Sonntag, 14. August 2022
Dienstag, 26. Juli 2022

Waldbrand bei Kötten: "Binnen Sekunden geriet alles außer Kontrolle"

Nach einem Gewittersturm brennt es am Montagabend lichterloh und die Kräfte müssen sich zwischenzeitlich zurückziehen. (privat)

von Nico Wendt

Nach einem Gewittersturm konnte sich der Waldbrand bei Kötten auf eine riesige Fläche von 850 Hektar ausdehnen.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Kötten/Falkenberg Thomas Bein ist fast 25 Jahre Feuerwehrmann. Aber so etwas hat er noch nie erlebt. "Es war gegen 19.15 Uhr am Montag: Wir hatten die Flammen im Wald bei Elsterberg schon soweit unter Kon-trolle. Dann hörten wir, dass heftiger Wind angekündigt wird und dass anderswo schon richtige Sturmböen aufbrausen. Und im nächsten Moment hörten auch wir, wie bei uns Bäume fallen."

Der Torgauer Wehrleiter entscheidet sofort: Rückzug! Alle raus aus dem Wald! "Ich hatte es kaum ausgesprochen, da standen wir plötzlich mitten im Qualm. Es gab nur noch eine Devise: Die eigene Haut retten!" Die rund 50 Kameraden, die zu diesem Zeitpunkt in diesem Abschnitt beschäftigt sind, hasten zu ihren Fahrzeugen. Es gleicht einer wilden Flucht. Auf einem benachbarten Feld glaubt man sich außerhalb der Gefahrenzone. "Doch dann gibt es eine Durchzündung. Das ganze Waldstück, aus dem gerade noch Rauch aufstieg, steht plötzlich lichterloh in Flammen. Es kommt zu einem Funkenüberschlag auf mehreren Hundert Metern. Gefühlt brennt es jetzt überall."

Verluste

Erst einige Hundert Meter weiter, auf der Bundesstraße 183, können die Feuerwehrleute endlich durchatmen. Der Gewittersturm ist nach wenigen Minuten abgeflaut, doch Thomas Bein hat Sorge: Ein Großteil seiner ehrenamtlichen Kollegen ist in die andere Richtung geflüchtet. Den letzten Kameraden wird man erst viel später, einige Kilometer weiter in Kölsa, wieder ausfindig machen. Einige sagen hinterher, sie wären durch die Hölle gegangen. Auf einem Sammelpunkt bestätigt sich zum Glück: alle da. Auch die rund 25 Fahrzeuge sind unbeschadet. Doch jede Menge Schläuche, Strahlrohre und eine Haspel musste man im Flammen-Inferno zurücklassen.

Notfallsanitäterin Janine Gerlach, mit der schnellen Einsatzgruppe des Katastrophenschutzes vor Ort, bestätigt die dramatischen Sekunden: "Man konnte die Hand nicht mehr vor Augen sehen. Wir haben nur noch Gas gegeben." Das kurze Unwetter hat fatale Folgen. Durch den Sturm breitet sich das Feuer blitzartig auf mehrere Hundert Hektar Wald- und Wiesenfläche aus, erfasst sogar den Ferkelstall einer Schweinemastanlage in Kölsa-Siedlung. Unzählige Tiere verenden. Der Nachthimmel im Flammenmeer färbt sich glutrot.

Am Tag danach zeigt sich das verheerende Ausmaß. Überall verkohlte Bäume, verbranntes Gras. An mehreren Stellen im Waldgebiet steigt schwarzer und beißender Rauch gen Himmel. Zwei Löschhubschrauber der Bundeswehr pendeln unermüdlich. Für deren Wasseraufnahme wird der Kiebitz-See in Falkenberg eigens für den Badebetrieb gesperrt. Ein weiterer Hubschrauber beobachtet das Brandgeschehen aus der Luft mittels Wärmebildkamera.

