Dienstag, 30. August 2022

Beilroder lassen Graditzer Wahrzeichen nachentstehen

Andreas und Karsten Winkelmann vor ihrem Teehäuschen in Beilrode. Mittlerweile ein beliebtes Fotomotiv im Ort. (Nico Wendt)

von Nico Wendt

Karsten und Andreas Winkelmann sind Barock-Fans und haben beim berühmten Zwinger- Architekten Pöppelmann abgekupfert. Jetzt gibt es auch in Beilrode ein Teehäuschen. Wie es dazu kam, lesen Sie

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Beilrode "Wie oft sind wir mit unseren Freunden nach Graditz gezottelt." Karsten und Andreas Winkelmann schmunzeln, wenn sie daran zurückdenken. Wer zu Besuch kam, musste erstmal zur Besichtigung ins Nachbardorf. Nicht nur die Pferde im Gestüt fanden beide schon immer toll. Es sind vor allem die barocken Bauten. Das Schloss, die liebevoll angelegten Ställe und Seitenflügel - besonders aber das Teehäuschen im Park dahinter.

Ein Traum

Jahre später haben sich die Beilroder einen unglaublichen Traum erfüllt. Auf ihrem Grundstück in der Ernst-Thälmann-Straße steht nun ein originaler Nachbau des Pöppelmann-Werkes. Der berühmte Architekt aus dem 17. Jahrhundert wäre bestimmt stolz auf die zwei. Dabei hätten Karsten und Andreas Winkelmann anfangs wohl selbst nicht geglaubt, welche Blüten ihre Begeisterung zum Barock und zum Rokoko mal treiben wird. Die Stilrichtungen und Epochen der Vergangenheit sind von Prunk und Pracht geprägt. Und das Paar macht aus seiner Schlösser-Liebe keinen Hehl. Aber etwas in Beilrode nachbauen - das klingt nicht nur reichlich verrückt, es kostet auch.

Kaum Unterschiede

"Ganz klar. Wenn wir die Schluss-Rechnung gleich gesehen hätten, wären wir wahrscheinlich nie drauf eingegangen. Wir haben eben drauf los gebaut und versucht, so viel wie möglich alleine und mit der Unterstützung von Freunden zu bewerkstelligen." Dabei entwickelten alle Beteiligten einen enormen Ehrgeiz. Wer beide Gebäude heute vergleicht, wird kaum Unterschiede feststellen. Außer vielleicht, dass das Graditzer Original alleine im Freien steht und das Beilroder Teehäuschen als Anbau daher kommt. Würde man nachmessen, käme man noch auf einen Unterschied in der Höhe von etwa 50 Zentimetern.

 

Original (l.) und Nachbau. (Nico Wendt)

 

Dafür ist der Nachbau passend und stilvoll eingerichtet. In dem kleinen Trauzimmer darf seit Kurzem sogar geheiratet werden. Hierzu gab es die behördliche Genehmigung. Wieder müssen Karsten und Andreas Winkelmann köstlich lachen. Denn zu Beginn wollten sie eigentlich nur einen simplen Hühnerstall errichten. "Wir hatten von der alten Scheune eine Giebelwand weggerissen und die Tiere brauchten einen neuen Unterschlupf, weil dort der Stall dran klebte. Wir haben dann überlegt, wie der aussehen könnte", erklärt Andreas und Karsten ergänzt: "Das Graditzer Teehäuschen hat uns so gut gefallen..."

Barock-Liebe

Schon bei der Erstellung des Ersatz-Giebels kam ihre Barock-Liebe zum Tragen. Der befreundete Maurermeister Ingo Steinhäußer aus Dresden setzte die anspruchsvollen Ideen um. So fanden an der Wand Verzierungen und Elemente Platz, wie sie vor 300 Jahren typisch waren. Eine Fassade von Schloss Kranichstein galt als Vorbild. Beim Teehäuschen-Projekt mühte sich Andreas als gelernter Grafiker ein halbes Jahr mit Zeichnungen und Entwürfen. Gefühlt 100 Mal fuhr der gebürtige Thüringer mit Zollstock und Messlatte nach Graditz. Eigentlich wollte er den Pöppelmann-Bau auch mindestens ein oder zwei Nummern kleiner. Aber das klappte irgendwie nicht. Schließlich reichte der 55-Jährige den Auftrag an Architekt Klaus Kummer weiter. Der ehemalige Beilroder Bauamtsleiter ist Nachbar und zählt zum Freundeskreis. "Mit ihm haben wir den besten Bauzeichner zur Seite", loben die zwei. Der Ruheständler ließ nicht nur seine fachlichen Erfahrungen einfließen, sondern goss auch alles in genehmigungsfähige Form.

Schritt für Schritt

So ging es an die Umsetzung. Schritt für Schritt, von Herausforderung zu Herausforderung und ohne Termindruck. Bei der Treppe kam Postaer Sandstein mit dem typisch gelblichen Farbton zum Einsatz. Steinmetz Starke aus Löhsten und dessen Tochter zeigten ihr Können. Als ganz besonders knifflig erwies sich die Dachkonstruktion. "Wir hatten sogar bei der Gestütsverwaltung die Erlaubnis eingeholt, mittels Leiter und über ein Fenster genau nachmessen zu dürfen", lächelt Karsten. Sicher sah es für Graditzer Besucher komisch aus, als die Beilroder mit ihrer Technik anrückten. Die beiden bewiesen, dass sie zupacken können und handwerkliches Geschick besitzen: Das Fundament wurde nach Anleitung selbst geschachtet und gegossen. Allein die schweren Fensterbögen per Hand nach oben zu bugsieren, erforderte viel Kraft und Ausdauer. Motiviert zeigten sich auch beteiligte Firmen. Sie hatten die Gelegenheit, alte Handwerkskunst zu demonstrieren. So entstand ein zweites Graditzer Meisterwerk. Etwas höher nur deshalb, damit die Dachrinne zum Nebengebäude passt.

Beliebtes Fotomotiv

"Es ist unser Hobby und unsere Leidenschaft. Andere kaufen sich teure Autos, wir stecken unser Geld in Ockerts Hof", sagt Karsten. Der 41-Jährige hatte den Dreiseithof, dessen Historie sich bis 1850 zurückverfolgen lässt, vor 15 Jahren von seiner Oma Anneliese übernommen. Die Großmutter würde sicher staunen, was ihr Enkel und dessen Ehemann aus dem bäuerlichen Anwesen gemacht haben. Erst zu Monatsbeginn war hier die erste Beilroder Hochzeit nach 50 Jahren wieder möglich. Dabei bot sich vor allem das Teehäuschen als beliebtes Foto-Motiv an. Selbst wenn es so aussieht: Unter Denkmalschutz wird das Plagiat nicht gestellt. Auch aus rechtlicher Sicht gibt es bei einem Nachbau nichts einzuwenden. Für das Mobilar suchten Karsten und Andreas Winkelmann Antikhändler und Trödelmärkte auf oder kauften bei Ebay ein. Traurig sind am Ende womöglich nur die Hühner. Denn die mussten sich zwischenzeitlich mit einem Ausweich-Quartier anfreunden.

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