Mittwoch, 25. Mai 2022
Freitag, 6. Mai 2022

Verlagsgesellschaft übernimmt Patenschaft für ukrainische Familie

Yuliia Pytel (stehend/3. v. l.), davor ihr Sohn und ihre Mutter. Sie flüchteten vor etwa sieben Wochen aus dem Kriegsgebiet. Die Torgauer Verlagsgesellschaft hat eine Patenschaft für die kleine Familie übernommen. (Fotos: ) (Thomas Manthey)

von Thomas Manthey

Torgau. Vier Tage war Julia Pytel (34) mit ihrem Sohn (7) und ihrer Mutter (61) aus Berdytschiw bei Kiew zu Fuß auf der Flucht. Dann brachte ein Bus das Trio nach Torgau.

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Torgau Es war ein ergreifender Moment für Geschäftsführer Andreas Plaul und die Mitarbeiter der Torgauer Verlagsgesellschaft, als Yuliia Pytel mit ihrem Sohn Olech und Mutter Halyna Schönfeld dieser Tage im Haus der Presse einen symbolischen Scheck über 500 Euro entgegennahm. Die TZ-Mediengruppe hatte auf ihrer Azubi-Expo Spenden für ukrainische Flüchtlinge gesammelt und den Betrag auf insgesamt 500 Euro aufgerundet. Das Geld kam nun der kleinen Familie zugute.

Yuliia Pytel, ihr Sohn und ihre Mutter stammen aus dem Großraum Kiew. Sie flüchteten vor rund sieben Wochen aus dem Kriegsgebiet und kamen mit dem ersten von der Stadtverwaltung organisierten Bus nach Torgau. Die 34-Jährige arbeitet inzwischen wieder in ihrem Beruf als Lehrerin und unterrichtet an der Grundschule an der Promenade zwölf ukrainische Schüler in ihrer Muttersprache und in Mathematik. Die Torgauer Verlagsgesellschaft hat für die kleine Familie nun eine Patenschaft übernommen.

Vier Tage lang waren sie zu Beginn ihrer Flucht zu Fuß unterwegs. Sie ließen die zerbombte und bedrohte Heimat hinter sich, wollten nur noch weg. Dabei nur ein paar Sachen, eiligst in eine Reisetasche gepackt. Dokumente, Geld und eine Handvoll Bilder. Zum Glück hatte sie ein Nachbar noch daran erinnert, dass sie Fotos mitnehmen müssten. Die drei trugen ihr Leben im Koffer. Ihr Ziel: "Wo Frieden ist. Wo wir geschützt sind", so die 34-Jährige gegenüber der TZ. Doch wohin nur? Ins Nirgendwo! Denn die drei Ukrainer wussten nicht, wohin und wie weit. Sie wussten nur, fliehen - in Richtung Westen.

Im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet angekommen, schöpften sie Hoffnung, als sie polnische Flüchtlingshelfer auffingen und oberflächlich erklärten, dass es internationale Hilfe gebe. Yuliia, ihre Mutter Halyna und Sohn Olech fühlten sich jedoch noch nicht in Sicherheit.

An der Grenze stiegen sie in einen der Busse. Verängstigt, müde und keine Ahnung, wo es hingeht. Nach einigen Stunden Fahrt durch Polen, Brandenburg und Sachsen erreichte das Trio die Elbestadt Torgau. Hier angekommen, wurden sie - wie auch alle anderen ukrainischen Flüchtlinge - sehr herzlich begrüßt und umsorgt. Die drei fühlten sich in Obhut genommen. Fühlten sie sich sicher? "Nein, nicht gleich. Wir wussten ja nicht, wo wir sind. Wo liegt Torgau?", so Yuliia Pytel.

Die ersten Stunden in Torgau waren aufregend und ein Stück weit sonderbar - für die Flüchtlinge und auch die Helfer. Alles schien unwirklich. Verständigung auf Englisch, Russisch, Polnisch. Mehr mit Händen und Füßen.

Unterkünfte wurden benötigt. Die Stadt, Privatleute, Unternehmer, Wohnungsbauunternehmen halfen unbürokratisch. Yuliia, ihr Sohn und ihre Mutter kamen privat bei Susann und Matthias Scharf unter. In der Wohnung in der Fischerstraße rückten die Scharfs zusammen, um der dreiköpfigen Familie eine erste Bleibe anzubieten. "Mein Vermieter hatte sofort eingewilligt und hat der Unterbringung von Yuliia, Halyna und Olech zugestimmt", so Susann Scharf. Damit nicht genug: Nachbarin Agnieszka Denisz, eine gebürtige und seit Jahren in Torgau lebende Polin, und ihr Partner wollten auch helfen und nahmen in ihrer Wohnung Nadiia (59) und ihren 16-jährigen Sohn Vlodoymyr, die aus der Nähe von Wynnyky geflohen sind, auf.

16 beziehungsweise 18 Tage verbrachten die Flüchtlinge bei Scharfs und Denisz', genossen deren Gastfreundschaft. Nadiia ist mit ihrem Sohn inzwischen in eine kleine Pension umgezogen. Und Yuliia nebst Sohn, der vor wenigen Tagen seinen siebten Geburtstag feierte, und Mutter bezogen eine Zwei-Raum-Wohnung in der Holzweißigstraße.

Aus den Helfern sind inzwischen Freunde geworden. Beste Freunde. "Meine Mutter, mein Sohn und ich sind den Torgauern so dankbar. Und besonders Susann und Matthias. Dankbar, dass wir hier sein dürfen. Dankbar für die ganze Hilfe", erklärt die 34-Jährige gegenüber der TZ.

Für Susann Scharf, ihren Mann und ihre Kinder ist aus der Bekanntschaft eine tiefe Freundschaft geworden: "Wir sehen uns jeden Tag. Die Kinder spielen miteinander. Wir unternehmen viel gemeinsam." Zwei wildfremde Familien hat der Krieg zusammengeführt.

In den ersten Tagen unterrichtete Lehrerin Yuliia Pytel via Internet ihre Schüler in der Heimat. Doch es war und ist für sie unerträglich, täglich das Leid ihrer Schüler zu erfahren und vermittelt zu bekommen, was in der Heimat Schreckliches passiert.

Die 34-Jährige suchte zusammen mit Susann Scharf und der Stadtverwaltung Torgau nach einer Möglichkeit, um ukrainische Flüchtlingskinder in Torgau zur unterrichten. So war Yuliia Pytel zunächst an der Grundschule am Rodelberg zu Gesprächen, bevor sie schließlich eine Lehrerstelle an der Grundschule an der Promenade erhielt. Die Stadtverwaltung gab dabei Hilfestellungen und unterstützte das Anliegen der Ukrainerin. Sohnemann Olech ist schon ein paar Tagen länger an der gleichen Grundschule. War dort zunächst aber in einer deutschen Klasse integriert.

Yuliia Pytel ist glücklich und ein Stück weit zufrieden. "Ich möchte nun gern Deutsch lernen und einen Abschluss in Deutsch machen", sagt die Frau, die ihren Mann im Januar 2015 im Donbass im Krieg verlor und der nie den gemeinsamen Sohn in den Armen halten konnte.

"Wenn der Krieg beendet ist, gehen wir wieder zurück. Wir wollen wieder in unsere Heimat", gibt die Ukrainerin der Torgauer Zeitung zu verstehen. Mutter Halyna nickt dazu und beteuert: "Wir wollen doch nur Frieden, Frieden und Frieden. Und das die Ukraine gewinnt!"

Es wird ein weiter Weg nach Hause.

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