Freitag, 27. Januar 2023
Mittwoch, 6. Juli 2022

Utz Rachowski "Im Dienste der Wiedergutmachung"

Vielfach ausgezeichneter Lyriker und Schriftsteller: Utz Rachowski bekam in jungen Jahren die ganze Härte des DDR-Regimes zu spüren und ist seit 2003 als Berater im Auftrag der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur unterwegs. Foto: LASD

Von unserem Redakteur Heiko Betat

Utz Rachowski berät von DDR-Unrecht Betroffene am 14. Juli in Dahlen 

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Dahlen. Die Methoden waren perfide, mit denen die SED-Diktatur Oppositionelle und Unangepasste „ausschalten“ wollte. Die Folgen waren nur allzu häufig gebrochene Biografien, das Ende beruflicher Karrieren, verbaute Bildungswege, zerstörte Familien, seelische Traumata. Bis heute leiden Betroffene darunter. Welche Möglichkeiten der Rehabilitierung es gibt, dazu sind Berater wie Utz Rachowski im Einsatz, die im Auftrag der sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur auch im ländlichen Raum direkt vor Ort Unterstützung anbieten. So lädt Utz Rachowski am Donnerstag, dem 14. Juli, von 9 bis 12 und von 13.30 bis 18 Uhr zur Bürgersprechstunde in den Ratssaal des Dahlener Rathauses ein. Das SonntagsWochenBlatt nahm dies zum Anlass, um mit dem Lyriker und Schriftsteller zu sprechen.


SWB: Wer sollte das Beratungsangebot nutzen?
Utz Rachowski:
Alle, die in irgendeiner Form von DDR-Unrecht bis 1989 betroffen worden sind und für die Rehabilitierungsgesetze in den 90er-Jahren in Kraft traten – für ehemalige politische Häftlinge, bei verwaltungsrechtlichen Willkürakten des Staates, zum Beispiel Enteignungen, Entlassungen oder Relegationen von Universitäten, Exmatrikulationen,  und als Drittes für jene, die beruflich geschädigt wurden. Und diese kommen auch in die Beratung, wobei die Beweislage schwierig ist, weil die Akten in den Betrieben meist nicht mehr existieren und darüber nur wenig in den Stasiakten verzeichnet ist. Sehr viele, die die Bürgersprechstunde aufsuchen, wollen auch einen Antrag auf Stasiakteneinsicht stellen. Das ist hier auch möglich.


Welche Unterstützung können Sie konkret leisten?
Ich habe einen großen Stapel an Anträgen dabei. Ich bin der Ansprechpartner, dessen Auftrag es ist, das jeweilige Problem zu erkennen und dann die Betroffenen an die richtigen Stellen schickt. Zum Beispiel müssen sich ehemalige politische Häftlinge an die Landgerichte Dresden, Leipzig oder Chemnitz wenden, wo sie seinerzeit verurteilt wurden. Für die berufliche Rehabilitierung und auch bei verwaltungsrechtlichen Angelegenheiten muss man sich hingegen an die Landesdirektion in Chemnitz wenden. Für Außenstehende ist das schon verwirrend. 


32 Jahre nach dem Ende der DDR könnte man meinen, sei das Unrecht aufgearbeitet ...
Die Nachfrage ist leider immer noch konstant. Es gibt offensichtlich nach wie vor viel zu DDR-Zeiten entstandenes Unrecht, was immer noch nicht aufgearbeitet ist. Es bezieht sich oftmals auf solche Geschichten, die schon mal beantragt und in den 90ern abgelehnt worden sind. Manchmal werden neue Beweise gefunden, vor allem im beruflichen Rehabilitierungsbereich. Einen kleinen Knick gab es allerdings durch Corona.


Gab es nach dem Inkrafttreten der Rehabilierungsgesetze in den 90er-Jahren rechtliche Ergänzungen, Anpassungen?
Ja, am 1. Januar 2020 traten zahlreiche Neuerungen in Kraft. Zum Beispiel, dass man nur noch 90 Tage aus politischen Gründen im Gefängnis gewesen und rehabilitiert sein muss, um eine Opferpension zu erhalten. Davor war es das Doppelte: 180 Tage, ein halbes Jahr. Heimkinder haben seitdem mehr Möglichkeiten. Wer im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau war, hat nun sogar Anspruch auf eine Opferrente wie die Häftlinge. Außerdem können sie eine Unterstützungsleistung bei der Stiftung für ehemalige politische Häftlinge in Bonn beantragen. Das wird von Fall zu Fall entschieden. Die verfolgten Schüler, die nie Abitur machen konnten, haben seit zweieinhalb Jahren ebenfalls ein Anrecht auf Ausgleichsleistungen nach dem Beruflichen Rehabilitierungsgesetz. Berechtigt sind Schüler, die aus politischen oder religiösen Gründen nicht studieren durften oder in einer Abiturklasse waren und vorzeitig die Schule verlassen mussten. Und es können seit 2020 auch Anträge  auf eine einmalige Unterstützung gestellt werden – wenn nachgewiesen werden kann, dass der- oder diejenige von Zersetzungsmaßnahmen in der DDR betroffen war. Wenn beispielsweise im Zuge eines operativen Vorgangs der Stasi der berufliche Aufstieg verhindert wurde, Verleumdungen in die Welt gesetzt – „der Vater säuft“ – und Misserfolge künstlich geschaffen wurden. Angesichts mancher Schicksale ist die Höhe der Entschädigung – 1000 Euro – allerdings lächerlich. Und eine ganz wichtige Änderung 2020 war die Entfristung. Die Gültigkeit der Gesetze war immer wieder verlängert worden. Drei Jahre. Sieben Jahre. Nach langen Kämpfen sind sie nun endgültig entfristet.


