Donnerstag, 30. Juni 2022
Dienstag, 17. Mai 2022

Torgau erreicht ein besonderer Brief

Elisabeth Kohlhaas hatte in den zurückliegenden Monaten des Öfteren Kontakt zu John Kurtz in den USA, der im April einen großen Brief mit privaten Dokumenten an die Referentin des DIZ Torgau schickte. (Thomas Manthey)

von Thomas Manthey

Torgau/Frederick. Anfang April erreichte das Dokumentations- und Informationszentrum Torgau (DIZ) ein großer, inhaltsschwerer Brief aus den USA. Aufgegeben von einem Torgauer, dessen jüdische Familie Ende der 1930er Jahre in den USA emigrierte.

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Torgau/Frederick Mit Bedacht und weißen Glacéhandschuhen öffnet Elisabeth Kohlhaas einen großen, beigefarbenen Briefumschlag und holt den Inhalt heraus. Es sind Fotos, Dokumente und Anschreiben von John Kurtz und dessen Vater. Aufgegeben Anfang April in Frederick/USA, ging der Brief am 12. April in Torgau ein. Adressiert an Kohlhaas, Referentin und Projektkoordinatorin des Dokumentations- und Informationszentrums in Torgau.

Es sind wertvolle Dokumente. Zeitgeschichte! Dokumente der Torgauer Geschichte und wichtige Aussagen über das Leben einer jüdischen Familie während der Nazizeit in der Elbestadt. John Kurtz, geboren 1930 in Torgau, ist der einzige noch Lebende der jüdischen Torgauer Familie Max und Doris Kukurutz. Dem heute 92-Jährigen war es von großer Wichtigkeit, dass diese persönlichen Dokumente der Nachwelt erhalten bleiben. "John Kurtz kündigte an, nachdem wir im Dezember beziehungsweise Januar das erste Mal Kontakt hatten, dass er gern Unterlagen seiner Familie zur Aufbewahrung nach Torgau schicken möchte", so Kohlhaas. Für die Referentin war es ein besonderer Moment, als sie den Brief in den Händen hielt und dann öffnete.

Erster Kontakt

Der erste Kontakt von Kohlhaas mit Kurtz hatte einen besonderen Hintergrund: Der betagte Senior hatte auf der Stolper-Steine-Internetseite gesehen, dass er bereits für tot erklärt war. Daraufhin wandte sich der 92-Jährige an das DIZ. "In seiner Mail an uns beschrieb er sich: ´Hallo, mich gibt es noch! Ich lebe noch!´Und er gab bekannt, dass er in den USA in Frederick lebt." Daraufhin wurde die Stolper-Steine-Homepage korrigiert und aktualisiert. Bis zum Eintreffen des Briefes gab es noch weitere Kontakte per E-Mail oder Skype.

Der ehemalige Torgauer, dessen Familie einst in der Breite Straße 4 wohnte und wo Vater Max Kukurutz eine Zahnarztpraxis betrieb, brachte bei den Korrespondenzen dann alsbald zur Sprache, dass er gern Dokumente und Bildmaterial zur Ausbewahrung nach Torgau schicken möchte. John Kurtz, der mit bürgerlichem Namen Hans-Jochen Kukurutz heißt, ist mit Mutter Doris (Jahrgang 1892/geborene Stolzenhein/evangelisch) und dem Bruder Wolfgang (1926) in die USA emigriert. Kurtz´ Schwester Eva (1922) blieb in Deutschland und verzog unfreiwillig nach Bayern.

Konzentrationslager

Vater Max Kukurutz (1891) war Jude, der jedoch zum evangelischen Glauben konvertierte, zerbrach an der Judenverfolgung, der Pogromnacht und den Geschehnissen vor Ort in Torgau sowie in Deutschland. Er kam zwischenzeitlich im Konzentrationslager Buchenwald in "Schutzhaft", dass er mit der Auflage verlassen durfte, dass er Deutschland umgehend verlässt. 1938 wanderte er in die USA aus. Allein. Seine Ehefrau und die Söhne Wolfgang und Hans-Jochen, der seit frühester Kindheit unter Schwerhörigkeit leidet und in jungen Jahren deshalb gehänselt wurde, folgten erst Monate später.

In den USA in Sicherheit zerbrach die Familie und schaffte den Neustart nicht. Max Kukurutz fand als Zahnarzt keine Anerkennung und Anstellung. Der gebürtige Torgauer war verbittert. John Kurtz´ Eltern trennten sich wenige Zeit später.

Schwerer Anfang

Doris Kukurutz und ihre Söhne schlugen sich mit verschiedenen Jobs durch den Alltag. Mutter Doris lebte mit den Söhnen, nachdem sie Torgau verlassen hatten, und vor der Ausreise in die USA, in Leipzig. Sie war eine anerkannte Musiklehrerin. Doch John Kurtz hat ein Stück weit Frieden geschlossen und weiß nun, dass Briefe und Anschreiben sowie Fotos seiner Familie für die Nachwelt in Torgau aufbewahrt werden: "Danke, dass ich mit einem Kapitel meiner Familiengeschichte jetzt abschließen kann", äußerte sich der 92-Jährige gegenüber Kohlhaas. "Der Brief hat mich sehr berührt. Das Vertrauen an uns, private Dokumente bei uns in Torgau zu deponieren, empfinde ich als eine große Ehre. Was aus diesen Dokumenten einmal wird, wo diese einmal aufbewahrt werden, steht noch nicht fest", so Elisabeth Kohlhaas. Die Bilder und Schriften werden sicher in speziellem säurefreiem Papier verpackt und fach- und sachgerecht gelagert.

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