Donnerstag, 15. September 2022

"Unsicherheit über eigene Zukunft bewirkt oft gewissen Fatalismus"

Diplom-Pädagoge Tobias Kühn vom Evangelischen Diakoniewerk Oschatz-Torgau gGmbH: „Menschen können vom Konsum wegkommen. Doch sie müssen wachsamer sein als andere. Denn die Sucht wird ihr steter Begleiter sein.“

Von unserem Redakteur Jochen Reitstätter

Tobias Kühn ist mit weiteren Kollegen als Mitarbeiter des Diakoniewerks auch für Suchtprävention und -beratung zuständig

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Das Evangelische Diakoniewerk Oschatz-Torgau gGmbH ist unter anderem anerkannte Suchtberatungs- und Suchtbehandlungsstelle. Gerade in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche und Unsicherheiten bietet die Beratungsstelle ein offenes Ohr und qualifizierte Hilfestellung für Menschen mit Suchtproblemen aller Art. Was die Beratungsstelle leistet und wie sich die Situation in den vergangenen Jahren verändert hat, fragten wir den Diplom-Pädagogen und angehenden Systemischen Therapeuten Tobias Kühn, der mit weiteren Kollegen als Mitarbeiter des Diakoniewerks auch für die Suchtprävention und -beratung des Landkreises Nordsachsen zuständig ist.

SWB: Gesellschaftliche Probleme zeigen sich oft bei Menschen „am Rande der Gesellschaft“ noch stärker, zum Beispiel bei Drogenabhängigen. Welche Probleme haben die Ratsuchenden vor allem?

Tobias Kühn: Fälle mit reiner Alkoholproblematik halten sich gefühlt ungefähr die Waage mit Fällen in Verbindung mit illegalisierten Substanzen – allen voran Crystal und Cannabinoiden. Fast alle Klienten und Klientinnen konsumieren Alkohol. Unter ihnen finden sich zudem kaum Nichtraucher. Speziell mit dem Rauchen geht in der Regel kein Veränderungswunsch einher. Ziel unserer Beratung ist neben Konsumreduktion oder Abstinenzstabilisierung die Überführung der Betroffenen in weiterführende Hilfen. Das kann die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe sein, ebenso aber auch als erster Schritt eine qualifizierte Entgiftung oder eine Entwöhnungstherapie, während derer sie lernen können, mit „ihrer“ Sucht umzugehen. Dabei ist die Motivation, Suchtberatung wahrzunehmen, häufig „fremdbestimmt“. Beispiele hierfür sind gerichtliche Auflagen, Sorgerechtsstreitigkeiten oder Hinweise des Arbeitsamts.

„Multiple Problemlagen verschärfen die Situation vieler“

Gesellschaftliche Faktoren, welche den Konsum oder die Entwicklung einer Sucht beeinflussen, sind zum Beispiel Phasen des Übergangs von einer Lebenssituation in eine andere, soziale oder wirtschaftliche Problemlagen sowie damit zusammenhängend oder auch generell Zukunftsängste oder das Gefühl der Unsicherheit und Perspektivlosigkeit. Besonders im Lichte der herrschenden weltpolitischen Situation empfinden mehr Menschen als früher für sich unklare Perspektiven. Hinter dem Substanzkonsum kann als eine vieler Ursachen der unbewusste Versuch der Selbst-Behandlung von unerkannten Symptomen dahinterliegender Erkrankungen oder seelischer Missstände liegen. Beispiele hierfür sind der Versuch der Bewältigung von Trauer, Einsamkeit, Depressionen oder auch psychische Erkrankungen. Im Herbst steigen die Fallzahlen dann aus bekannten Gründen oft an.

Die Corona-Pandemie hatte und hat auf die Gesellschaft als Ganzes enorme Auswirkungen gezeigt, finanziell-wirtschaftlich wie auch psychologisch, Stichwort Einsamkeit, Ängste oder Zukunftssorgen. Welche Erfahrungen haben Sie als Beratungsstelle gemacht?

