Samstag, 3. Dezember 2022
Donnerstag, 18. August 2022

Torgauer Knochenfunde geben weiter Rätsel auf

Die Gebeine wurden im Juni bei Bauarbeiten an einem etwa zehn Meter langen Streifen an einer Mauer auf dem Areal der JVA Torgau (s. Plan aus dem Jahr 1953) gefunden. Weitere Massengräber werden dort vermutet. (Foto: Silke Kasten/ Plan: DIZ)

von Silke Kasten

Torgau. Gerichtsmedizinische Untersuchungen der an der JVA gefundenen Gebeine laufen noch. Eine Vermutung: Es könnte sich um Opfer des sowjetischen Speziallagers Nr. 10 oder der Wehrmachts-Justiz handeln

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Torgau Bei dem Knochenfund auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Torgau handelt es sich vermutlich um die Gebeine von etwa 28 Verstorbenen, teilte Jana Friedrich von der Staatsanwaltschaft Leipzig auf TZ-Anfrage mit. Diese werden derzeit in der Rechtsmedizin Leipzig untersucht. Wie berichtet, waren die Gebeine Ende Juni im nördlichen Bereich der Haftanstalt bei Erdarbeiten gefunden worden.

Es gibt derzeit zwei Vermutungen über die Herkunft der Opfer: Zum einen spreche viel dafür, dass es sich um Verstorbene aus der Zeit der Sowjetischen Speziallager handeln könnte, so Elisabeth Kohlhaas, Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums Torgau (DIZ). Die zweite Möglichkeit wäre, dass dort Opfer der Wehrmachtsjustiz in einem Massengrab verscharrt wurden.

Zunächst zur erstgenannten Theorie. "Wir gehen davon aus, dass etwa 800 Menschen zwischen 1945 und 1948 in den Speziallagern ums Leben gekommen sind", so Kohlhaas. "Aber wir wissen nicht, wo sie begraben worden sind." Ehemalige Häftlinge hätten nach der Wiedervereinigung erzählt, dass Leichen auf dem Gelände an einem explizit genannten Bereich - dem jetzigen Fundort - verscharrt worden waren.

Vor rund 30 Jahren startete das DIZ eine Suche nach den Toten. "Luftbilder gaben Anhaltspunkte für Massengräber", erläutert Kohlhaas. Vor zwei Jahren kam diesbezüglich ein aufschlussreiches Dokument in der Stasi-Unterlagenbehörde ans Licht. Darin heißt es, dass 1977 bei Erdarbeiten auf dem Gefängnisgelände Gebeine entdeckt worden waren - in unmittelbarer räumlicher Nähe zu dem jetzigen Fundort. Damals wurde in den Stasi-Unterlagen vermerkt, dass es sich vermutlich um die sterblichen Überreste von Menschen aus der Sowjetunion handele. Die Gräber wurden daraufhin schnell wieder verschlossen.

Abtransport in den Gulag

Wie könnten die Menschen zu Tode gekommen sein? "In dem Speziallager Nr. 10 hatte die sowjetische Besatzungsmacht von 1946 bis 1948 vor allem ehemalige Rotarmisten, sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene interniert", so Kohlhaas. "Sie wurden der Spionage oder anderer Verfehlungen verdächtigt." Dieses Lager habe auch als zentrales Sammelgefängnis für den Abtransport in die sowjetischen Straf- und Arbeitslager fungiert - rund 20 000 Menschen seien davon betroffen gewesen. "Bei der Mehrzahl handelte es sich um Sowjetbürger", so Kohlhaas. "Von den 120 000 Deutschen, die ebenfalls nach dem Krieg in Speziallagern inhaftiert waren, wurde nur ein verhältnismäßig kleiner Teil deportiert."

Die Verhältnisse müssen katastrophal gewesen sein, denn rund 8000 Gefangenen wurden zusammen in das Lager gepfercht. Die Sterberate sei hoch gewesen: Augenzeugen berichten, dass "täglich sieben bis neun Gefangenen" ihr Leben ließen. Ein ehemaliger Wachmann schilderte, dass er bereits 1949 "beim Graben nach Sand im Wallgraben auf ein Massengrab" gestoßen war. Nachdem er dies dem sowjetischen Kommandanten gemeldet hatte, habe er die Anweisung erhalten, das Grab umgehend wieder zuzuschütten.

Theorie Nummer 2: Es könnte sich eventuell auch um die Gebeine von Opfern der Wehrmachtsjustiz handeln, denn eine nahe dem jetzigen Fundort gelegene Örtlichkeit war zusammen mit der Süptitzer Kiesgrube ein zentraler Hinrichtungsort der Nationalsozialisten. Mindestens 197 verurteilte Wehrmachtsangehörige sollen in Torgau erschossen worden sein.

"Zur Bestimmung des Alters der Skelettteile und der Aufklärung der mutmaßlichen Todesumstände hat die Staatsanwaltschaft die rechtsmedizinische Begutachtung in Auftrag gegeben", sagt Friedrich. Mit einem Ergebnis sei aufgrund der vielen Knochenfunde erst in einigen Wochen oder Monaten zu rechnen. Vermutlich stammten sie jedoch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Mit weiteren Knochenfunden ist zu rechnen

Die Arbeiten vor Ort sind derzeit unterbrochen. Über den Zeitpunkt, die Art und den Umfang weiterer Maßnahmen soll in Abhängigkeit der weiteren Ermittlungsergebnisse entschieden werden. Friedrich: "Nach derzeitiger Einschätzung ist im Bereich des verhältnismäßig großen Areals mit dem Auffinden weiterer sterblicher Überreste zu rechnen." Es werde geprüft, ob technische Hilfsmittel die weitere Suche unterstützen könnten.

Und was passiert mit den gefundenen Gebeinen? "Wir hoffen, dass sie hier in Torgau auf dem Gemeindefriedhof bestattet werden", so Kohlhaas. "Uns erreichen noch immer viele Anfragen von Angehörigen, in der Mehrzahl Deutsche. Aber vereinzelt auch Russen, vor allem vor dem Ukraine-Krieg. Das Schicksal der Inhaftierten in den Speziallagern lässt viele Angehörige nicht los."

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