Donnerstag, 1. Oktober 2020
Donnerstag, 1. Juni 2017

NORDSACHSEN

Wehrdienst mit dem Spaten

Wolfgang Sarembe, damals und heute.Foto: TZ/C. Wendt/privat

von unserem Redakteur Christian Wendt

Großwig. Das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Torgau lädt am Donnerstag, dem 8. Juni, um 19 Uhr zu der Veranstaltung „Bausoldaten in der DDR − Waffenloser Dienst als Opposition?“ ein. Anlass für den Vortrag samt Zeitzeugengespräch ist die aktuelle Sonderausstellung, die noch bis zum 16. Juli gezeigt wird.

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Einer der krankheitsbedingt nicht an der Veranstaltung teilnehmen wird, ist kein Geringerer als Dreiheides Bürgermeister Wolfgang Sarembe. „Einfach schade“, trauerte er gestern im Gespräch mit der Torgauer Zeitung diesem Umstand nach. Denn er ist mit dem Thema allerbestens vertraut. Was kaum einer weiß: Der Bürgermeister war der allererste Bausoldat im damaligen Kreis Torgau.

Bausoldaten verweigerten den Wehrdienst an der Waffe und leisteten stattdessen einen waffenlosen Dienst in der Nationalen Volksarmee (NVA). Die jungen Männer hatten dabei mit Willkür und Schikanen zu kämpfen und erlebten später oftmals berufliche Nachteile. Zudem trugen sie erhebliche innere Konflikte aus. Fakten, die Sarembe so bestätigen kann, auch wenn er rückblickend die eineinhalb Jahre nicht missen will. Denn im 14. Pionierbaubataillon in Garz (Usedom) habe er  sich unter seinesgleichen gefühlt. Sarembe war hier mit 100 weiteren Bausoldaten stationiert. Die Beweggründe ihrer Verweigerung des Diensts mit der Waffe lagen alle im Glauben.

Bereits für die Artillerie gemustert und den Einberufungsbefehl in der Tasche war es der Zufall, der Wolfgang Sarembe den Weg zum Bausoldaten bereitete. Eine Krankheit und ein wohlmeinender Arzt, der ihm Transportunfähigkeit attestierte, gaben ihm genug Zeit zum Überlegen. Bereits in der Aktion Sühnezeichen sowie der Jungen Gemeinde sehr aktiv, fällte Sarembe, der zu dieser Zeit auch Vorsitzender des Großwiger Dorfklubs war, seinen Entschluss. „Vor eine Totalverweigerung und der dann drohenden Inhaftierung hatte ich Angst.“

Gedacht, gemacht. Beim zuständigen Wehrkreiskommando fiel man ob des Entschlusses aus allen Wolken. Der erste Bausoldat im Kreis Torgau! Dabei hatte doch jeder die Pflicht, sein Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen... Sarembe wollte stattdessen lieber zum Spaten greifen. Nach einem endlos scheinenden Gespräch im Wehrkreiskommando sowie nachfolgend zahlreichen Überredungsversuchen im Betrieb (Sarembe wollte zwar immer Diakon werden, war indes als Schlosser im damaligen Flako tätig) wurde der junge Mann schließlich im November 1967 eingezogen.

Es sei ein doppeldeutig hässlicher Novembertag gewesen, erinnert sich der Großwiger. Besonders die karrierebewussten Unteroffiziere hätten einen sofort spüren lassen, dass man Soldat zweiter Klasse gewesen sei. „Ich hatte schon das Gefühl, dass wir deutlich härter rangenommen worden sind, als andere“, sagt Sarembe. Doch der Zusammenhalt der Truppe war groß, sogar sehr groß. So kam es auch dazu, dass die Bausoldaten kollektiv das Gelöbnis auf den Arbeiter- und Bauernstaat verweigert hätten, was - Sarembe war selbst erstaunt - nur zu relativ wenig Ärger geführt habe.

Damit die Zeit an der Küste nicht allzu lang wurde, gründete Wolfgang Sarembe mit drei weiteren Bausoldaten und Baupionieren die Musikkapelle „Kombo 64“. Er selbst saß am Schlagzeug. Der Name stammte von einem Aufdruck auf einem Trommelfell. „Warum also sollten wir uns was Neues ausdenken?“ zuckt Sarembe mit den Schultern. Und weil der Wunsch immer stärker wurde, auch öffentlich als „Kombo 64“ aufzutreten, bekam man es erneut mit einer Kommission zu tun. Diese sorgte dafür, dass man die begehrte Erlaubnis bekam. Fortan ging‘s in grauen NVA-Hemden auf die Bühnen der näheren Umgebung.

Man spielte für Essen und Trinken. Doch das war egal. Es bereitete allen Spaß. Und man entfloh dem Kasernenalltag und den verhassten Unteroffizieren. Mit dem Robur ging es sogar einmal pro Woche in eine in der Nähe liegende Kneipe, wo sich ein Proberaum befand. „Wie gesagt, unter den Vorgesetzten gab‘s auch Kumpels. Denen war unser Status egal“, lacht Sarembe. Kleine Randbemerkung: Silvester 1967/68 sorgte die Band in einem Urlaubsheim in Heringsdorf für Stimmung – ausgerechnet vor hohen Parteifunktionären.

Von der Küste ging‘s für den Bausoldaten Sarembe im Frühjahr 68 schließlich nach Kleinköris, wo ein Feldflugplatz errichtet wurde. Die Band blieb zusammen. Da sich Sarembe auch für Schmalfilme begeisterte, oblag ihm und einem Reserveoffizier nun auch die filmische Dokumentation des Baus. Vom Soldaten zweiter Klasse spürt man nun nichts mehr in seinen Worten.

Der kam erst wieder auf, als er – nun entlassen und wieder im Flako beschäftigt – seinen Meister machen wollte. Denn als ehemaliger Bausoldat könne er doch kein sozialistisches Kollektiv leiten, hieß es.
Der Kurator der Ausstellung des Archivs Bürgerbewegung Leipzig, Andreas Pausch, wird am 8. Juni im DIZ über die Bausoldaten informieren und nach ihren Motiven und politischen Haltungen fragen. Als Zeitzeuge berichtet Achim Beier über seine Erfahrungen als Bausoldat 1988/89.


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