Sonntag, 14. August 2022
Freitag, 22. Juli 2022

Corona-Delle: Nachhilfekurse für Nichtschwimmer sind begehrt

Schwimmen macht nicht nur Spaß, es kann auch Leben retten: Heike Feiks (li.) und Katrin Jäckel drehen im Außenbecken des Aquavita ihre Runden. Viele Kinder müssen das Schwimmen nach den vielen Lockdowns jetzt erst noch lernen. (Foto: Silke Kasten)

von Silke Kasten

Schwimmunterricht-Ausfälle werden dank Gutscheinen kompensiert - viele Nicht-Schwimmer haben Migrationshintergrund - Besucherzahlen noch nicht wieder auf Vor-Corona-Niveau

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Torgau Im Sommer häufen sich wieder die Meldungen: Menschen verunglücken in Seen, Bädern und Flüssen, immer mehr Kinder und Jugendliche können nicht schwimmen, überfall fehlen Rettungsschwimmer, durch die Corona-Zwangspause fiel monatelang der Schwimmunterricht aus. Wie sieht die Lage in Torgau aus? Die TZ sprach mit Michael Weib, dem Leiter des Sport- und Freizeitbades Aquavita. Wichtigste Erkenntnis: Der ausgefallene Schwimmunterricht kann nur sukzessive kompensiert werden. Und von den Besucherzahlen, die das Bad vor Corona hatte, ist man noch weit entfernt.

Ein großes Problem ist nach wie vor der ausgefallenen Schwimmunterricht - rund elf Monate lang waren die Schwimmhallen wegen Corona geschlossen. Der Freistaat Sachsen versucht mit Gutscheinen gegenzusteuern: Alle Kinder, die noch nicht schwimmen können, dürfen damit einen Kurs in einer Schwimmhalle besuchen. Dort allerdings gibt es gerade im Sommer personelle Engpässe - in einigen Hallen werden die Interessenten ganz abgewiesen oder auf endlos lange Wartelisten gesetzt.

"Bei uns ist es zum Glück so, dass wir den Bedarf abarbeiten können", erläutert Weib. "Wir haben schon drei Gutschein-Kurse gemacht, und nach den Sommerferien geht es mit zwei neuen Kursen weiter. Rund 50 Kinder haben dadurch schwimmen gelernt." Und zwar so, dass sie sich sicher über Wasser halten können.

Denn zwischen dem "Seepferdchen"-Abzeichen und dem Schwimm-Niveau, das durch den Unterricht im Rahmen des Schulsports erreicht wird, besteht ein großer Unterschied. "Wer das 'Seepferdchen' hat, kann sich gerade mal eine Bahnlänge, also 25 Meter, über Wasser halten", so Weib. "Im Schulsport haben die Kinder normalerweise ein Jahr lang einmal in der Woche Schwimmunterricht. Dort lernen sie, mindestens 100 Meter zu schwimmen." Hinzu kommen u.a. Sprünge ins tiefe Wasser, Tauchen und die Vermittlung von Baderegeln.

Bei den Schwimmkursen, die nun mit den Gutscheinen absolviert werden, wird versucht, ein ähnliches Niveau zu erreichen. Ein Vorteil ist, dass viele der Kursteilnehmer zumindest schon rudimentäre Schwimmkenntnisse mitbringen, da der Unterricht auch in Corona-Zeiten sporadisch stattfand.

Allerdings gibt es gerade in der Sommer-Saison personelle Engpässe: Zwei von sieben Fachangestellten für Bäderbetriebe, darunter drei Meister, sind ständig im Waldbad Mehderitzsch und im Seebad Schildau im Einsatz. "Die Schwimmkurse für jeweils zehn Kinder dauern sechs Wochen", erläutert der Aquavita-Chef. " Und wir brauchen für jeden Kurs zwei Leiter. Da wird es schnell eng." Dennoch ist er optimistisch, dass es gelingen werde, allen Aspiranten das Schwimmen beizubringen - auch wenn das noch etwas dauern werde.

Übrigens: Die meisten Kinder, die mit einem Gutschein kommen, haben einen Migrationshintergrund. "Wir beobachten, dass auch viele Jugendliche und Erwachsene mit ausländischen Wurzeln nicht schwimmen können", sagt Weib. Alle aufsichtführenden Bademeister seien deshalb auf der Hut: Wer sich nicht sicher über Wasser hält, wird ins Nichtschwimmerbecken verwiesen.

Und das ist ein bundesweites Phänomen. Viele der Badetoten, die zu beklagen sind, sind nicht nur männlich, sondern haben oft eine Migrationsgeschichte. Gerade mit der Flüchtlingskrise 2015/16 kamen viele Menschen ins Land, die nicht schwimmen können. In vielen EU-Ländern wird diese Fertigkeit ebenfalls nicht gelehrt.

Gibt es deshalb auch einen Bedarf an Kursen für Jugendliche und Erwachsene in Torgau? "Nein", erwidert Weib. "Es gibt keine Nachfrage." Über die Gründe könne er nur mutmaßen: Eventuell liege es an der Scham, sich als Nichtschwimmer zu outen.

Sorgen bereiten Weib zum einen die Unwägbarkeiten der Pandemie, denn im Herbst drohen vermutlich neue Covid-Varianten und Infektionswellen. Hinzu kommt die Energiekrise, die bereits jetzt in dem mit Gas geheizten Aquavita ihren Tribut fordert. "Wir haben die Wassertemperatur im Schwimmerbecken schon von 28 auf 26 Grad gesenkt. Und auch bei den Duschen wurden die Grade etwas reduziert."

Zum anderen ist da der Fachkräftemangel. Derzeit beschäftigt das Aquavita neben den Fachangestellten für Bäderbetriebe noch drei Kassenkräfte und zwei Aushilfen, dazu zwei Auszubildende. "Aber für das beginnende Ausbildungsjahr haben wir noch keinen Lehrling gefunden." Ein Problem sei, dass die Bewerber über eine besonders gute körperliche Fitness verfügen müssen. Denn nicht nur zur Abschlussprüfung müssen sie zum Beispiel in der Lage sein, eine untergegangene Person zu retten - und das in voller Alltagskleidung. Weib: "Wir können nur Azubis einstellen, die das am Ende schaffen. Alles andere macht keinen Sinn."

Und was hält er von der Idee, das Aquavita um ein Freibad oder einen Naturteich zu erweitern, wie im Wahlkampf wieder aufs Tapet gebracht? Das vorhandene Außenbecken ist sehr klein. "Ein Naturteich hätte den Vorteil, dass er weniger Technik und keine Heizung benötigt. Aber er wäre auch nur im Sommer nutzbar." Ein Freibad sei durch die benötigte Heizung teurer, da die Sonne allein nicht ausreiche. Dafür könne es aber in der Saison länger genutzt werden. "Die Torgauer würden sich sicher freuen, denn gerade an heißen Tagen ist es hier oft sehr voll", schätzt Weib ein. Letztendlich seien Bäder immer ein Zuschussgeschäft. Die Politik müsse entscheiden, was ihnen deren Betrieb wert ist.

In guten Jahren nutzen rund 90 000 Gäste das Aquavita, darunter die Sauna-Gänger und Schüler. Von diesen Zahlen sei man aktuell noch weit entfernt, auch wenn in den jetzigen heißen Tagen großer Andrang herrsche. Weib: "Ich vermute, dass gerade viele Ältere wegen Corona doch noch etwas vorsichtig sind."

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