Dienstag, 13. September 2022

"Das DDR-Publikum war das beste"

Georg Frank (79) hat von der Terrasse seines Wohnwagens aus stets den besten Blick auf das Zirkuszelt und das angemietete Terrain. Ohne diesen Blick und ohne seinen Wohnwagen kann sich der Senior des Circus Arena kein Leben vorstellen. (Thomas Manthey)

von Thomas Manthey

Torgau. Der Circus Arena gastiert gegenwärtig in Torgau. Die TZ besuchte das Familienunternehmen in aller Frühe.

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Torgau "Kein Problem, kommen Sie einfach vorbei. Gern zeigen wir Ihnen unseren Zirkus", so die Frau von Zirkus-Direktor Markus Frank an der Telefonhotline von Circus Arena. Und Roswitha Frank schiebt nach "Nein, 8 Uhr ist okay. Wir sind da schon zugange."

Noch bis einschließlich kommenden Sonntag gastiert Circus Arena in Torgau. Sein Vier-Mast-Zelt hat das 27 Personen umfassende Familienunternehmen auf der neuen Festwiese im Gewerbegebiet Außenring aufgeschlagen. Die TZ besuchte die Franks am Montagmorgen, wollte Zirkusluft schnuppern.

Vater Georg Frank (79) und Sohn Markus (53) sind schon seit knapp zwei Stunde im Stallzelt und auf dem Gelände tätig. "Die Boxen säubern und frisch einstreuen, nach den Tieren schauen und füttern. Damit beginnt der Tag im Zirkus. Täglich, egal ob es regnet, schneit, egal ob Sonntag oder Feiertag ist", so Markus Frank, der den Termin mit der Torgauer Zeitung gern an seinen Vater abgibt. - "Sprich du mit der Zeitung, ich mache hier weiter."

Auffallend, wie freundlich, aufgeschlossen und ausgeglichen Vater und Sohn wirken. Und auch die vier Araber-Hengste, die Shetlandponys im Stallzelt wie auch die Kamele und die imposanten Watussirinder mit ihren dicken, langen Hörnern, die draußen vor dem Zelt friedlich grasen, wirken ausgeglichen. Nur die Hunde schlagen an, oder besser bellen im Chor, weil sie den Redakteur nicht kennen und halt wachsam sind, oder aber, weil sie denken, es geht gleich in die Manege. Nach drei Tagen Ruhepause setzt das Team um Direktor Markus Frank am morgigen Donnerstag sein Gastspiel fort, werden die Zuschauer mit einem freundlichen "Hereinspaziert" ins Innere des großen rot-weißen Zeltes eingeladen. Eingeladen zum Abschalten vom Alltag und einzutauchen in die Welt des Zirkus mit Tierdressuren, Artistik und Clownerie.

Gut zwei Stunden dauert das aktuelle Programm. Das Publikum wird prächtig unterhalten, vergisst dabei den Alltag mit all den Sorgen und taucht in eine andere Welt ab. "Wir haben eine Sitzplatz-Kapazität von knapp 700 Plätzen. Das Programm wird fast nur von unseren Familienmitgliedern gestaltet. Die müssen während der Aufführung die verschiedensten Aufgaben erledigen. Bei uns kann quasi jeder alles", so Georg Frank. Die jährliche Tour durch Deutschland umfasst 45 bis 50 Gastspielorte.

"Das Zirkuswesen im Osten Deutschlands hat eine lange Tradition. Hier im Osten ist das Publikum anders, wird der Zirkus ganz anderes wahr- und angenommen. Das DDR-Publikum war das beste, heute haben wir es schwer", so der 79-jährige Senior-Direktor, der das Unternehmen Mitte der 1990er-Jahre in die Hände seines Sohnes Markus übergab. Kein Wunder, stammen doch die meisten der in Deutschland tätigen gut 200 Zirkusunternehmen aus Ostdeutschland. Heutzutage sind diese zumeist reine Familienbetriebe. Im Circus Arena wirken fünf Familien mit knapp 30 Mitgliedern plus ein Gastartist aus Kuba mit.

Das Arena-Familienunternehmen wurde irgendwann im 18. Jahrhundert in Grabow (Ludwigslust) als Circus Frankello gegründet. Der Reisezirkus war bis 1985 in ganz Europa und Asien unterwegs; war und ist bekannt sowie beliebt.

Doch seit der Wende haben es die Zirkus-Unternehmen zunehmend schwerer. Einige mussten aufgeben, da die Einnahmen aus dem Gastspiel die laufenden Kosten nicht mehr deckten. Hilfskräfte aus dem Aus- und Inland gibt es kaum noch, Nachfragen betreffs eines Jobs als Helfer oder Fahrer im Zirkus sind heutzutage eher selten. Inzwischen arbeiten die meisten Zirkusse als reine Familienunternehmen. Hinzu kommen die explodierten Kosten für Werbung (je nach Region und Ort rund 1000 Euro), Platzmiete (1500 bis 2000 Euro) oder beispielsweise für den Elektriker (500 bis 1000 Euro), der vor Ort den Zirkus an das Stromnetz anschließt. "Dieses Geld musst du erst einmal einspielen", erklärt Frank senior. Und dann ist noch die Thematik Tiere inklusive Tierhaltung und Tierwohl. Bis vor wenigen Jahren zogen Zirkusunternehmen mit Elefanten, Bären, Löwen, Tigern und Affen durch die Landen und begeisterten bei ihren Auftritten. Auf der einen Seite ist die Haltung, Unterbringung und Versorgung dieser Tierarten zunehmend schwieriger geworden, ist inzwischen kaum noch finanzierbar. Und auf der anderen Seite gibt es vom Amt strenge wie teure Auflagen was die Haltung anbelangt. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass es organisierte und selbst ernannte Tierschützer den Zirkusleuten bei ihren Auftritten mancherorts schwer machen und bei ihren Protesten mitunter Grenzen überschreiten. "Alles ist anders geworden", so Frank senior.

Stirbt der Zirkus etwa aus?, wollte die TZ vom sympathischen Georg Frank wissen. "Nein, ich denke nicht. Es werden nach und nach weniger Unternehmen. Die Zirkusprogramme werden sich noch weiter ändern. Doch solange es Nachwuchs im Zirkus gibt und es Kinder sowie Eltern gibt, die uns besuchen, wird es Zirkus geben. Ja, klar, sind die Besucherzahlen stark zurückgegangen. Und auch in Torgau fehlt uns das Publikum. Doch wir vom Circus Arena werden überleben. Wir bleiben Optimisten", gibt sich der 79-Jährige zuversichtlich.

Eins steht fest und das wissen alle in der Branche: Zirkus braucht Tiernummern, sonst überlebt er nicht. "Zirkus ohne Tiere, das geht nicht!", so der 79-Jährige, der sich ein Leben ohne Zirkus partout nicht vorstellen kann.

Termine in Torgau - neue Festwiese: 15. 9. - 17 Uhr; 16. 9. - 16 Uhr und 19.30 Uhr; 17. 9. - 17 Uhr; 18. 9. - 11 Uhr; Tickets bestellbar unter Tel.: 0163 702876.

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