Die soziale Isolation und der Wegfall alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten haben den Menschen im Landkreis zugesetzt. Für einige unserer Klientinnen und Klienten war dieser Umstand eine der Ursachen für ein Abrutschen von gegebenenfalls vorher riskantem Konsum in eine Sucht.

Suchtberatungsstellen fast durchgängig besetzt während der Corona-Pandemie

Die Suchtberatungsstellen der Diakonie Oschatz-Torgau waren neben einigen Tagen größter Unsicherheit ganz zu Beginn der Pandemie jedoch durchgehend besetzt und persönlich erreichbar. Darüber hinausgehend existieren nun erweiterte Möglichkeiten der Telefon- und Onlineberatung, welche ohne persönlichen Kontakt auskommt. Ganz sicher haben die Einschränkungen hinsichtlich sozialer Kontakte und einrichtungsinterne Pandemiekontrollregelungen zu längeren Wartezeiten hinsichtlich einer therapeutisch-medizinischen Suchtbehandlung geführt. Einen größeren Einfluss auf das Problemempfinden vulnerabler Gruppen hat heute jedoch meiner Einschätzung nach definitiv die als sich massiv verschärfend angesehene allgemeine (besonders wirtschaftliche) Situation der Menschen im Landkreis. In Verbindung mit großen Unsicherheiten hinsichtlich der eigenen Zukunft ist ein gewisser Fatalismus zu beobachten.

„Lange Wartezeiten für einen Therapieplatz“

Derzeit überwiegt genau diese Begründung stets, wenn es darum geht, „schnell“ einen Therapieplatz zu ergattern. Wartezeiten von nicht unter einem halben Jahr sind auch in Zeiten gelockerter „Pandemie-Regeln“ keine Seltenheit mehr.

Wie verändern sich die Hilfsmöglichkeiten für die Betroffenen?
Auf die Pandemiesituation haben sich alle Beteiligten weitgehend eingestellt. Sofern die geltenden Regelungen es erfordern, werden regelmäßig Corona-Schnelltests durchgeführt. Sollten sich die Regelungen im Herbst weiter verschärfen, wird das den Ablauf voraussichtlich nur wenig stören. Wir sind sehr gut auf alle Änderungen vorbereitet.

Wie sind die langfristigen Erfolgschancen, von der Sucht wegzukommen?
Suchterkrankungen, egal ob substanzbezogen oder zum Beispiel auch eine Spielsucht, sind in der Regel als „unheilbar“ anzusehen. Von der Sucht wegkommen kann also für die allermeisten Menschen nur bedeuten, zu lernen, mit dieser zu leben. Menschen können vom Konsum wegkommen – also „trocken“, „clean“, „abstinent“ leben. Sie müssen jedoch zeit ihres Lebens stets wachsamer sein als andere. Ein genussvoller Konsum „ihrer“ Substanz ist ihnen nicht mehr möglich. Auch nach vielen Jahren noch kann Gedankenlosigkeit, Neugier (ob es vielleicht doch geht?), Selbstüberschätzung oder eine als anders nicht zu bewältigend eingeschätzte Situation einen erneuten Rückfall in süchtigen Konsum auslösen.

„Die Sucht wird ständiger Begleiter sein“
Diese nicht wegzudiskutierende Realität hat schon vielen Süchtigen sprichwörtlich „das Genick gebrochen“. Das ist keine Charakterschwäche, sondern ein Symptom dieser Krankheit.

Wird dieser Umstand erkannt und stehen süchtigen Menschen funktionierende Bewältigungsmechanismen zur Verfügung – diese werden oft im Rahmen einer Entwöhnungstherapie erlernt –, stehen die Chancen gut, dass sie für lange Zeit suchtmittelfrei leben können. Die Sucht wird jedoch ihr steter Begleiter sein.

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