Mittwoch, 26. Januar 2022
Mittwoch, 12. Januar 2022

Ende eines Wahrzeichens

Übrig blieb ein Trümmerberg. Foto: privat

von unserem Redakteur Nico Wendt

Arzberg. "Schmidts Mühle" eingestürzt. Die hölzernen „Zwillinge“ gehörten mehr als 200 Jahre zum Ortsbild von Arzberg. 

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Wie ein Lauffeuer machte es am Dienstag in Arzberg die Runde: Schmidt´s Mühle ist eingestürzt. Wenig später tauchten auch schon die ersten Fotos in sozialen Netzwerken auf, die überwiegend mit „Schade“ und „Traurig“ kommentiert wurden. 

Der Grundstücksbesitzer selbst meldete sich bei Bürgermeister Holger Reinboth, um den Verlust mitzuteilen. Offenbar in den Nachtstunden zum Dienstag war die morsche Holzkonstruktion krachend zur Seite gekippt. Ein Berg an Trümmern blieb übrig. Sehr überraschend kam das Ereignis nicht. Schon in den Tagen zuvor hatte der Besitzer verdächtige Geräusche vernommen. Spaziergänger bemerkten, dass sich die Ruine leicht zur Seite geneigt hatte. 

„Wir haben damit gerechnet“, sagt eine Anwohnerin (62), die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Bei ihrer Walking-Runde habe sie das Wahrzeichen täglich vor Augen gehabt. Das „Arzberger Wahrzeichen“ bestand eigentlich aus zwei verfallenen Bockwindmühlen – auf einer Anhöhe am Ortsrand gelegen. Wer in Richtung Kaucklitz fährt, hatte die „Zwillinge“ gut im Blick. Jetzt existiert nur noch eine. Aber wie lange noch, vermag in Arzberg niemand einzuschätzen. 

„Die Mühlen gehörten immer zum Ortsbild dazu. Damit verbinden sich ganz viele Kindheitserinnerungen“, so die 62- Jährige. Bereits zu Schulzeiten seien die Klassen dorthin gewandert, um die Flügelriesen zu zeichnen. „Dann saßen wir im Gras und ließen der Phantasie freien Lauf. Ganz in der Nähe stand ein Baum mit einem kahlen Stamm und einer breiten flachen Krone, wie man sie aus Afrika kennt“, beschreibt die Anwohnerin. Mit unterschiedlicher Sonneneinstrahlung, mit dunklen Wolken oder mit viel Schnee im Winter ergaben sich reizvolle Ansichten. Natürlich stets mit den Mühlen im Mittelpunkt. 

Wie oft das historische Duett gezeichnet, fotografiert und malerisch festgehalten wurde, lässt sich nur erahnen. Viele Arzberger liebten das hölzerne Ensemble. Gerhard Helbig, lange Chef des Heimatvereins, erinnert sich daran, wie man sich nach der Wende redlich bemühte, die ramponierten Zeitzeugen zu retten. „Das war noch unter Erhard Stibitz. Aber die Summe, die man hätte aufbringen müssen, war unermesslich. 500 000 DM für beide“, schüttelt der 82- Jährige den Kopf. So beschränkten sich die Arzberger darauf, das Modell einer Bockwindmühle aufzubauen, das am Parkplatz vor dem O-M-A-Haus seinen Platz fand. Gerhard Helbig und Marcus Scholz setzten das Projekt um. 

Für die originalen Bauwerke änderte sich nichts. Wie auch? Den Grundstücksbesitzern wären Reparaturarbeiten schwer zuzumuten gewesen. Laut Chronik wurden die Beckersche- und die Wendrichs Mühle – wie sie einst hießen – vermutlich schon um 1800 errichtet. Für die Bauern waren sie wichtige Anlaufpunkte: Hier wurde Roggen und Weizen zu Mehl verarbeitet. Oder aus zerkleinerter Gerste und Mais Futter für das Vieh hergestellt. Im Sommer rollten die Pferdegespanne aus der ganzen Region heran. Fehlte der Wind, half der Müller nach. Mit einer Winde, die per Hand betätigt wurde. Dann musste die ganze Familie mit ran.

In den 60 iger Jahren sei zumindest eine der beiden Mühlen noch von der LPG genutzt worden, zuletzt zum Futter schroten für das Vieh. Später lagerte die Genossenschaft das Stroh unterm Holzverdeck. Nach und nach setzte der Verfall immer stärker ein. Die Grundstücksbesitzer wechselten, mancher vernagelte jedes Brett, um den Verfall zu stoppen. Es half nichts. Nachdem in den letzten zehn Jahren bereits die hölzernen Windmühlen in Rosenfeld und Döbrichau verschwunden sind, bleibt jetzt nur noch die zweite in Arzberg übrig. Unter Denkmalschutz standen die Mühlen übrigens nicht.

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