Montag, 12. September 2022

Mordprozess am Landgericht Leipzig nach tödlichem Brand in Last: Tag der Brandermittler

Die Brandruine in Last zeugt noch immer von dem verheerenden Feuer, das auf der linken Seite im Scheunentrakt ausbrach. Die tödlichen Rauchwolken breiteten sich dann in das Obergeschoss des Wohntrakts aus (rechts), wo der Stiefsohn in seinem Zimmer verstarb. (Silke Kasten)

von Silke Kasten

Leipzig/ Beilrode. Im spannenden Indizienprozess nach dem tödlichen Brand in Last (Beilrode) sagten die Gutachter aus. Sie können die Entstehungsorte des Feuers gut lokalisieren - doch wer legte die Brände?

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Leipzig/Beilrode Es war der Tag der Brandermittler: Im Mordprozess am Landgericht Leipzig, bei dem sich Detlev B. wegen Mord und Brandstiftung verantworten muss, hatten die Spezialisten das Wort. Von ihrer Expertise wird es wesentlich abhängen, wie dieser spannende Indizienprozess ausgeht. Könnte das Opfer das Feuer selbst gelegt haben? Oder spricht mehr dafür, dass es doch der Angeklagte war?

Dem Angeklagten Detlev B. (72) wird zur Last gelegt, am 21. Juni 2020 gegen 11.30 Uhr aus Heimtücke und Habgier getötet zu haben, strafbar als Mord. In der Scheune seines Wohnhauses in Beilrode (Ortsteil Last) habe er mit Benzin ein Feuer gelegt, um die Versicherungssumme zu kassieren. Er habe dabei billigend in Kauf genommen, dass sein Stiefsohn Thomas Z. (46) starb. Grund sei, dass er für den gehbehinderten Sohn seiner Partnerin vor allem "Frust, Wut und Verärgerung" empfunden habe. Das Feuer war in der Scheune ausgebrochen und hatte sich rasch ausgebreitet, zeitgleich stand der Carport in Flammen. Thomas Z. konnte nur noch tot aus seinem Zimmer im ersten Stock geborgen werden. Der Sachschaden betrug 344 000 Euro.

Selbst für die erfahrenen Brandermittler ist dieser Fall kein alltäglicher. "So umfangreiche, schwierige Ermittlungen führen wir nicht alle Tage", sagt der Brand-Sachverständige Werner Rütz. Was in einem Fernseh-"Tatort" en passant für Spannung sorgt - ein Anruf der Kriminaltechnik hier, ein schnelles Ermittlungsergebnis per SMS dort -, das muss im wirklichen Leben in wochenlanger Fleißarbeit erarbeitet werden. Wie mühsam das ist, erwies sich an diesem zweiten Prozesstag.

Denn gebrannt hat es an jenem Unglückstag gleich an drei Stellen: In dem Stallgebäude, der ans Wohnhaus anschließt, im Carport, wo das Auto des Angeklagten komplett ausbrannte, und dann noch ein in der Nähe befindliches Strohlager. Zahlreiche Kriminaltechniker, Brandermittler und Hundeführer mit Brandmittel-Spürhunden waren danach im Einsatz, um Spuren zu finden und zu sichern.

Mit dabei ein wichtiges technisches Hilfsmittel: der Photoionisa- tionsdetektor (PID). Mit der High-Tech-Hilfe lassen sich auch kleinste Mengen brennbarer Flüssigkeiten im Brandschutt aufspüren, zum Beispiel Kraftstoffe, die als Brandbeschleuniger dienen. Ein weiteres wichtiges Utensil ist die Kamera, mit der winzigste Details am Brandort dokumentiert werden. Die Dokumentation dieses Tatorts umfasst allein 800 Fotos.

Der Angeklagte streitet es ab, die Brände selbst gelegt zu haben. Er behauptet, dass er an jenem Tag den Brand bemerkt habe, als er kurz vor die Tür trat. "Ich sah, wie schwarzer Rauch aus der Scheune trat", sagte er aus. Er habe dann die Scheunentür geöffnet, wo es bereits lichterloh gebrannt habe. Daraufhin habe er sich eine dort lagernde Decke geschnappt, um den Brand zu löschen. Mit dieser Decke sei er zu einem Wasserbehälter beim Carport gelaufen, um Löschwasser zu holen. Dort habe er eventuell einen Benzinkanister umgestoßen. "Es kam schlagartig zu einer Verpuffung", so Detlev B. Dabei habe er sich Verletzungen zugezogen.

Nach der neunstündigen Verhandlung, in der fünf Gutachter aussagten, ergaben sich folgende wichtige Erkenntnisse: Der Brand ist vermutlich in der Scheune durch Brandstiftung entstanden, wenige Meter hinter dem Tor. Dort erschnüffelten die Hunde Brandbeschleuniger, die sich im Labor als Otto-Kraftstoff bestätigten. Auch Kanister wurden dort entdeckt. Das Feuer habe sich über den Dachboden in den benachbarten Wohntrakt ausgebreitet, wo sich der Stiefsohn in seinem Zimmer befand.

Verteidiger Carsten Pagels brachte die Möglichkeit ins Spiel, dass Thomas Z. selbst den Brand in suizidaler Absicht selbst gelegt haben. So hätte sich neben seinem Bett ein geöffneter, teilweise gefüllter Benzinkanister befunden. Thomas Z. könnte, so das Szenario, eventuell durch ein vorhandenes Loch im Holzboden Benzin vom Dachboden ins Erdgeschoss des Scheune geschüttet haben.

Die Brandermittler hielten diese Version für abwegig - denn der Bereich, in dem das Feuer mit großer Sicherheit ausbrach, sei durch besagtes Loch in der Decke nicht erreichbar gewesen. Es sei wahrscheinlich, dass Thomas Z., der leblos in seinem Bett gefunden wurde, durch eine Rauchgasvergiftung gestorben war.

Auf die Frage, ob Thomas Z. den Brand hätte bemerken müssen, sagte Brandursachen-Gutachter Jan Köver vom Landeskriminalamt: "Es gibt sehr viele Brandopfer, die so eine Gefahr nicht mitbekommen, vor allem wenn sie schlafen. Ganz schnell sind sie dann fluchtunfähig und ersticken."

Köver rechnete vor, dass Detlev B. vermutlich genug Zeit gehabt hätte, seinen Stiefsohn zu retten. "Bis sich die tödlichen Rauchgase in den Wohnbereich ausbreiten konnten, müssen etwa 15 bis 20 Minuten vergangen sein. Das hätte ausgereicht, um zu Thomas Z. in den ersten Stock zu laufen." Stattdessen hätte der Angeklagte nach der Entdeckung des Feuers zusammen mit seiner Lebenspartnerin wichtige Ordner aus dem Wohnbereich geholt, die er dann in einem Schuppen in Sicherheit brachte.

Der zweite Brand im Carport sei vermutlich separat im unteren Bereich des Motorraums entstanden. Das laute Knallen, das Nachbarn hörten, sei wahrscheinlich auf platzende Reifen zurückzuführen. Es sei nahezu sicher, dass die Brände in Haus und Scheune nicht mit dem abgebrannten Auto und Carport zusammenhängen. Weitere wichtige Erkenntnis: "Es muss etwas ausgebracht worden sein, was das Fahrzeug entzündet hat", so der Dekra-Experte. "Ohne Fremdeinwirkung ist das nicht zu erklären." Die Strohballen seien vermutlich durch Funkenflug entflammt.

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