Dienstag, 13. September 2022

Sozialverband warnt: Explodierende Pflegeheimkosten führt zu Altersarmut

Durch die Lohnanpassungen in der Pflege steigen die monatlichen Kosten für die Heimbewohner. Das stellt Pflegebedürftige, Angehörige und Sozialämter vor große finanzielle Herausforderungen. (Jens Büttner)

von Laura Krugenberg

Durch die Lohnanpassungen in den Pflegeberufen sowie die Preissteigerungen für Unterbringung und Beköstigung steigen die monatlichen Kosten für Pflegebedürftige in stationären Einrichtungen seit September stark. Das Sozialamt in Torgau rechnet mit bis zu 800 Euro Mehrkosten. Das ist für viele nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine psychische Belastung.

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Torgau Seit dem 1. September müssen Pflegeheime ihren Pflegefach- und Hilfskräften mehr Lohn zahlen. Was für die Pflegenden eine lange geforderte Einkommensverbesserung bedeutet, hat für zahlreiche Pflegebedürftige den Gang zum Sozialamt zur Folge. Denn die stationären Einrichtungen geben die steigenden Kosten über die mit den Pflegekassen ausgehandelten Pflegesätzen an die Heimbewohner und -bewohnerinnen weiter. Das betrifft in Nordsachsen rund 2 600 Plätze, etwa 360 befinden sich davon in stationären Pflegeeinrichtungen in Torgau.

"Wir rechnen mit einer Erhöhung von mehreren hundert Euro, in Extremfällen von über 1000 Euro, die auf die zu Pflegenden zukommt", so Lars Müller, stellvertretender Landesvorsitzender des VdK Sachsen. Laut dem Sozialverband können die Lohnerhöhungen regional sehr unterschiedlich ausfallen: In Pflegeheimen mit Tarifvertrag gibt es die geringsten Lohnanpassungen. Einrichtung ohne Tarifvertrag müssen neuerdings in Anlehnung an das landesdurchschnittliche Entgeltniveau bezahlen - hier werden die Eigenanteile folglich stark steigen. "Wir begrüßen die Verbesserung der Vergütung für Pflegende sehr, aber ohne eine Reform der Finanzierung der Pflegeversicherung ist das für die Bewohner in stationären Einrichtungen eine extreme Belastung, die zu mehr Altersarmut führt", warnt der Sozialverband.

Denn die Pflegeversicherung trägt nicht die gesamten Heimkosten. Je nach Pflegegrad werden von der Pflegekasse zwischen 125 und 2005 Euro erstattet. Das deckt in den meisten Fällen aber nur einen Teil des Pflegesatzes, den Heime in Rechnung stellen. Hinzu kommen Kosten für Unterkunft, Verpflegung, Investitionen, Ausbildung und in manchen Fällen ein Demenzzuschlag. Das, was nicht von der Pflegekasse gedeckt wird, kommt im Eigenanteil zusammen, welcher von den Pflegebedürftigen selbst gezahlt werden muss.

Aktuell erhöhen sich fast überall neben dem Pflegesatz, in dem die höheren Löhne für die Pflegekräfte umgelegt werden, auch die Kosten für Unterkunft, Beköstigung und Investitionen. Bereits vor der Erhöhung lagen die monatlichen Rechnungen für Heimbewohner in Torgau bei bis zu 2000 Euro. Laut Landratsamt kann ab September nun mit einer monatlichen Erhöhung zwischen 500 und 800 gerechnet werden.

Reicht die Rente für die Deckung der Rechnung nicht aus, springen oftmals Verwandte ein und zahlen den fehlenden Betrag. Das ist dann der Fall, wenn auf keine Vermögen zurückgegriffen werden kann oder das Wohneigentum des im Heim gepflegten Familienmitglieds verkauft werden müsste. Angehörige können seit 2020 aber erst zur Kasse gebeten werden, wenn ihr Jahresbruttoeinkommen 100 000 Euro übersteigt.

In den kommenden Monaten erwartet das Sozialamt deshalb zahlreiche neue Anträgen auf "Hilfe zur Pflege", um die steigenden Heimkosten zu decken. 62 Erstanträge sind bereits in den letzten zwei Monaten eingegangen. Die kann beantragt werden, wenn mindestens Pflegegrad 2 vorliegt. Der sogenannte Selbstbehalt, sprich das, was Pflegebedürftige besitzen dürfen, um "Hilfe zur Pflege" beim Sozialamt zu beantragen, liegt bei 5000 Euro. Sozialdezernentin Heike Schmidt geht davon aus, dass die Flut der Neuanträge erst in den kommenden Monaten eingehen, da in den meisten Heimen eine Erhöhung ab September und Oktober angekündigt wurde.

Trotzdem sind die Auswirkungen im Landratsamt derzeit schon spürbar: "Die erhöhten Kosten belasten den Kreishaushalt bereits jetzt und werden diesen weiter enorm belasten." Laut Schmidt lässt sich das Ausmaß aber erst Anfang 2023 abschätzen, wenn Bewohner und Bewohnerinnen, die jetzt noch über Vermögen verfügen, dieses aufgebraucht haben und entsprechende Leistungen beantragen müssen.

Neben der finanziellen Belastung der Kommunen kann der Gang zum Sozialamt für die Betroffenen auch psychische Folgen haben, befürchtet der VdK Sachsen: "Wenn man ein erfülltes Arbeitsleben hatte und nie auf Sozialleistungen angewiesen war und plötzlich nicht mehr selbst für die eigene Unterbringen aufkommen kann, dann ist das für viele Betroffene einen unheimlichen Schlag und nur schwer zu verkraften", erklärt Lars Müller.

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