Mittwoch, 21. September 2022

Torgau: Flachglas-Hersteller Saint-Gobain wappnet sich für harten Winter

Werkleiter Fabrice Abbott vor der Glaswanne, in der die Rohstoffe für die Glasproduktion – vor allem Sand, Soda, Kalk, recycelte Altglas-Scherben – geschmolzen werden. (Silke Kasten)

von Silke Kasten

Torgau. Neue Mischbefeuerung aus Öl und Gas soll bis zum Jahresende beim Flachglas-Produzenten Saint Gobain einsatzbereit sein, um sich gegen Gasengpässe zu wappnen. Ein Lichtblick inmitten der Energiekrise: Die Nachfrage nach Fensterglas, das wärmedämmende Eigenschaften hat, steigt

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Torgau Der Winter naht, die Nervosität steigt, gerade in energieintensiven Fabriken. Immerhin: Anders als bei der Jahrhundert-Flut 2002 gibt es eine Vorwarnzeit, und die nutzt man bei Saint-Gobain. "Wir bereiten eine Anlage zur Mischbefeuerung mit Gas und Öl vor", teilte Werkleiter Dr. Fabrice Abbott im Gespräch mit der TZ mit. Ziel sei, dass diese Anlage bis Ende des Jahres einsatzbereit ist.

Glasproduzenten zählen zu den Industriezweigen, die schmerzlich von der Gaspreisexplosion betroffen sind. Grund ist vor allem die "Glaswanne", die stets eine Temperatur von rund 1500 Grad benötigt. Sie ist sozusagen das Herzstück der Glasproduktion, denn in ihr werden die Rohstoffe geschmolzen. Und sie ist immens wertvoll: "Die Kosten für eine Neuerrichtung liegen im zweistelligen Millionen-Bereich."

Derzeit wird die Wanne allein mit Gas befeuert. "Ein plötzlicher Abfall der Temperaturen würde die Wanne zerstören", erläutert Abbott. "Deshalb hat ihre Sicherung bei uns die höchste Priorität."

Schon jetzt hat Saint-Gobain für den schlimmsten Fall, einen plötzlichen Stopp der Gas-Lieferungen, vorgesorgt. Das Konstrukt heißt "Hot Stopp" und bedeutet, dass im Notfall auf Ölbefeuerung umgestellt wird. "Wir benötigen dafür nur ein Drittel der Energie", verdeutlicht Abbott. "Die Rettung der Wanne wäre möglich. Allerdings könnten wir mit Öl allein nicht mehr produzieren."

Deshalb hofft er, dass die neue Mischbefeuerung wie geplant in etwa drei Monaten einsatzbereit ist: "Dann bin ich zuversichtlich, dass wir gut durch die Krise kommen." Allerdings sei es schwierig, die massiven Gaspreis-Steigerungen eins zu eins an die Kunden weiterzugeben. "Wir versuchen, die Kosten teilweise durch ein effizienteres Energiemanagement einzugrenzen. Aber natürlich kommen wir um Preiserhöhungen nicht herum", erläutert der Franzose, der das Torgauer Werk seit Juni 2021 leitet.

Saint-Gobain produziert in Torgau vor allem Fensterglas für die Baubranche. Aufgrund spezieller Beschichtungen kann dieses zusätzlich auch der Wärmedämmung und dem Sonnenschutz dienen - wobei die Art der Beschichtungen je nach Anforderung unterschiedlich aufwendig ist.

"Der Bedarf an energieeffizienten Fenstern ist derzeit groß", freut sich Abbott. Ein positiver Nebeneffekt der Klima- und Energiekrise, von dem Saint-Gobain profitiert. "Der Markt wächst im einstelligen Bereich. Das ist eine gute Entwicklung."

Derzeit beschäftigt das französische Unternehmen in Torgau 320 Mitarbeiter, davon einige Lehrlinge. Ein großer Teil der Produktion ist für den deutschen Markt bestimmt. Der Rest wird weltweit exportiert, unter anderem nach Nord- und Südamerika, nach Asien und Afrika.

Bei Fenstern, die der Wärmedämmung dienen, sind bei der Beschichtung bis zu 20 Produktionsschritte erforderlich. Das Faszinierende: Sie sehen trotz ihrer isolierenden Eigenschaften immer noch wie normales Fensterglas aus. "Das können nur gute Augen sehen", schmunzelt Abbott.

Die Sonnenschutz-Scheiben kommen nicht zuletzt in großen Bürotürmen zum Einsatz, unter anderem den Ländern des Mittleren Ostens und europäischen Metropolen. "Dabei handelt es sich um Produkte, die nur an ganz wenigen Orten dieser Welt produziert werden können." Derzeit sind die Torgauer zum Beispiel dabei, für drei große Büro-Türme in Tel Aviv Spezial-Gläser zu fertigen. Wer durch London, Amsterdam, Ontario (Kanada), Stockholm oder Warschau reist, wird vermutlich ebenfalls schimmernde Fassaden aus heimischer Fertigung erblicken.

Während diese Hightech-Produkte made in Torgau weltweit exportiert werden, gilt dies nicht für Standard-Fenster. "Da würde sich der Export kaum lohnen, die bleiben in Deutschland", so Abbott. Die Standard-Scheiben, die ab Werk geliefert werden, sind 6 x 3 Meter groß und werden dann vom Kunden nach Wunsch zugeschnitten, oft noch bei einem Zwischenhändler. Für besondere architektonische Anforderungen - etwa Gebäude mit runden Ecken - können die Fenster sogar nachträglich noch gebogen werden.

Ganz neu und innovativ ist übrigens das Glas "Oraé". Bei diesem wird der Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid während der Produktion um 40 Prozent reduziert.

In den Produktionshallen befindet sich neben der zentralen Glaswanne, in der Sand, Soda, Kalk und recycelte Altglas-Scherben verschmolzen werden, auch die Floatglaslinie für das Flachglas. Auf dieser über 300 Meter langen Anlage wird die noch flüssige Glasschmelze, die plan auf einem speziellen Bad aus flüssigem Zinn schwimmt (engl. float = schwimmen), langsam heruntergekühlt. Hinzu kommen unter anderem vier "Transformationslinien". Das sind Anlagen, in denen das Standard-Flachglas quasi veredelt wird. Hier wird es entweder zum Verbundsicherheitsglas (VSG) weiterverarbeitet, zu Zwecken der Wärmedämmung oder des Sonnenschutzes ausgerüstet oder zugeschnitten.

Der Konzern Saint-Gobain beschäftigt weltweit etwa 166 000 Mitarbeiter. Produziert werden neben Glas für Einsätze im Bau oder im Automobilbereich unter anderem Bauprodukte wie Dämmstoffe, Gipskartonplatten, Mörtel und Putze sowie Hochleistungswerkstoffe wie Keramik und Kunststoffe, die in der Transportmittelherstellung oder bei industriellen Anwendungen zum Einsatz kommen. Die Ursprünge des international agierenden Konzerns reichen ins Jahr 1665 zurück, als der französische König Ludwig XIV Saint-Gobain die Lizenz zur Herstellung von Spiegelglas erteilte. 1853 wurde der erste Standort in Deutschland eröffnet.

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