Mittwoch, 14. September 2022

Fachkräftemangel: Nordsachsen holt sich Leipziger Studenten ins Boot

Für Filmstudent Robert gehört zu einem guten Firmenporträt auch Detailaufnahmen aus der Produktion dazu. Die sollen nicht nur gut aussehen sondern auch das Interesse von jungen Menschen wecken. (Laura Krugenberg)

von Laura Krugenberg

Mit der Projektwoche "Workspace Torgau" will der Landkreis für Unternehmen in Torgau und der Region werben. Warum man dafür die Unterstützung von Studierenden aus Leipzig braucht, hat einen einfachen Grund.

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Torgau Wie erreichen Arbeitgeber Jugendliche und junge Leute? Über das Internet, genauer: über die sozialen Medien. Deshalb waren am Dienstag Studierende aus Leipzig, Freiberg und Riesa in den großen Firmen der Torgauer Glas-, Keramik- und Baustoffindustrie mit Kamera und Mikrofon unterwegs, um Unternehmensporträts zu erstellen, die auch das Interesse bei potenziellen Auszubildenden und jungen Fachkräften wecken.

Nordsachsen schrumpft

Der Landkreis Nordsachsen hat seit Jahren mit der Abwanderung von jungen Menschen und dem Fachkräftemangel in verschiedenen Branchen zu Kämpfen. Aus diesem Grund wurde 2018 die Fachkräfteallianz Nordsachsen ins Leben gerufen, die sich aus verschiedenen Partnern, Förderern und Projektträgern zusammensetzt. Laut dem aktuellen Handlungskonzept von 2020 rechnet der Landkreis bis 2030 mit einem Bevölkerungsrückgang von 3,9 Prozent. Stand 2018 ist Nordsachsen ohnehin schon der Landkreis mit der geringsten Bevölkerungsdichte im Freistaat. In Torgau ist die Prognose mit 6,5 Prozent sogar noch schlechter. In knapp acht Jahren soll demnach der Anteil der über 65-Jährigen in der Stadt bei rund 32 Prozent liegen. "Wesentliche demografische Merkmale des Landkreises sind ein stetiger Bevölkerungsrückgang, eine zunehmende Überalterung der Gesellschaft und ein Geburtendefizit von 30 Prozent", heißt es in dem Konzept. Ein Grund dafür sieht man unter anderem darin, dass Nordsachsen über keine Hochschulen verfügt. Jugendliche zieht es deshalb in die nahegelegenen Großstädte wie Leipzig und Dresden, um dort zu Studieren.

Um nicht nur die jungen Menschen, die eine Ausbildung anstreben in der Region zu halten, sondern auch Akademikerinnen und Hochschulabsolventen wieder zurückzulocken, starteten in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte. Eines davon die Initiative "A² Arbeitgeberattraktivität stärken - Akademische Fachkräfte gewinnen" des Projektträgers Zarof aus Leipzig.

Wie Fachkräfte gewinnen?

Die Geschäftsbereiche des Unternehmens umfassen unter anderem auch die Gewinnung- und Bindung von Fachkräften. "Da Torgau ein starker Wirtschaftsstandort der Glas-, Keramik- und Baustoffindustrie ist, entstand seitens der Wirtschaftsförderung der Stadt Torgau die Idee, diesen Standort für Studierende dieser Fachrichtungen interessant zu machen", erklärt Julia Nostitz von Zarof, die auch die aktuell stattfindende Projektwoche "Workspace Torgau" begleitet.

Blick in die Unternehmen

Ziel dabei ist es, Studierende, vorrangig aus Leipzig, mit Unternehmen aus der Glas- und Keramikindustrie zu verknüpfen und ihnen Einblicke hinter die Kulissen zu geben. Davon profitieren aber auch die sechs teilnehmenden Firmen Interpane, Reiling Glas, Torgauer Maschinenbau, Thiele Glas, Villeroy & Boch sowie Saint Gobain. Denn in der Projektwoche entstehen mehrere kleine Videoclips, die die Studierenden für die Internetauftritte der Unternehmen erstellen, und zwar zugeschnitten auf eine junge Zielgruppe, nicht aus der Sicht der Firmen, sondern aus der Perspektive der Studierenden.