Sie haben die Härte der SED-Diktatur, die sie gegenüber Andersdenkenden an den Tag legte, mit ganzer Wucht selbst zu spüren bekommen. Wie sind Sie nach der Wiedervereinigung damit umgegangen?
Ich studierte meine Stasiakte. Übrigens 3000 Seiten, weil ich schon seit meinem 16. Lebensjahr ein unbotmäßiger Schüler war. Die Stasi hat 19 Jahre verzeichnet, was ich so getrieben habe. Vor der Inhaftierung flog ich ja schon aus der Schule raus.  Das war in Reichenbach. Dorthin bin ich übrigens nach der Wende zurückgekehrt.


Sie wurden vom Studium relegiert, inhaftiert und aus dem Land geworfen – bestand je die Gefahr, dass das Erlittene Ihr Leben nach 1989 dominiert?
Nein, eigentlich gar nicht. Es kommen aber Leute zu mir, bei denen es so anders ist, die sich ein Leben lang damit beschäftigen oder sich nach dem Verlust ihres Ehepartners auf diese Problematik stürzen. Es kommt dann erst zurück. Auch heute, nach diesen Jahren. Es wird dann zu ihrem Lebensinhalt. Es ist schlimm, diese Traumatisierung, die in zeitlich weit auseinanderliegenden Schüben kommt. Bei mir war das anders. Ich habe dann zehn Jahre im Westen gelebt, als Schriftsteller das Erlebte aufgeschrieben und auch veröffentlicht und war dann 1989 sozusagen „clean“. Als ich 1992 zurück ins Vogtland zog, hatte ich die Aufarbeitung in gewisser Weise schon hinter mir. 2003 bin ich dann mit Engagement in den neuen Job gegangen, war ich dann sozusagen im Außendienst der Behörde in Sachsen tätig.


Wie kam es dazu?
Der damalige Chef der Behörde, Michael Beleites, ein verdienstvoller Bürgerrechtler, hatte mehrere gefragt. Auch mich. Und ich sagte, gut, ich versuch’s mal, und mach das mal drei bis fünf Jahre. Nun sind es 20 geworden.


Wenn Sie auf diese zwei Jahrzehnte zurückblicken – was hat sich geändert?
Ich begann meine Tätigkeit sozusagen als Rächer der Armen und Entrechteten. Der politische Wille zur Wiedergutmachung war ab 1990 sichtbar, aber die deutsche Bürokratie verhinderte auch einiges. Inzwischen bin ich aber einigermaßen ruhig geworden, nachdem ich auch so sehe, was entschieden wird. Schwierig ist nach wie vor das Erbringen von Beweismitteln. Wie soll jemand nachweisen, der als politischer Häftling gesundheitsschädliche Zwangsarbeit leisten musste und dabei die Hälfte seines Magens einbüßte? Dafür gibt es natürlich keinerlei Unterlagen, und darum wird das auch nicht anerkannt. Die kommen zu mir und fragen, wie soll ich das beweisen? Das sind die Fälle, wo ich gar nicht helfen kann. Auch deshalb verlangen wir seit 30 Jahren eine Umkehrung der Beweislast.


An diesem Donnerstag laden Sie in Dahlen zur Bürgersprechstunde ein – wie können sich Besucherinnen und Besucher im Interesse eines zielführenden Gesprächs vorbereiten?
Wenn es um berufliche oder verwaltungsrechtliche Rehabilitierung geht, wäre es gut, wenn ein paar Dokumente mitgebracht werden, anhand derer ich erkenne, an wen sich der Betreffende konkret wenden müsste. Hingegen muss für die Beantragung der Einsicht in die Stasiakten nichts vorbereitet werden. Wir füllen den Antrag gemeinsam aus und ich nehme diesen dann mit.  


Hatten Sie in der Vergangenheit schon einmal in Dahlen zur Bürgersprechstunde eingeladen?
Nein, dort bin ich zum ersten Mal. Zuvor war ich aber schon in Mügeln und dreimal in Oschatz. Die Sprechstunden dort waren gut besucht. Beim ersten Mal in Oschatz kamen richtig große Fälle zur Sprache, unter anderem ein in den 50er-Jahren politisch inhaftierter Pfarrer, der gar nicht wusste, dass es so etwas wie Haftentschädigung gibt, und dem ich indirekt zu einer großen Entschädigungssumme verhelfen konnte, worüber er sich sehr freute.

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