Sonntag, 14. August 2022
Mittwoch, 27. Juli 2022

Jugendcamp des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge in Torgau

Lernten sich gegenseitig kennen und dazu noch ganz viel Geschichte: Jugendcamp-Gruppe des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge. (Silke Kasten)

von Silke Kasten

Torgau. Gefangenschaft in vier unterschiedlichen Systemen: Jugendliche aus Italien, Rumänien, Türkei, Irland und Deutschland begeben sich auf Spurensuche.

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Torgau Das soll ein Gefängnis sein? Ioana Gheorghita (17) ist von der JVA Torgau angenehm überrascht, gar kein trüber, modriger, lichtloser Ort - so hatte sich die Schülerin eine Justizvollzugsanstalt nun wirklich nicht vorgestellt. Sie ist Teil einer internationalen Schülergruppe, die im Rahmen eines Jugendcamps drei Tage lang die Stadt Torgau erkundete. Dabei erfuhren die jungen Leute aus Rumänien, der Türkei, Italien, Irland und Deutschland, dass Gefangene aus sehr unterschiedlichen Gründen im Laufe der Zeiten in Torgau inhaftiert waren - und dass diese Gefangenen sehr unterschiedliche Erfahrungen machen mussten. Und sie erfuhren, dass viele die Qualen nicht überlebten. Organisiert wurde das Camp vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. , der sich auch dem Gedanken der Völkerverständigung verschrieben hat.

"Der Krieg macht mir Angst"

In Torgau beschäftigten sich die Jugendlichen intensiv mit der Geschichte der Zwangsarbeiter in Torgau, des Wehrmachtsgefängnisses und des Geschlossenen Jugendwerkhofs. Besonders beeindruckt zeigten sie sich vom Besuch der JVA Torgau, wo sie im Rahmen einer Führung auch mit Gefangenen sprechen konnten. "Ich habe gesehen, dass es hier sogar einen Garten mit Blumen, einen Kinderspielplatz und eine Sporthalle für die Gefangenen gibt", staunt Ioana. "Der Gedanke der Resozialisierung steht hier im Vordergrund. Ich glaube, dass es in unseren Gefängnissen ganz anders aussieht."

Die politisch interessierte Jugendliche verfolgt derweil mit großer Sorge den Krieg in der Ukraine: "Ich sah bei uns zuhause militärische Flugzeuge am Himmel. Es macht mir Angst. Ich möchte gerne etwas für den Frieden tun."

"Andere Jugendliche kennenlernen"

Besonders für Geschichte und Architektur interessiert sich Andrea Catalano (17) aus Sizilien. Insofern freute er sich darüber, dass die Geschichtslektionen - erteilt von Elisabeth Kohlhaas im DIZ - im Schloß Hartenfels erfolgten. "Das ist eine wunderschöne Anlage mit der Wendeltreppe," erzählt er begeistert - und in diesen Tagen als Gratis-Zugabe auch noch erfüllt von den Stimmen der angehenden Opernsängerinnen und -sänger, die bei offenen Fenstern proben.

Sein türkischer Kollege Baris Özerdem interessierte sich vor allem für die internationalen Kontakte im Jugendcamp. "Ich möchte junge Leute anderer Kulturen kennen lernen", sagt der 18-Jährige aus Istanbul. "und meine Deutsch- und Englischkenntnisse verbessern." Auch ihn beeindruckte der Besuch in der JVA ganz besonders: "Die Gefangenen haben dort viele Freizeitmöglichkeiten. Ich glaube, so etwas gibt es in der Türkei nicht."

Die 19-jährige Connie Heather erstaunt, wie sehr sich im Laufe der Jahrzehnte das Gefängnis- und Internierungssystem verändert hat. Das Wehrmachtsgefängnis, die sowjetischen Speziallager, der Geschlossene Jugendwerkhof der DDR - und nun ein bundesdeutsches Justizvollzugssystem, das aktuell wieder im Wandel begriffen ist (wir berichteten). So viel Geschichte auf engstem Raum innerhalb von nur 100 Jahren - das hat die junge Irin, die in ihrer Heimatstadt Dublin einen Schreib-Wettbewerb gewonnen hat, sehr bewegt. Im übrigen genießt sie, wie alle anderen auch, den engen Austausch mit Gleichaltrigen aus verschiedenen Ecken Europas sowie der Türkei.

Einziger Deutscher in dieser bunten Truppe ist der 16jährige Jonas Hanke aus Aachen. Eigentlich nahm er an dem Camp teil, weil er ein Jahr im Ausland verbringen und vorher seine Englischkenntnisse verbessern möchte. Das Camp habe ihm nun viele Denkanstöße vermittelt, sich intensiver mit dem Thema Menschenrechte zu befassen. Die Zustände in den Gefängnissen im Nationalsozialismus und in der DDR seien im Vergleich zur aktuellen Situation der Inhaftierten erschreckend gewesen.

Blumen für Zwangsarbeiter

Anders als in vielen anderen Jugendcamps, mussten die Jugendlichen in diesem Lager nicht selbst Hand anlegen, um zum Beispiel Friedhöfe oder Gedenkanlagen zu pflegen. Sie schauten sich jedoch in Torgau den sowjetischen Ehrenfriedhof an, wo sie unter anderem am Grab eines zu Tode gekommenen Zwangsarbeiters Blumen ablegten. Mit dessen Vita hatten sie sich zuvor im DIZ beschäftigt.

Der sowjetische Ehrenfriedhof war zwischen 1945 und 1947 für über 400 Menschen aus der Sowjetunion eingerichtet worden. Unter den Opfern befinden sich sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, deren verstorbene Kinder sowie Rotarmisten, die im Kampf gefallen waren oder kurz nach Kriegsende hier verstarben.

Zudem erhielten die Schüler die Gelegenheit, neben Torgau auch noch Halle (u.a. Gedenkstätte "Roter Ochse"), Leipzig (Völkerschlachtdenkmal) und Dresden zu erkunden.

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