"Wir hatten schon länger die Idee, über die sozialen Medien für unsere Ausbildungsberufe zu werben. Doch wenn man schon lange im Arbeitsleben steht, ist es schwer, die Perspektive von jungen Menschen einzunehmen, die erst kurz vor dem Einstieg stehen", erklärt Villeroy & Boch Werksleiter Randolf Maaß.

Hinter den Kulissen von Villeroy & Boch Torgau: Studierende aus Leipzig erstellen zusammen mit den Auszubildenden ein kurzes Filmporträt des Unternehmens für die Sozialen Medien.Laura Krugenberg

Jeweils in Zweierteams waren die Studierenden am Dienstag im Schnitt fast drei Stunden in jedem Unternehmen. Darunter auch Kim Leidecker und Robert Vogel. Sie nutzten die Chance, um nicht nur Einblicke in Unternehmen zu bekommen, sondern auch Arbeitserfahrungen zu sammeln: "Ich sehe das als gute berufliche Möglichkeit, hier mit großen Firmen in Kontakt zu kommen. Visuell ist es für mich hinter der Kamera auch sehr spannend, in den Werken Bilder von der Produktion einzufangen", erklärt der Filmstudent. Seine Team-Kollegin Kim studiert Germanistik. Durch einen Werkstudentenjob wurde ihr Interesse an Marketing und Öffentlichkeitsarbeit geweckt: "Solche Projekte machen mir sehr viel Spaß. Sich dafür einzusetzen, dass junge Menschen ein Bild von verschiedenen Berufen in Industrie und Handel bekommen, ist unheimlich wichtig. Denn viele haben oft keine Ahnung, was sich hinter bestimmten Berufsausbildungen versteckt."

Alte Bilder in den Köpfen

Das ist das Problem bei Villeroy & Boch, weiß Werksleiter Maaß: "Viele denken bei Keramik automatisch ans Töpfern. Wir sind aber ein modernisierter Betrieb. Das alte Bild in den Köpfen ist nicht mehr zeitgemäß, das wollen wir ändern." Vor der Kamera standen deshalb die Auszubildenden, die die Arbeit im Werk aus ihrer Perspektive schilderten. Bevor der 19-jährige Robin Rohrbach durch Ferienarbeit das erste Mal Einblicke in die Arbeitsabläufe von Villeroy & Boch in Torgau bekam, wusste auch er nicht viel mit dem Unternehmen und dem Ausbildungsberuf Industriekeramiker anzufangen. Aktuell befindet er sich im dritten Lehrjahr zum Anlagentechniker, eine der vier Spezialisierungsrichtungen.

Moderne Technik im Einsatz

Ähnlich ging es auch der 17-jährigen Angelina Linke, die am Dienstag ihren ersten Ausbildungstag als Modelltechnikerin hatte. "Ich hatte ein grobes Bild und wusste auch, was hier produziert wird. Als ich die Ferienarbeit begann, war ich überrascht, wie viele Roboter hier im Einsatz sind und wie viel Arbeit die Technik dabei übernimmt."

Für Azubi Steven Zabel ist es das erste Mal vor der Kamera. Doch nach nur einem Take war Kim Leidecker mit der Aufnahme zufrieden.Laura Krugenberg

Neben Interviews wurden auch sogenannte "Eyecandys" aufgenommen, also optisch ansprechende Bilder, die in der Flut von Bildern und Videos in den sozialen Medien dazu animieren, kurz haltzumachen.

Ob das den Studierenden gelungen ist, zeigt sich erstmals am Freitag. Denn da werden auf Schloss Hartenfels die Ergebnisse der Projektwoche "Workspace Torgau" geladenen Gästen präsentiert.

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