Freitag, 27. Januar 2023
Dienstag, 15. März 2022

Fachkräftemangel in der Torgauer Region verschärft sich immer mehr

Viele Firmen suchen händeringend Personal – doch körperliche Anstrengung steht bei vielen Deutschen nicht mehr hoch im Kurs.Foto: Silke Kasten

Von unserem Redakteur Silke Kasten

Torgau. In vielen Betrieben fehlt qualifiziertes Personal – das Handwerk ist in Gefahr. Die Handwerkskammer will jetzt das Image für die Berufe verbessern.

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?Wer dringend einen Elektriker, Klempner, Maurer, Maler oder Fliesenleger braucht, kennt das Problem vermutlich. In der Regel heißt es: Warten, warten, warten. „Der Fachkräftemangel verschärft sich von Jahr zu Jahr“, so Bernd Bienia, Obermeister der Elektroinnung der Kreise Leipzig und Nordsachsen. „Und es ist kein Licht zu sehen. Das Handwerk ist in Gefahr.“ Auch die Handwerkskammer (HWK) zu Leipzig ist alarmiert. „60 Prozent unserer Betriebe haben freie Stellen, die sie nicht besetzen können“, so Pressesprecherin Andrea Wolter. Die Bereitschaft, in die Ausbildung eigenen Nachwuchses zu investieren, steige deshalb.

„Vom Anlagenmechaniker über den Straßenbauer und den Kfz-Mechtroniker bis hin zum Zimmerer, es fehlen überall Leute“, erläutert Wolter. „Die Auftragsbücher sind voll. Die Betriebe können das oft nicht mehr abarbeiten.“ Besonders betroffen seien auch sämtliche Baugewerke. 

Die Ursachen der Misere sind mannigfach: Da ist zum einen natürlich die alternde Gesellschaft, die ausbildungswillige Jugendliche zur umkämpften Mangel-Ressource werden ließ. Zum anderen sind es veränderte gesellschaftliche Leitbilder, die sich negativ bemerkbar machen. Fixstern am Bildungshorizont ist für viele das Abitur. Schließlich haben sich auch die Vorlieben vieler Jugendlicher gewandelt.

„Das Problem ist, dass viele junge Menschen heute nicht mehr bereit sind, körperlich hart zu arbeiten“, hat Bienia beobachtet. „Sie sitzen lieber am Computer. Und dann wollen sie auch beruflich am liebsten etwas am Bildschirm tun. Schmutzig machen will sich schon gar keiner mehr.“ Der Obermeister schätzt, dass die meisten Betriebe rund 20 bis 30 Prozent mehr Personal einstellen würden – wenn sie denn könnten.

In seiner Firma habe er seit 1997 rund 20 Lehrlinge ausgebildet, von denen aber nur noch zehn in dem Beruf arbeiten würden. Das liege auch an der industriellen Konkurrenz vor der Haustür. „Viele gehen nach der Lehre zu BMW oder Porsche, weil sie dort ein paar Euro mehr pro Stunde verdienen“, weiß der Elektrikermeister. „Da schrauben sie dann nur Teile am Band zusammen und müssen nicht groß nachdenken.“ Ein Problem, das auch Andrea Wolter auf dem Schirm hat. „Einige kommen allerdings auch schon von den großen Autobauern wieder zurück in die kleinen Betriebe“, hat sie beobachtet. „Es wird ihnen am Band einfach zu langweilig.“

Es sei wichtig, schon früh dafür zu werben, dass gerade das Handwerk Raum für kreative Entfaltung biete. Deshalb startete die Handwerkskammer eine ungewöhnliche Aktion: In den Geburtskliniken in Borna und Wurzen lässt sie Lätzchen für Neugeborene verteilen, wobei die Botschaft –  „Heute wird noch gekleckert. Wenn ich groß bin, wird geklotzt“ – natürlich in erster Linie auf die Eltern abzielt. Ironie des Schicksals: Eigentlich sollten die Lätzchen auch an Torgauer Babys verteilt werden, aber Lieferengpässe sorgten für Produktionsverzögerungen. „Wir werben dafür, dass das Handwerk als ehrenwerter Beruf anerkannt wird“, so Wolter. Darauf zielt auch eine bundesweite Imagekampagne an Kindergärten und Schulen ab. So lädt beispielsweise das Projekt „Kleine Handwerker“ Vorschulkinder dazu ein, an Werkbänken zu hämmern und schrauben. Und, immerhin, einen Erfolg kann Wolter verkünden: Die Zahl der Betriebe, die ausbilden, steigt. „Wir haben aktuell im Kammerbezirk 292 Azubis, 13 Prozent mehr als im Vorjahr.“ Für das Jahr 2022/23 seien sogar 360 freie Ausbildungsplätze gemeldet. Schon jetzt sei aber klar, dass es schwer sein werde, diese zu besetzen.

Wie viele Fachkräfte im Bereich Nordsachsen genau fehlen, kann die Bundesagentur für Arbeit in Oschatz nicht beziffern. „Es gibt aber Bedarf in allen Bereichen“, so Pressesprecher Volkmar Beier. Besonders betroffen seien folgende Branchen: Das verarbeitende Gewerbe, also die Industrie (Anteil der Beschäftigten insgesamt: 17 Prozent), Gesundheit und Pflege (16 Prozent), Bau/Handwerk (neun Prozent) und das Gastgewerbe (zwei Prozent). „Die Gastronomie ist durch die Pandemie besonders gebeutelt, weil viele Arbeitskräfte sich umorientiert haben“, so Beier. 

Lassen sich die Lücken vielleicht mit ausländischen Kräften füllen? Wolter verweist darauf, dass immerhin zehn Prozent der derzeitigen Azubis im Kammerbezirk einen Migrationshintergrund haben. Hauptproblem sei aber die Sprache. Und die Möglichkeit, Fachkräfte direkt im Ausland zu rekrutieren? Praktiker sind skeptisch. Sie verweisen darauf, dass derartige Versuche oft gescheitert seien: Ob Elektriker aus Spanien oder Pflegekräfte aus Ungarn – oft seien sie, frustriert, einsam und/oder überfordert, schnell wieder in Richtung Heimat verschwunden.

Doch werden junge Menschen, die sich für ein Handwerk erwärmen, später auch mal einen Betrieb leiten wollen? Da wären wir beim nächsten Problem. „Viele Firmeninhaber, die gleich nach der Wende ihre Firma gegründet haben, gehen bald in Rente“, weiß Bienia. „Oft finden sie keinen Nachfolger.“ Allein in der Elektrobranche sei die Zahl der Betriebe im Kammerbezirk seit Anfang der 1990er-Jahre um etwa die Hälfte auf 450 geschrumpft. Die Arbeitsethik  (Work-Life-Balance) habe sich weg von der Arbeit in Richtung Leben verschoben. Die Bereitschaft sinke, für den wirtschaftlichen Erfolg einen Großteil des Privatlebens zu opfern. „Einen Ausweg aus der Misere sehe ich für das Handwerk nicht“, resümiert Bienia.

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