Wasserwerfer

Rund 350 Einsatzkräfte aus Brandenburg und Sachsen kämpfen gegen das Großfeuer, dass noch immer nicht unter Kontrolle ist. Auch Wasserwerfer aus Berlin und von der Bundeswehr kommen zum Einsatz. Sie bewässern Straßenränder und Gräben, um benachbarte Wohngebiete zu schützen. Die Orte Rehfeld und Kölsa mit insgesamt 700 Bewohnern sind evakuiert. Von den sieben verletzten Feuerwehrleuten befinden sich am Dienstag einige noch im Krankenhaus, sagt Falkenbergs Stadtbrandmeister Sören Diecke der Lausitzer Rundschau. Sie haben Rauchgasvergiftungen und Brandwunden erlitten, als der Gewittersturm über die Brandfläche zog und durch eine sogenannte Querströmung mit Sog-effekt die Flammen binnen Sekunden in alle Richtungen trieb.

Am Nachmittag vermeldet die Lausitzer Rundschau, dass derweil schon 480 Feuerwehrleute aus mehreren Landkreisen mit 90 Fahrzeugen im Löscheinsatz sind. Die Einsatzleitung habe drei Abschnitte gebildet, um den Großbrand Kölsa-Rehfeld auf einer Fläche von nunmehr 850 Hektar zu bekämpfen. Große Hoffnung setzt man auf die Transporthubschrauber vom Typ CH 53 und NH 90 der Bundeswehr. Diese haben eine Löschwasserkapazität von 2500 Litern pro Einsatzflug. Der Schwerpunkt der Löscharbeiten liegt dabei im südlichen Abschnitt in der Nähe des Gewerbegebietes Lönnewitz. Hier ist auch eine Photovoltaikanlage in Mitleidenschaft gezogen worden. Mit einem Pionierpanzer Dachs der Bundeswehr soll dort eine Schneise errichtet werden, um die Brandausbreitung zu verhindern.

Innenminister vor Ort

Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen (CDU) befürchtet, dass sich der Einsatz noch lange hinziehen kann. "Den Brand komplett zu löschen, wird wahrscheinlich Wochen dauern", sagt er am Dienstag vor Ort im Kreis Elbe-Elster. Durch Detonation im Boden seien neue Munitions-Verdachtsflächen entdeckt wurden, die noch gar nicht in Karten verzeichnet gewesen seien. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst musste deshalb anrücken.

Der Großbrand, der am Montag 13.30 Uhr gemeldet wurde, unterscheidet sich nach den Worten des Waldbrandexperten Philipp Haase von anderen Bränden im Land. "Wir reden hierbei von einem Baumkronenbrand, das Feuer läuft von Krone zu Krone und findet sehr viel brennbares Material wie Nadeln", sagte der stellvertretende Waldbrandschutzbeauftragte der Deutschen Presse-Agentur.

Das Feuer brenne über den Spitzen der Bäume in einer Höhe von bis zu 25 Meter. Dort seien die Windgeschwindigkeiten auch höher als am Waldboden, die Flammen könnten sich schneller ausbreiten, so Haase. Für das Gebiet bedeute das einen Totalverlust der Bäume. Das unterscheide den aktuellen großen Waldbrand von anderen Bränden in Brandenburg.

Sie interessieren sich für das Neueste aus Torgau und der Region? Dann bestellen Sie den Newsletter "Darüber wird morgen gesprochen"! Der kommt jeden Abend per E-Mail und bringt die wichtigsten Themen des nächsten Tages mit. >> Hier können Sie ihn bestellen.


Jetzt kostenlos anmelden

Das könnte Sie auch interessieren

epaper
 

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

Wirtschaftsmagazin

Abenteuer Tiefschnee

AKTIONEN

Newsletter

Festtagsmagazins

Torgau-Plus

Riesenmagazin

Oschatz-Magazin

Azubi-Expo-Digital

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga