Donnerstag, 15. September 2022

Torgau: Schlösser, Schilder und Hightech bei HIT Holz, die Leben retten

Blick in die Halle bei HIT Holz, in der Paletten produziert werden. (Silke Kasten)

von Silke Kasten

Torgau. Zehn Millionen Euro hat HIT Holz, die größte holzverarbeitende Firma in Nordsachsen, nach turbulenten und unfallträchtigen Zeiten in die Arbeitssicherheit investiert. Silke Kasten hat sich in dem Unternehmen umgeschaut.

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Torgau Anwohner hörten es am Tatütata der Feuerwehrfahrzeuge, die Richtung HIT Holz düsten, dass es dort mal wieder brannte - damals, als das Unternehmen auch in vielerlei anderer Hinsicht negative Schlagzeilen produzierte. Doch die Zeiten der häufigen Alarmierungen sind vorbei. "Wir haben seit 2018 rund zehn Millionen Euro in die Arbeitssicherheit investiert", sagt Geschäftsführer Christian Pospiech, der HIT Holz wieder in gutes Fahrwasser führte. Die Zahl der Unfälle sei stark zurückgegangen.

"Brauchten Monate und Jahre"

"Als wir die Firma übernahmen, haben wir die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen", erinnert er sich. Gefühlte Jahrzehnte war das Unternehmen damals von den geltenden Arbeitsschutzstandards entfernt. Für alle schockierend dann der tödliche Arbeitsunfall im November 2019, als ein Slowake ums Leben kam (wir berichteten). "Gleich danach haben wir einen Krisenstab eingerichtet." Unter Mithilfe der neu eingestellten Beauftragten für Arbeitssicherheit, Claudia Reinhardt, begann das neue Führungsteam, das Chaos zu lichten und Schritt für Schritt neue Standards einzuführen. "Das geht ja nicht über Nacht", verdeutlicht Pospiech. "Für viele Maßnahmen brauchen wir Monate und Jahre." Inzwischen sorgt eine sieben Mitarbeiter zählende Abteilung für Arbeitssicherheit, Brandschutz und die technische Sicherheit der Anlagen.

Worum es genau geht, erweist sich bei einem Rundgang durch das weitläufige Firmengelände. Zwischen Holzstapeln, Lkw-Parkplätzen und Hallen breite Fahrwege, auf denen gigantische Bagger mit ihrer Holzfracht unterwegs sind. "Früher gab es hier keine Ordnung: Bagger, Gabelstapler und Laster fuhren kreuz und quer über das Gelände, dazwischen liefen Fußgänger hin und her." Unschwer vorstellbar, dass die Unfallgefahr dadurch stets hoch war. Heute sind Lauf- und Fahrwege getrennt, zum Beispiel durch Geländer, Schilder sowie farbliche Markierungen, und helle Strahler leuchten dunkle Ecken aus.

Entscheidend: Vorbildfunktion

Betritt man die Halle mit den großen, meterlangen Holzbearbeitungs-Maschinen, fällt sofort eine Wand mit roten Schlössern ins Auge. Sie sind die Essenz der neuen Sicherheitstechnik, die schwere Unfälle verhindern soll: Das LoTo-System (englisch: Lockout, Tagout). Es funktioniert kurz gesagt so: Betritt ein Arbeiter eine große Anlage, um diese zum Beispiel zu reinigen, hängt er ein Schloss vor die sicherheitsrelevante Bedienanlage. So wird verhindert, dass ein Maschinenführer aus Versehen eine Anlage startet, während sich noch Kollegen im Inneren befinden. Ein solches System hätte dem Slowaken vor knapp vier Jahren das Leben gerettet.

Schilder in Deutsch und Polnisch - die meistgesprochene Fremdsprache bei HIT Holz - mahnen die Mitarbeiter, das LoTo-System konsequent zu nutzen. "Die Sicherheitstechnik ist das eine", weiß Pospiech. "Das andere ist eine Frage der Sicherheits-Kultur in einem Unternehmen. Wir müssen allen Beschäftigten immer wieder klar machen, wie wichtig es ist, sich selbst zu schützen. Das ist fast die schwerste Aufgabe. Und alle Führungskräfte müssen die Regeln Tag für Tag vorleben, auf allen Ebenen."

