Samstag, 3. Dezember 2022
Donnerstag, 25. August 2022

Neue Dauerausstellung um DIZ Torgau: NS-Militärjustiz, Militärhaft und DDR-Jugendgefängnis

Werner Lueben, Generalstabsrichter am Reichskriegsgericht. (Repro: Ingo Sahling)

von Silke Kasten

Torgau. Die neue Dauerausstellung im Dokumentations- und Informationszentrum Torgau (DIZ) rückt NS-Militärjustiz und -haft sowie das DDR-Jugendgefängnis ins Zentrum. Die Präsentation wird verschlankt und multimedial ergänzt. Die Eröffnung ist 2023 geplant.

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Torgau Die lange und wechselvolle Geschichte von Haft in Torgau weist zwei Besonderheiten auf - und diese sollen künftig im Zentrum der neuen Dauerstellung im DIZ stehen: Zum einen war Torgau ab 1943 nicht nur Sitz des Reichskriegsgerichts, sondern ein zentraler Ort für Militärjustiz und -haft während der NS-Zeit. Zum anderen ist das DIZ bundesweit die einzige Gedenkstätte, die sich mit einem DDR-Jugendgefängnis beschäftigt. Ziel ist es, mit der rundum erneuerten, zeitgemäßen und multimedial ergänzten Ausstellung nicht zuletzt Jüngere anzulocken, wie Projektleiterin Elisabeth Kohlhaas im Gespräch mit der TZ erläuterte.

Erst 2023 soll die Ausstellung eröffnet werden, doch die Vorbereitungen laufen seit Monaten auf Hochtouren. "Der Schwerpunkt wird auf der NS-Militärjustiz liegen", so Kohlhaas. Diese sei zugleich ein wesentlicher Teil des Verfolgungsapparates in den besetzten europäischen Gebieten gewesen: "Kein anderer Ort hatte diesbezüglich eine so große Bedeutung wie Torgau." Neue Forschungsergebnisse sollen in die neue Dauerausstellung einfließen.

Darum wird es im wesentlichen gehen:

Im August 1943 wurde das Reichskriegsgericht, der oberste Militärgerichtshof in Nazi-Deutschland, von Berlin nach Torgau verlegt. Dort wurden auch Fälle von Hochverrat, Spionage sowie politisch und religiös begründetem Widerstand gegen den Krieg (Wehrkraft-Zersetzung) verhandelt. Zu den Verurteilten zählten neben deutschen Wehrmachtsangehörigen auch Zwangsrekrutierte aus besetzten Ländern. Sie wurden verurteilt, weil sie nicht für Hitler in den Krieg ziehen wollten, darunter Luxemburger, Belgier, Franzosen und Polen. Hinzu kamen Widerstandskämpfer, darunter viele Zivilisten sowie alliierte Kriegsgefangene, die Widerstand leisteten.

In der Zietenkaserne residierte das Reichskriegsgericht. Das Gebäude existiert inzwischen nicht mehr. (DIZ)

Als Wehrmachtgefängnisse spielen das Fort Zinna und der Brückenkopf eine zentrale Rolle. 1938/39 wurde Fort Zinna zum größten Wehrmachtgefängnis des Deutschen Reiches ausgebaut, der Brückenkopf wurde 1939 zur Haftstätte ausgebaut. Am häufigsten verurteilten Militärgerichte Soldaten wegen Fahnenflucht, militärischen Diebstahls, Wachverfehlung und Ungehorsam. Zugleich dienten beide Haftanstalten als Untersuchungsgefängnisse.

Im Zuge des Kriegsverlaufs verlagerte man die Strafvollstreckung zunehmend von der Heimat in Richtung der Front. Fort Zinna wurde zum zentralen Durchgangsgefängnis auf dem Weg zur Bewährungstruppe. Dies betraf verurteilte Soldaten, deren Strafen zum Zweck der Frontbewährung ausgesetzt wurden. Sie kamen an den gefährlichsten Frontabschnitten zum Einsatz. Unzählige Häftlinge starben dort.

Von Torgau aus wurden Verurteilte auch in Feldstraflager geschickt. Dabei handelte es sich um Gefangene, die als unerziehbar galten und die man deshalb von den kämpfenden Truppen fernhalten wollte. Ihre Gefängnisstrafen wurden oft im frontnahen Bereich vollstreckt. Unter extrem widrigen Lebens- und Arbeitsbedingungen verloren viele dabei ihr Leben.

In Torgau befand sich zwischen 1948 und 1975 auch eine Jugendhaftanstalt, euphemistisch Jugendhaus genannt. Diese war zunächst im Haftgebäude Fischerdörfchen und ab 1963 in der Strafvollzugsanstalt Fort Zinna untergebracht. Die Insassen dort waren Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, die meist zu Strafen zwischen einem und drei Jahren verurteilt wurden. Die Jugendhaftanstalt ist nicht zu verwechseln mit dem Geschlossenen Jugendwerkhof, der später im Fischerdörfchen eingerichtet wurde.

Nicht nur die thematischen Schwerpunkte der Ausstellung werden sich verschieben, sondern auch die Art der Präsentation sowie die Perspektiven. "Wir werden Einzelschicksale darstellen, aber die Erzählungen verschlanken", erläutert Kohlhaas.

So kündigt sie an, dass man künftig verstärkt den Blick auf die Täter richten wird. "Wir werden uns zum Beispiel die Lebensläufe von NS-Richtern und Gefängnis-Kommandanten genauer anschauen." Dabei gehe es auch um die Frage, was aus ihnen nach dem Systemwechsel wurde.

Desgleichen gelte für die Opfer. Es sollen exemplarisch die Schicksale Betroffener aus ihrer jeweiligen Perspektive geschildert werden. "Dabei werden wir auch der Frage nachgehen, wie es ihnen nach dem Systemwechsel ergangen ist und ob sie später rehabilitiert wurden", so Kohlhaas. Schließlich geht es auch um die Nachfahren der Opfer. Forschungen belegen, dass extrem leidvolle Erfahrungen auch noch Auswirkungen auf die Generation der Kinder und Enkel haben.

Ein weiterer Schwerpunkt sei Justizunrecht in der Gegenwart. Als Beispiele nennt Kohlhaas China, Russland oder die Türkei. Damals wie heute ginge es um Erfahrungen der Ausgrenzung, der Diskriminierung und Unterdrückung bestimmter Gruppen. Kohlhaas: "Wir wollen als Lernort einen Beitrag dazu leisten, die Besucher für diese Themen zu sensibilisieren."

Kommentar Seite 13

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