Freitag, 12. August 2022

Deichbruch Dautzschen: Plötzlich gab die Elbe unglaubliche Wassermassen frei

Einwohner von Dautzschen erkunden kurz nach dem Deichbruch mit Radlader ihre überschwemmte Heimat. (TZ/Archiv Uwe Gutzeit)

von Nico Wendt

Am 18. August 2002 kam es in Dautzschen zum größten Binnendeichbruch Deutschlands: 20 Jahre später erinnert die TZ daran.

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Dautzschen. So etwas kannte man in der Region bis dahin nicht. Viele Jahrzehnte floss die Elbe zahm und brav dahin. Die letzten größeren Hochwasser hatten sich 1954 und 1965 abgespielt. Nun plötzlich herrscht Ausnahmezustand. Als Landrat Robert Schöpp am 15. August 2002 bei einem Pegel von 7.80 Meter in Torgau Katastrophenalarm auslöst, sind die verheerenden Bilder aus Prag und Dresden schon in den Köpfen. Es herrscht Angst, was da kommen mag. Auch in Ostelbien.

An jenem Donnerstag rückt die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) in Großtreben an. Karl-Friedrich Dierkes, Landwirt und Mitarbeiter der Ortsfeuerwehr, hat Alarm geschlagen. Bei einem Kontrollgang hat er ein kleines Leck im Deich in der Nähe des Dorfes erkannt. Langsam sprudelt das Wasser aus der Dammsohle. Nun sind die Helfer dabei, den Deich zu sichern. Große Folienbahnen werden verschweißt. Zusätzlich sollen Sandsäcke für Stabilität sorgen.

Es ist nicht die einzige Schwachstelle zu diesem Zeitpunkt entlang der Elbe. Insgesamt registriert der Katastrophenstab in Torgau am 15. August 2002 ganze 17 Problemstellen, die unbedingt verstärkt werden müssen. Neben Großtreben auch in Graditz, Werdau und auf der anderen Seite in Loßwig und im Bereich des Flachglaswerkes in Torgau. Die Maschinerie läuft auf Hochtouren. Überall sind Hunderte Kräfte im Einsatz. Man arbeitet an Evakuierungsplänen. Weitere 100 000 Sandsäcke werden geordert.

Doch die Lage spitzt sich von Stunde zu Stunde weiter zu im Altkreis Torgau. Am Freitagabend hat der Fluss schon einen Pegel von 8.47 Meter erreicht. Man rechnet mit einem Tag der Entscheidung entweder am Samstag oder am Sonntag.

Inzwischen sind viele Einwohner in den bedrohten Gemeinden rechts und links der Elbe evakuiert. Stündlich gibt es neue Schreckensmeldungen. Der Pegel steigt und steigt. In Seydewitz, Polbitz und Dommitzsch ist der Kampf schon verloren. Zahlreiche Grundstücke saufen ab. Doch in Ostelbien bahnt sich die größte Katastrophe erst am 18. August an.

Es ist Sonntag, kurz nach 10 Uhr auf einer Anhöhe bei Neubleesern: Fassungslos schaut eine Gruppe von Menschen auf die Wassermassen, die sich da einige Hundert Meter weiter über die Felder ergießen. Es sind Einwohner der benachbarten Orte. Etwa eine Stunde zuvor ist hier der Deich bei Dautzschen gebrochen. Nun müssen sie zusehen, wie sich die Flut den Weg in die Dörfer bahnt. Rasch laufen Straßen und Keller voll. Nichts hält die braune und stinkende Brühe auf. Innerhalb kurzer Zeit klettert der Pegel in Dautzschen auf 1.20 Meter. Und damit ist das Ende noch nicht erreicht. Das Ausmaß nimmt gewaltige Dimensionen an.

Später werden Fachleute errechnen, dass rund 270 Quadratkilometer unter Wasser standen. Drei Orte in Sachsen, 25 in Sachsen-Anhalt inklusive der Stadt Prettin saufen ab. Etwa 12 000 Einwohner sind betroffen. Es handelt sich um den bisher größten Binnendeichbruch in Deutschland. Die Überflutungsfläche entspricht der Größe von Dortmund, Leipzig oder des halben Bodensees. Die Bruchstelle am Deich wird auf 330 Meter Länge ausgespült.

Als die Scheitelwelle in den Morgenstunden des 18. August 2002 Torgau passiert, werden am dortigen Pegel sagenhafte 9.45 Meter gemessen. Erst gegen Mittag fällt die Elbe wieder leicht auf 9.42. In der Kreisstadt selbst kommt man mit einem blauen Auge davon.

In den Katastrophengebieten dagegen wird es Jahre dauern, bis alle Schäden beseitigt sind. Glücklicherweise setzt nach der Hochwasser-Flut eine Hilfs-Flut ein. So denkt man auch in Ostelbien gern an den Zusammenhalt zurück, der sich in jenen schlimmen Tagen entwickelte. Die Geburtsstunde des Dorfclubs "Dautzschen lebt" schlägt.

Am 18. August wird man traditionell wieder zusammensitzen, um zurückzudenken. Dautzschen hat eine eigene Facebook-Seite und erinnert seit Monatsbeginn an die Katastrophe. Täglich erscheinen neue Motive. Daniela Rad, die den Internet-Auftritt betreut: "Es werden insgesamt 20 Bilder aus der Sammlung von Ralf Purschwitz gezeigt. Unter dem Motto "damals und heute" stellen wir Flutfotos und Aufnahmen vom Sommer 2022 aus gleicher Perspektive gegenüber." Dieser Bilder werden dann auch am Donnerstag beim Hochwassertag zu sehen sein.

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