Das ist leichter gesagt als getan. Neben den polnischen Mitarbeitern sind viele weitere Nationalitäten vertreten, die alles gut verstehen müssen. Und nicht wenige kommen aus Ländern, wo Arbeitsschutz ein Fremdwort ist. "Anfangs sind unsere Vorschriften für viele Mitarbeiter neu und befremdlich", so Reinhardt. "Aber wir merken auch: Wenn sie sehen, dass alle mitmachen, ziehen sie mit."

Brandgefahr früh erkennen

Eine weitere immerwährende Gefahrenquelle bei HIT Holz sind die Späne, die vor allem im Bereich der Sägemaschine alles mit einer feinen Staubschicht überziehen. Ein Funken, ein überhitztes Maschinenteil oder eine Zigarettenkippe reichen, um hier einen Brand zu entfachen. "Tatsächlich passierte das hier früher sehr oft", so Pospiech. Zu einer seiner ersten Maßnahmen zählte deshalb der Einbau moderner Brandmelde- und Sprinkleranlagen in den Hallen. "Sensoren reagieren punktgenau auf Hitze", erläutert er. "Entsteht ein Feuer oder droht dies, wird gezielt und örtlich beschränkt gelöscht. So wird nicht gleich die ganze Halle unter Wasser gesetzt."

Dem vorbeugenden Brandschutz dient auch eine fortlaufende Überwachung der technischen Anlagen - sowohl von Sicherheitsfachkräften bei Kontrollgängen als auch von Mitarbeitern an den Monitoren. "In unserem Online-Sägewerk können wir alles zentral steuern und Probleme sofort auf den Bildschirmen erkennen", so Pospiech.

Schließlich, nicht zu vergessen: Die vielen zusätzlich angebrachten Geländer, Zäune, Stege, Tore und Netze, die verhindern sollen, dass ein Mitarbeiter unbedacht in eine Anlage fällt oder stolpert. Passiert dies, wird es schnell lebensgefährlich. Denn an vielen Maschinen bewegen sich in hohem Tempo Bänder mit Stämmen oder Brettern. Schwerste Verletzungen drohen, wenn jemand dort hineingerät. "Früher war hier alles offen", verdeutlicht Pospiech. "Einige Arbeiter haben sich von Anlage zu Anlage bewegt, alles ohne Sicherheitsvorkehrungen."

Nicht zuletzt die Berufsgenossenschaft, die Feuerwehr, die Versicherung und die Landesdirektion sind erfreut darüber, dass diese Zeiten vorbei sind. "Wir sind mit allen in engem Austausch", berichtet Reinhardt, "und die Feuerwehr veranstaltet regelmäßig Übungen bei uns."

Kommt es zu einem Unfall, werde dieser inzwischen sofort gemeldet - auch das war zuvor nicht selbstverständlich. "Stoßen, Ausrutschen und Einklemmen zählen zu den häufigsten Unfallursachen", weiß die Arbeitsschutz-Expertin. Doch nicht nur jeder Vorfall werde unter die Lupe genommen. Ziel sei es, auch möglichst jeden Beinahe-Unfall zu erfassen und zu analysieren.

Das Plus an Prävention sei nicht nur für die Mitarbeiter entscheidend, sondern zahle sich letztendlich für alle aus. "Jeder Arbeitsunfall ist ja auch ein betriebswirtschaftliches Problem", weiß Pospiech.

"Käufer sieht: Probleme gelöst"

Die kanadische Firma Mercer International, die kürzlich HIT Holz übernommen hat, sei in puncto Arbeitsschutz noch weiter als die Torgauer. Pospiech ist deshalb überzeugt, dass die diesbezüglichen Standards steigen werden. Wie berichtet, war HIT Holz vor Kurzem für 270 Millionen Euro veräußert werden. Inzwischen haben die Kartellbehörden zugestimmt, sodass der Übernahme Anfang Oktober nichts mehr entgegensteht.

"Die Kanadier haben gesehen, dass wir die Probleme hier gelöst haben", sagt Pospiech nicht ohne Stolz. Mit dem Verkauf wird HIT Holz einer der größten Standorte in dem Konzern sein. Wie viele andere Firmen, befinden sich die Torgauer im ständigen Wettbewerb um gute Arbeits- und Nachwuchskräfte. Pospiech und Reinhardt wissen, dass es dabei nicht zuletzt auf den guten Ruf einer Firma ankommt. Und sie sind überzeugt: "Wir werden einen Sprung nach vorn machen."

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