Sonntag, 26. Juni 2022
Mittwoch, 8. Juni 2022

Keine Schmalspurbildung auf dem Agrar-Sektor

LVG-Vize-Chefin Ute Jarosch vor dem Speichergebäude. Dessen Sanierung war einer von vielen Meilensteinen. (Fotos: Christian Wendt)

von Christian Wendt

Köllitsch. Ein Tag der offenen Tür lockt am Samstag ins Köllitscher Lehr- und Versuchsgut. Etwa 40 Millionen Euro wurden hier in Modernisierung und Ausbau gesteckt.

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Köllitsch Mit einer großen Geburtstagsfeier lädt das Lehr- und Versuchsgut Köllitsch nach Ostelbien. Vor dreißig Jahren wurde hier der Grundstein für eine bemerkenswerte Entwicklung gelegt, welche den landwirtschaftlichen Betrieben Sachsens und darüber hinaus zugutekommt. Denn Köllitsch dient seit 1992 als Wissenstransfer- und Bildungszentrum. Vorgeschriebene Ausbildungsinhalte, die die Betriebe nicht in der geforderten Breite vorhalten können, werden hier dem Berufsnachwuchs in konzentrierter Form vermittelt.

5G-Campusnetz

Doch Köllitsch ist noch weit mehr als dies: Neben der überbetrieblichen Ausbildung für Land- und Tierwirte sowie der Fachkraft Agrarservice, deren Lehrgänge pro Jahr im Durchschnitt von 1500 jungen Männern und Frauen besucht werden, wird hier auch die Anwendungsforschung auf dem Agrarsektor vorangetrieben.

Jüngstes Beispiel ist das 5G-Campusnetz, mit dessen Hilfe Maschinen noch besser miteinander vernetzt und weitere Automatisierungen möglich werden.

Ute Jarosch (60) hat jeden einzelnen Entwicklungsschritt des Betriebes seit 1992 miterlebt. Sie ist seit 2007 Stellvertreterin von Ondrej Kunze, dem Leiter der Einrichtung, der mittlerweile auch schon seit 15 Jahren das Amt bekleidet. Die Köllitscherin ist gebürtige Leipzigerin. Von 1978 bis 1981 absolvierte sie in Packisch eine Lehre als Zootechniker mit Abitur, bevor es für sie zum Studium der Tierproduktion zurück nach Leipzig ging. Der damalige Leiter des Gutes, der Beilroder Dr. Gerhard Kramer, holte Jarosch im Anschluss jedoch wieder aufs Land - mit für die Agraringenieurin überzeugenden Gründen. "Eine mit Fernwärme beheizte Vier-Raum-Wohnung, den Kindergartenplatz direkt vor der Haustür und die Aussicht auf eine Promotion - da haben meine Familie und ich nicht lange überlegt", blickt sie zurück.

Doch statt die Konzentration voll und ganz auf die Promotion zu richten, fegte die politische Wende zunächst alle beruflichen Träume der jungen Köllitscherin beiseite. Vom Gut Köllitsch i. A. (im Aufbau) brauchte es nur ein Jahr, bis aus dem "i" und dem "A" im Jahre 1992 ein "i" und ein "L" (in Liquidation) wurde. Statt mit der Familie beispielsweise zu Weihnachten an einem Tisch zu sitzen, saß Jarosch als Mitglied des Personalrats plötzlich mit Wirtschaftsprüfern auf Arbeit fest, um zumindest Teile des einstigen DDR-Vorzeigebetriebs zu erhalten. "Bei zu Spitzenzeiten knapp 600 Mitarbeitern und Standorten in Zwethau (Jungrinderanlage), Bennewitz (Milchviehanlage), Kranichau (Schweine) sowie das Areal der Berufsschule in Packisch (in Packisch war auch die große Schafzucht des Guts angesiedelt) ging dies mächtig an die Substanz", sagt Jarosch. Letztlich fanden nur zehn Prozent der alten Belegschaft im neuen Lehr- und Versuchsgut eine Anstellung.

