Donnerstag, 15. September 2022

Torgau: Brandopfer war nach Unfall depressiv und antriebslos

Die Brandruine in Last (Gemeinde Beilrode). Oben rechts im Wohntrakt befand sich das Zimmer, in dem Thomas Z. am 21. Juni 2020 verbrannte. (Silke Kasten)

von Silke Kasten

Last/Leipzig. Der Stiefsohn des Angeklagten war zuletzt depressiv und antriebslos, berichten Zeugen. Hilfsangebote schlug er aus. Aber wollte er sich das Leben nehmen? Im Mordprozess am Landgericht Leipzig kamen erschreckende Details ans Licht.

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Leipzig/Beilrode Wer war der 46-jährige Thomas Z., der bei dem schrecklichen Brand am 21. Juni 2020 in Last (Beilrode) ums Leben kam? Diese Frage spielt in dem Prozess eine entscheidende Rolle. Denn die Verteidigung hält es für möglich, dass das spätere Opfer das Feuer in suizidaler Absicht selbst gelegt haben könnte. Beim Mordprozess am Landgericht Leipzig, wo sich der Stiefvater von Thomas Z. wegen Mordes und Brandstiftung verantworten muss, standen jetzt Zeugen Rede und Antwort.

Der behandelnde Hausarzt Wolfgang F. (Name geändert) schilderte, dass Thomas Z. an drei schweren Erkrankungen litt. "Er war multimorbid", so der Mediziner. Trotzdem habe er es wenn möglich vermieten, ihn selbst oder auch andere Fachärzte aufzusuchen: "Aber er war ein ausgeprägter Ärzte-, Behandlungs- und Diagnostik-Verweigerer."

Thomas Z. hatte im März 2010 einen schweren Arbeitsunfall erlitten: Der Lkw-Fahrer war damals aus großer Meter Höhe auf Rücken und Hinterkopf gefallen. Dabei erlitt er ein Schädel-Hirn-Trauma zweiten Grades, das zu ständigen Kopfschmerzen führte. Zudem war er seitdem gehbehindert.

Schlimmer noch, so Wolfgang Z., sei aber der schwere Herzfehler gewesen. "Die Herzinsuffizienz war gravierend. Thomas Z. konnte sich in der Häuslichkeit sicher bewegen, aber schon das Treppensteigen fiel ihm sicher schwer." Den dringenden Rat der Kardiologen, sich operieren zu lassen, habe er aber ignoriert.

Seit 2020 wurde alles schlimmer

Hinzu kam die Gehbehinderung, wobei bislang unklar ist, wie gravierend sich diese auswirkte. Der Angeklagte Detlev B. sagte aus, dass Thomas Z. "immer ein bisschen ein Schauspieler" gewesen sei: "Wenn jemand guckte, hat er stark gehumpelt. Aber wenn nicht, konnte er sich ganz gut bewegen." Seine Mutter, Barbara Z. berichtete: "Er hatte Gehhilfen, und seit 2020 wurde alles schlimmer. Seine Knie waren kaputt und das Herz auch, aber er wollte sich nicht helfen lassen." Sie selbst habe immer wieder versucht, ihn dazu zu überreden, sich ärztlich behandeln zu lassen. Es habe aber alles nichts genützt, er habe alle Ratschläge abgeblockt. "Man konnte auch nicht alles glauben, was er gesagt hat," fügte sie hinzu.

Aus den Zeugenaussagen ergibt sich bezüglich der Bewegungseinschränkungen bislang ein unklares Bild. Offenbar hatte Thomas Z. es bis zum Schluss geschafft, die Treppen zu seinem Zimmer mit Krücken - oder manchmal wohl auch ohne - auf- und abzusteigen.

Die Frage, inwieweit sich die Gehbehinderung auswirkte, spielt als Indiz eine wichtige Rolle. Denn wenn Thomas Z. als Brandstifter selbst infrage käme, müsste er sich zuvor auf dem Hof und im Haus relativ zügig und geräuscharm bewegt haben. Weder Barbara Z. noch Detlev B. wollen aber den großen und korpulenten Thomas Z. an jenem Vormittag, als es brannte, im Treppenhaus gehört haben.

Aufgrund des hirnorganischen Psychosyndroms und der Herzinsuffizienz wurde Thomas Z. 2019 ein Grad der Behinderung von 40 Prozent zugesprochen. Eine Weiterbeschäftigung als Kraftfahrer, die er sich ursprünglich gewünscht hatte, verwehrte man ihm.

Mehr und mehr zurückgezogen

Thomas Z. fand für sich offenbar keinen Weg, mit der Situation umzugehen. Eine leichte Reizbarkeit, Misstrauen, Antriebslosigkeit und Einsamkeit diagnostizierten Gutachter damals, ebenso wie die mittelgradige Ausprägung einer Depression. Zuvor hatte bereits Z.s Mutter dem Gericht geschildert, wie sich diese daheim auswirkte: Ihr Sohn habe sich in den letzten Monaten vor seinem Tod mehr und mehr in sein Zimmer zurückgezogen, immer seltener an gemeinsamen Mahlzeiten teilgenommen und nur sehr sporadisch im Haushalt mitgeholfen. Bei Auseinandersetzungen mit ihr und Detlev B. habe er stur und jähzornig reagiert. Die Versuche, ihn zu mehr Ordnung und etwas Mithilfe zu überreden, seien deshalb meist gescheitert.

Statt dessen sei er zunehmend verwahrlost und habe seine Körperhygiene vernachlässigt. Nach dem Brand fanden die Ermittler im Zimmer Unmengen von Plasteflaschen, Behältnisse mit Essensresten, Haufen mit verschmutzter Wäsche, zahlreiche Feuerzeuge und jede Menge Müll und Unrat, so ein Kripobeamter, der damals vor Ort war. Eine Tür zu dem Raum, der sich ohne Tapeten und Fußbodenbelag quasi im Rohbauzustand befand, fehlte. Stattdessen gab es nur einen Vorhang - was Thomas Z. bei dem Brand vermutlich zum Verhängnis wurde. Denn er erstickte im Bett liegend an den giftigen Rauchgasen, die sich vom Stall aus in den angrenzenden Wohntrakt im ersten Stock ausbreiteten. Im Zimmer selbst hatte es nicht gebrannt, es war danach nur komplett verrußt.

Ob Thomas Z. gewusst hatte, wie es um seine Gesundheit bestellt sei, wollte der Vorsitzende Richter Jagenlauf wissen. "Es wurde ihm gesagt, dass seine Lebenserwartung gering sei, wenn er sich nicht behandeln lässt", erwiderte Wolfgang F. "Er wusste, wie es um ihn steht. Aber das war ihm offenbar egal." Könnte es sein, dass sich die mittelgradige Depression bei Thomas Z. am Ende verschlimmert habe?, hakte der Jurist nach. "Ja, das ist möglich", antwortete Wolfgang F. "Aus einer mittelgradigen kann auch eine schwere Depression werden." Ein weiteres Puzzleteil in diesem komplexen Mordprozess, der spannend bleibt.Fortsetzung folgt. Kommentar

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