Mittwoch, 7. September 2022

Wenn Bits und Bytes übern Acker bei Köllitsch rasen

Dorothée Landauer vor einem in Köllitsch stationierten Feldroboter. (Christian Wendt)Foto: Christian Wendt

Die Digitalisierung greift immer weiter um sich. Von vielen unbemerkt hat die Landwirtschaft dabei eine Vorreiterrolle eingenommen. Christian Wendt hat sich im Köllitscher Lehr- und Versuchsgut einmal umgeschaut, wie weit die Digitalisierung hier vorangeschritten ist. Dort traf er Dorothée Landauer.

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Köllitsch Das Aussehen ist angesichts einer Masse von stolzen sechs Tonnen noch entsprechend klobig. Aber das, was hier für einen weiteren Testlauf auf einem abgeernteten Acker des Köllitscher Lehr- und Versuchsguts startklar gemacht wird, ist Hightech in der Erprobungsphase.

Julian Hagert und Martin Hengst von der Technischen Universität Dresden sowie Kurt Entenschläger und Holger Fichtl vom Fraunhofer-IVI-Institut sitzen an ihren Laptops. Vor ihnen ist auf einem Wasserkasten eine sendestarke WLAN-Antenne in Position gebracht, deren Reichweite das gesamte Feld abdeckt. Über jene Antenne werden reichlich Datensätze an die Feldschwarmeinheit II geschickt, die sich kurze Zeit später autonom durch die schwere Elbaue grubbert.

Der selbstfahrende Prototyp ist gespickt mit modernster Sensorik und Datenverarbeitungstechnik. Ansonsten bedienten sich die Entwickler zunächst landwirtschaftlicher Stangenware. Frühestens in 5 bis 10 Jahren, so die Einschätzung, könnte dieser Prototyp einen kommerziellen Nachfolger erhalten.

Um den Messdaten der Feldschwarmeinheit II aktuelle Vergleichswerte wie beispielsweise Spurtreue oder Bodenbearbeitungstiefe während des Stoppelsturzes hinzufügen zu können, steht zusätzlich noch ein von der Einheit II aus gesteuerter Schlepper mit Grubber in der Spur. Jede noch so kleine Abweichung beider Meßreihen wird von den Wissenschaftlern festgehalten. Dazu zählen auch Versuche, die die Frage beantworten sollen, welche Auswirkung unterschiedliche Reifendrücke aufs Arbeitsergebnis haben. Mit der Erprobung jener Robotertechnik wollen die Wissenschaftler auch Rückschlüsse auf die Bodenverdichtung ziehen.

Um auf dem Köllitscher Acker die Flut digitaler Daten zu beherrschen, können sich die Wissenschaftler eines 5-G-Campusnetzes bedienen. Dieses wurde im Oktober 2021 offiziell in Betrieb genommen. Mit bis zu 500 MBit/s kommunizieren hier digitale Endgeräte miteinander. Das Campusnetz ist ein Teil des europaweit größten "Test- und Demonstrationsfeldes". Köllitsch ist nämlich Experimentier-, Erprobungs- und Demonstrationsbasis für zukunftsweisende Technologien und Echtzeitverfahren. Die Testregion umfasst dabei nicht nur Ostelbien, sondern schließt auch Betriebe im Bereich Nossen (Landkreis Meißen), Dürrweitzschen (Landkreis Leipzig), Lommatzsch (Kreis Meißen) und Wurzen (Landkreis Leipzig) ein.

Die Aktivitäten im Testfeld erstrecken sich von Ackerbau über Tierhaltung bis hin zu Obst- und Weinbau. Wissenschaft, Industrie und Landwirtschaft sollen darin ausprobieren können, welche Möglichkeiten die Digitalisierung bietet. Das reicht von der Datenverarbeitung beim Düngemitteleinsatz, über GPS-gestützten Herdenschutz bis hin zu autonom fahrenden Landmaschinen.

Das Team des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG), das sich als Schaltzentrale zwischen allen Beteiligten der digitalen landwirtschaftlichen Revolution begreift, besteht zur Zeit aus 10 Mitarbeitern. Dorothée Landauer (34) ist eine von ihnen. Ob Projekte im Pflanzenbau, der Tierhaltung oder im Daten-Management - Landauer koordiniert die einzelnen Fragestellungen und den Wissenstransfer in die Praxis. Ihrer Angabe zufolge war die Landwirtschaft schon immer ein Vorreiter in der Digitalisierung: "Ich denke nur an die Lenksysteme in den Zugmaschinen oder die Einführung von Management-Programmen in der Tierhaltung." Doch nun gehe es darum, sämtliche Ebenen miteinander zu verschmelzen und Landwirten dadurch einen enormen Mehrwert zu bieten. Je mehr Daten bisher noch unterschiedlichster Systeme zusammengefasst werden, desto größer sei jener Mehrwert für Managemententscheidungen im Betrieb. Stichworte sind beispielsweise der gezielte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oder auch die bedarfsgerechte Düngergabe. Ebenso könnten viel schneller noch als bislang Rückschlüsse auf die Tiergesundheit gezogen werden, wenn aktive oder passive Aktivitätssensoren im Milchrindbestand mit den Herdenmanagementdaten, Tierarztdaten und Klauenschneiderdaten zusammenfließen - ohne einen großen händischen Aufwand. Großer Wunsch der Agrar-Wissenschaftlerin ist der offene Datenaustausch. Bisher gebe es zwar in vielen Bereichen ausgefeilte Techniken, doch beschränkten sich diese bislang ausschließlich auf digitale Insellösungen.

 

Dorothée Landauer vor einem in Köllitsch stationierten Feldroboter. (Christian Wendt)

 

"In der Landwirtschaft gibt es keine Stiftung Warentest", sagt Landauer. Deswegen teste man in Köllitsch sehr gewissenhaft, ob eine von der Industrie erdachte Technik überhaupt praxistauglich sei. Bereits am 19. Mai stieß der erste Robotik-Tag im Lehr- und Versuchsgut auf ein großes Besucherinteresse. Vorgestellt wurden Möglichkeiten der automatischen Bodenbearbeitung, der Aussaat sowie der Beikrautregulierung. Letzteres sei insbesondere bei der Produktion von Bio-Zuckerrüben interessant. Auch die Vorstellung digitaler Systeme durch das Team des LfULG während der Landesgartenschau im Juli fand großen Zuspruch. Zuletzt war am 6. September im Lehr- und Versuchsgut ein Fachforum zur Kälberhaltung anberaumt. Hierbei spielten neue Technologien eine tragende Rolle.

Bei allen Vorteilen der Digitalisierung darf nach Ansicht Landauers jedoch eines nicht außer Acht gelassen werden: nämlich der Faktor Mensch. Zwar werde sich das Berufsbild des Land- oder beispielsweise auch Tierwirts künftig weiter verändern, doch Betriebe müssten immer genau abwägen, ob und welche technische Lösung der richtige Weg sei und wie die ohnehin schon geschrumpften Belegschaften an neue Technik heran geführt werden können.

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