Jene Zeit des Umbruchs sei auch für die damalige Hauptbuchhalterin sehr schwer gewesen. Entscheidungen hätten getroffen werden müssen, die viele Familien ins Ungewisse stürzten. Jarosch war oft den Tränen nah, besonders an dem Tag, als bekannt wurde, wer in Köllitsch bleiben kann. Immer wieder hat sich Jarosch dabei an den unbändigen Optimismus ihres damaligen Chefs geklammert. "Dr. Kramer war trotz aller Strenge immer ein Vorwärtsstürmer. Er forderte vieles von seinen Mitarbeitern, stärkte diesen jedoch auch immer wieder den Rücken."

Leuchtturm

Der Energie Kramers sei es letztlich in hohem Maße zu verdanken, dass der Leuchtturm Lehr- und Versuchsgut nun auf sein 30-jähriges Bestehen zurückblicken kann. Etwa 40 Millionen Euro sind hier in den vergangenen Jahren in Sanierung und Ausbau gesteckt worden. Kaum ein Stein blieb auf dem anderen. Der zuvor leerstehende Speicher, wo unter anderem Kantine und Ute Jaroschs Büro untergebracht sind - ganz nebenbei bemerkt: in dem Kubus findet zumeist auch der Wettbewerb für Wurst- und Fleischprodukte der Sächsischen Fleischerinnung statt - ist 2009 feierlich eingeweiht worden.

Bereits zwei Jahre zuvor verbesserte sich mit der Inbetriebnahme des neuen Wohnheims die Unterbringungsmöglichkeit für Lehrlinge und Gäste signifikant. Bisheriger letzter großer Meilenstein war die Sanierung des Verwaltungsgebäudes, die 2010 beendet wurde. Zugleich wurden mehrere Lehrwerkstätten und Stallanlagen zum Teil saniert, zum Teil neugebaut. Selbst das Fahren großer Schlepper und Feldbaugeräte kann nun - sachsenweit einmalig - in einer Halle wetterunabhängig geübt werden.

Aktuell zählt das Lehr- und Versuchsgut 60 Mitarbeiter. 98 Prozent aller ausbildenden sächsischen Landwirtschaftsbetriebe schicken nach Angabe Ute Jaroschs Jahr für Jahr Mitarbeiter zu Lehrgängen nach Köllitsch. Angefangen bei der Vertiefung von Ausbildungsinhalten bei Azubis bis hin zu Weiterbildungsangeboten für gestandene Mitarbeiter im Bereich Tierhaltung, Tierschutz, Landtechnik und erneuerbare Energien reicht die breite Bildungspalette. "Sachsen will auf dem Agrarsektor keine Schmalspurangebote in der Ausbildung. Deswegen auch die enorme Unterstützung, auf die wir bauen können", sagt Jarosch mit Stolz. Mit seinen knapp 1000 Hektar bewirtschafteter Fläche, dem Bestand an Rindern, Schweinen, Schafen und Damwild und seit 2015 auch Bienen bietet Köllitsch auch ideale Voraussetzungen für die Forschung.

Verein hält Kontakt

Für viele ehemalige Lehrlinge und Mitarbeiter war die Zeit in Köllitsch ein wichtiger Lebens-Meilenstein. Das zeigt das Engagement des etwa 250 Mitglieder zählenden Vereins BBS Köllitsch. Dieser begreift sich als Bewahrer der Gemeinschaft aller Köllitsch-Absolventen. Der Verein um den aktuellen Vorsitzenden Peter Lada organisiert Fortbildungsangebote und sorgt stets für einen Erfahrungsaustausch. Kontakte hält der Verein zu 1500 Köllitsch-Abgängern, die mittlerweile in ganz Europa verteilt sind. Auch der BBS Köllitsch wird am Samstag zur großen Geburtstagsfeier mit von der Partie sein.

Eine kleine Übersicht der Angebote des Tags der offenen Tür kann unter www.lfulg.sachsen.de abgerufen werden. Darüber hinaus gibt es am Samstag noch viele andere spannende Dinge zu entdecken. So kann beispielsweise der Unterschied zwischen Stallmilch und ultrahocherhitzter Milch erschmeckt werden. Auch mit einer Geburtshilfekuh - ein Modell, in dem mit Hilfe eines lebensgroßen Silikon-Kalbs verschiedene Problemstellungen beim Geburtsvorgang simuliert werden können - dürfen Besucher auf Tuchfühlung gehen. Eine Ostelbien-Bilder-Ausstellung lädt ebenso ein wie alte und neue Landtechnik.

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