Freitag, 12. August 2022

20 Jahre nach der Flut in Dommitzsch: "Wir haben Angst, dass es irgendwann wieder passiert"

Dieses Foto entstand vor 20 Jahren. Das ehemalige Bäckerei Grundstück Doebelt in Dommitzsch war völlig abgesoffen. (TZ-Archiv)

von Nico Wendt

20 Jahre nach der Flut erinnern sich zahlreiche Grundstücksbesitzer in Dommitzsch an die Naturkatastrophe. TZ sprach mit einigen von ihnen.

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Dommitzsch Schlimme Erinnerungen werden wach. Wenn sich die Jahrhundertflut in diesen Tagen zum 20. Mal jährt, denken vor allem Kirstin Doebelt und ihr Mann Karsten aus Dommitzsch besonders intensiv zurück. Sie waren gleich zweimal Hochwasser-Opfer. Sowohl 2002 als auch 2013 versank ihr Wohngrundstück im stinkenden Morast. Eine unglaubliche Katastrophe. Und die Angst bleibt, dass es jeder Zeit wieder passieren könnte.

Hochwasserschutz:

Bis heute tat sich nichts

"Gegen solche Naturgewalten gibt es einfach kein Rezept. Das kann man nicht beherrschen", sagt Kirstin Doebelt. Während anderswo riesige Deiche und Schutzanlagen entstanden, passierte in Dommitzsch bis heute im Wesentlichen nichts. Jegliche Pläne, am Grenzbach ein Absperrbauwerk zu errichten, liegen auf Eis.

Die ehemalige Bäckerei und frühere Wassermühle befindet sich an der tiefsten Stelle im Bereich Platz am Sandtor und am unteren Verlauf des Grenzbachs. Bei Extremhochwassern wie im August 2002 und im Juni 2013 können die Wassermassen nicht mehr in die Elbe abfließen. Der Fluss staut zurück. Folge: Die Anrainer des Grenzbaches bekommen nasse Füße. Viele Jahre kämpfte eine Bürgerinitiative um den dringend erforderlichen Schutz.

Zwischenzeitlich wuchs die Hoffnung, als der Freistaat Sachsen einen Lösungsvorschlag unterbreitete. Weil die Investition aufgrund der Dimension alleine zu teuer sei, wollte man sie in ein künftiges Polder-Projekt integrieren. Dafür ständen dann finanzielle Mittel vom Bund bereit. Überflutungsgebiete helfen, der Elbe mehr Raum zu geben und sind somit von nationalem Interesse, hieß es damals. Allein die Kosten für ein solches Absperrbauwerk wurden im Jahr 2017 auf satte 3,5 Millionen Euro geschätzt. Der Polder selbst war mit rund 20 bis 25 Millionen Euro veranschlagt.

Heute Hochwassergedenktag in Dommitzsch

Horst Kochinke winkt ab. Der Chef der Grenzbach-Bürgerinitiative fühlt sich von den Politikern verschaukelt und ist maßlos enttäuscht. Am heutigen Sonnabend, dem 13. August, möchte man sich zu einem Hochwasser-Gedenktag am Gerätehaus treffen. Dazu laden Feuerwehr und Förderverein ein. Das Motto lautet: "Dommitzsch taucht auf".

Man hat ein buntes Programm organisiert und man würde sich über viele Besucher freuen. Nicht zuletzt geht es auch darum, auf das Problem aufmerksam zu machen. Denn die Gänsebrunnenstädter finden offensichtlich in Dresden kein Gehör mehr.

Hochwasserschutz kontra Naturschutz

Das Schadenspotenzial sei hier am Grenzbach eher überschaubar, lautete eine spätere Aussage. Man gehe von lediglich etwa zehn Häusern aus, die auch nur bei einem 100-jährigen Hochwasser betroffen seien. Bei dem zu errichtenden Schutz hingegen handelt es sich um ein riesiges Bauwerk - 50 Meter breit, mit großen Flutöffnungen und rund 500 Meter Damm. Das reißt nicht nur tiefe Löcher in die öffentlichen Kassen, sondern bringt auch Naturschützer auf die Palme. Schließlich handelt es sich um ein Bauvorhaben, das im FFH-Schutzgebiet angesiedelt wäre.

Horst Kochinke kritisiert, dass manche Zahlen absichtlich klein gehalten werden. Seiner Meinung nach sind in Dommitzsch weitaus mehr Anlieger vom Hochwasser bedroht. Bürgermeister Bernd Schlobach bestätigt ebenfalls, dass in den vergangenen 20 Jahren baulich nicht viel passiert sei. Lediglich ein kleiner Deich am Platz am Mühltor wurde etwas erhöht. Stattdessen habe die Landestalsperrenverwaltung damit begonnen, Grundstücke im betreffenden Gebiet aufzukaufen, wahrscheinlich um sie "platt zu machen". Gleiches ist vor einigen Jahren schon mit dem Dommitzscher Fährhaus passiert. "Für die operative Hochwasser-Abwehr sind wir aber gut gerüstet", so Bernd Schlobach.

Kirstin Doebelt indessen hofft, dass man solche schlimmen Tage nie wieder erleben muss. Bis zu einem Meter hoch stand die braune Brühe damals im Erdgeschoss. Das Wasser schwemmte Möbel auf und hinterließ an allen Ecken und Enden ein Bild der Zerstörung. Zum Glück gab es damals unzählige Freunde, Bekannte und Nachbarn, die anschließend mit zupackten, um die Schäden zu beseitigen.

"Wegziehen kam nie in Frage. Wo sollten wir auch hin?", so die Dommitzscherin. Dass der Grenzbach ständig zuwächst und sich keiner kümmert, macht ihr Sorge. "Manchmal legen wir einfach selber Hand an, um den Wildwuchs zu beseitigen."

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