15 Stunden für die Regionalmanager-Tätigkeit drauf. Die Hauptverwaltung  ist in Kemmlitz, meine Außenstelle in Beilrode. Ich bin meist ab 6.45 Uhr in Beilrode und ab Mittag Bürgermeister in Arzberg, wobei auch Außer-Haus-Termine anfallen. Hinzu kommen Bürgermeister-Sprechstunden am Samstag und Veranstaltungen am Wochenende sowie Abendtermine. Und dann bin ich auch noch Vorsitzender des Ostelbienvereins, der in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum feiert. Das alles funktioniert nur mit starkem Rückhalt meiner Familie, wobei meine drei Töchter inzwischen erwachsen und aus dem Haus sind. 

Wie hat Ihr Arbeitgeber reagiert? 

Die Konstellation ist von Anfang an so abgesprochen. Wenn es um Leader-Fördermittel geht, profitiert auch die Gemeinde Arzberg und es ergeben sich Synergieeffekte. Manche Termine kann ich sowohl als Regionalmanager als auch als Bürgermeister bestreiten. 

Das klingt gut!

Ja, ich bin noch nicht amtsmüde, habe viele Pläne. Ich muss mich in diesem Zusammenhang bei meinen Mitarbeitern bedanken. Die Zusammenarbeit mit der Verwaltungsgemeinschaft in Beilrode und mit dem Arzberger Gemeinderat klappt sehr gut. Wir sind nicht immer einer Meinung, gehen aber respektvoll miteinander um und es steht immer das Wohl der Kommune im Vordergrund. Als ich die Entscheidung vor einigen Wochen öffentlich machte, wieder anzutreten, gab es Beifall im Rat. Das hat mich gefreut. Auch im Landkreis hat Arzberg mittlerweile eine anerkannte Position. 

Eine Eingemeindung nach Beilrode stand nie zur Diskussion, beispielsweise, wenn sich kein Kandidat gefunden hätte? 

Nein. Sachsen schreibt seit einiger Zeit keine Eingemeindungen mehr vor, wenn sie nicht freiwillig geschehen sollen. Die Räte haben sich für die Eigenständigkeit ausgesprochen, weil 18 Arzberger Ortsteile nicht mal eben zusätzlich zu verwalten sind. 

Gibt es einen Punkt am Wahltag, bei dem Sie sagen würden, unter diesen Umständen mache ich es doch nicht? Beispielsweise wenn die Wahlbeteiligung wieder miserabel ist? 

Es wäre mir schon lieb, wenn ich ein starkes Votum bekomme. Natürlich können auch noch andere Namensvorschläge auf dem Wahlzettel gemacht werden. Aber ich gehe momentan nicht davon aus, dass es Überraschungen gibt. 

Sie haben auf einen Wahlkampf verzichtet!

Das bedeutet aber nicht, dass ich ohne Ziele antrete. Ich habe einen 37-Punkte-Plan erstellt für die ersten 100 Tage im Amt sowie für mittelfristige und für langfristige Vorhaben. Übrigens habe ich von den Punkten, die ich mir vor sieben Jahren gesteckt hatte, fast alle umgesetzt. Mir war damals wichtig, nur das zu versprechen, was ich auch umsetzen kann. 

Worauf sind Sie da besonders stolz?

Wir haben seit 2017 einen Doppelhaushalt mit einem 2,5-Millionen- Euro-Volumen im Jahr. Das ist nicht viel. Wir wollten trotzdem nicht nur Pflichtaufgaben, sondern mit Hilfe von Fördermitteln auch möglichst viele Investitionen umsetzen. Es ist uns gut gelungen, einen Sanierungsstau bei Schule, Kita, an Straßen und kommunalen Gebäuden sowie im Bereich Feuerwehr abzubauen. Seit 2015 konnten wir eine Million Euro Zuschüsse aus dem Leader-Programm ziehen und noch weitere Fördermittel aus den Programmen von Bund, Freistaat und Landkreis. 

Das kleine Arzberg war öfter mal löblich in den Schlagzeilen. Richtig? 

Ja, wir haben 2016 den Sächsischen Inklusionspreis Demografie gewonnen, 2017 war Arzberg Gewinner des Dorfwettbewerbes auf Landkreisebene, 2017 bis 2019 nahmen wir am Projekt familienfreundliche Kommune teil, unsere Grundschule ist eine von 16 im Freistaat, die das Modell Inklusion umsetzt und unser Bürgerbus feiert im Februar fünfjähriges Jubiläum. Wir sind dankbar, dass wir das Projekt haben. Und natürlich sind wir auch auf das Mehrgenerationenhaus stolz. Das alles steht und fällt mit ehrenamtlichem Engagement und da haben wir großes Potenzial in der Gemeinde. 

Daran können Sie bei einer Wiederwahl anknüpfen! Was sind für Sie die wichtigsten Ziele  für die nächste Amtsperiode? 

Kurzfristig wollen wir als Gemeinde Corona in den Griff bekommen–  unter anderem durch unsere Angebote Impfen und Testen. Voranbringen möchten wir den Straßenbau in allen 18 Ortsteilen, wobei wir von Fördermitteln abhängig sind. Der Ausbau der S 25 in drei Abschnitten bis 2025 und der Hochwasserschutz sind wichtige Dinge. Beides liegt in Zuständigkeit des Freistaates. Leader-Projekte wie die Sanierung des Arzberger Dorfladens und der Kegelbahn in Triestewitz sind zum Abschluss zu bringen. Unsere Hausärzte Frau Dr. Vida und Dipl.-Med. Funk aus Belgern, der in Arzberg eine Zweitpraxis hat, sind beide über 60 Jahre alt. Wir müssen jetzt schon nach Nachfolge-Lösungen Ausschau halten. 

Anderes Thema: Hat die Corona-Krise Einfluss auf die Gewerbesteuer-Einnahmen der Gemeinde?

Wir haben leider kein großes mittelständisches Unternehmen in der Gemeinde. Wichtige Arbeitgeber sind die landwirtschaftlichen Betriebe, wobei das Lehr- und Versuchsgut Köllitsch Staatsbetrieb ist und keine Steuern zahlt. Darüber hinaus sind in der Kommune viele Klein- und Kleinstunternehmen ansässig. Die Handwerksbetriebe hatten auch in der Corona-Zeit ordentlich zu tun. 

Wie sieht es mit der Bevölkerungsentwicklung aus?

Ich freue mich, dass der akute Rückgang gestoppt ist. Wir verlieren nicht mehr 50 Einwohner pro Jahr, sondern höchstens zehn bis 12. Trotzdem ist die Sterberate höher als die Geburtenrate. Im Schnitt der letzten fünf Jahre erblickten jeweils elf Babys das Licht der Welt. Wir sind bestrebt, durch ein attraktives Umfeld mit moderner Kita und Schule, ärztlicher Versorgung und Einkaufsmöglichkeiten, junge Familien in der Region zu halten beziehungsweise diese anzulocken. Ganz wichtig sind auch Freizeitmöglichkeiten und ein stabiles Vereinsleben. Einmal im Jahr treffe ich mich mit allen 16 Vereinen. Die Generationen sollten ein enges Miteinander pflegen. Durch das O-M-A-Haus in Arzberg, das Vereinshaus in Blumberg und durch die sanierte Kegelbahn in Triestewitz wollen wir Voraussetzungen dazu schaffen. Wir helfen dabei, leerstehende Immobilien an junge Familien zu vermitteln und planen eine Sanierung unserer Triestewitzer Wohnblöcke, um auch diese für jegliche Mieter attraktiv zu halten.

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