Mittwoch, 18. September 2019
Donnerstag, 15. Juni 2017

NORDSACHSEN

Auf der Suche nach der politischen Heimat

Detlev Spangenberg vor seiner Radebeuler Villa, in der er wohnt und arbeitet.Foto: TZ/S. Lindner

von unserem Multimedia-Redakteur Sebastian Lindner

Torgau/Radebeul. Detlev Spangenberg tritt für die AfD als Bundestagskandidat in Nordsachsen an.

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Torgau/Radebeul. Googelt man den Namen Detlev Spangenberg im Internet, dann dürften dem einen oder anderen ernsthafte Sorgenfalten auf der Stirn entstehen. Die ersten Presseerzeugnisse, die da aufgelistet werden, schreiben von einer Stasi-Vergangenheit aus dem Jahre 1964, die der 73-Jährige vor seiner Wahl für die Alternative für Deutschland (AfD) in den Sächsischen Landtag 2014 nicht angezeigt hat. Wieder andere Texte sprechen von einer gewissen Nähe zu rechtsextremen Kreisen. Doch von all dem distanziert sich Detlev Spangenberg – oder zumindest relativiert er es.

Radebeul. Dort hat Detlev Spangenberg eine kleine Stadtvilla, in der er und seine Tochter wohnen, in der aber auch sein Bürgerbüro untergebracht ist. Nur ein kleiner Hinweis am Torpfosten deutet darauf hin, dass hier AfD-Politik gemacht wird. Doch selbst der scheint manchen Leuten noch zu groß zu sein. „Ich musste es mit einer Folie überkleben, weil es immer wieder Farbanschläge gibt“, erklärt Spangenberg. Aus einem ähnlichen Grund steht in der Einfahrt auch ein eher unscheinbares Auto älteren Baujahrs, eigentlich so gar nicht typisch für einen Landtagsabgeordneten. „Das ist mein Wahlkampfauto.“ Genau wie eines seiner Abgeordnetenbüros war sein Wagen bereits mehrfach Ziel „von diesen linken Spinnern. Was das soll, weiß ich nicht.“

Denn eigentlich sieht sich Spangenberg mit seiner Partei in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt. Das sei auch kein Wunder, denn „die meisten AfD-Mitglieder waren früher mal in der CDU.“ Er selbst auch. 20 Jahre lang. „Das Denken in der Partei war irgendwann nur noch Schwarz-Weiß. Die einst gute konservative Haltung rutschte immer weiter nach links, es wurde zu wenig Politik mehr für die Deutschen gemacht“, erinnert sich der Abgeordnete zurück.

2006 verließ Spangenberg die CDU, in der er zwei Jahrzehnte lang seine politische Heimat sah. Seine echte Heimat verließ der in Weimar Aufgewachsene bereits viel früher. Als Jugendlicher wagte er einen Fluchtversuch mit zwei Freunden, der jedoch scheiterte. Die Folge: 15 Monate Gefängnis, davon viereinhalb in Einzelhaft. Einige Jahre später klappte es dann aber im zweiten Anlauf. Im Westen studierte er BWL, arbeitete im öffentlichen Dienst als Geschäftsführer diverser kommunaler Gesellschaften, vornehmlich im Tourismussektor.

1992 kehrte Spangenberg zurück nach Sachsen: „Man hatte natürlich die große Chance auf eine Karriere, denn hier war man einfach noch nicht so weit wie drüben. Das spielte eine genauso große Rolle wie die Rückkehr in die Heimat.“  Schon zu der Zeit sei er unabhängig gewesen – „sowohl wirtschaftlich als auch von Parteizwängen“, wie er beteuert. Beides grundsätzlich gute Voraussetzungen für einen Politiker. Dass sich Spangenberg nicht verbiegen lässt, zeigte dann sein Austritt aus der CDU. „Die etablierten Parteien wollen immer nur Neues, das, was sich bewährt hat, ist irgendwann nichts mehr Wert.

Die AfD ist die einzige Partei in Deutschland, die aber auch weiterhin auf Dinge setzt, die schon immer gut waren“, begründet er seinen Eintritt  2013 in die als Europa-Kritiker gestartete Partei, die seiner Meinung nach deshalb schnellen Erfolg hatte, „weil sie gleich mit einigen bekannten Köpfen und etablierten Politikern gestartet war.“

Die Jahre zwischen den beiden Mitgliedschaften sind jene, die dem Politiker heute sein rechtsgewandtes Image geben. Spangenberg war Mitglied in der gemeinhin als rechtskonservativ geltenden Wählervereinigung Arbeit – Familie – Vaterland. Diese, von einem ehemaligen CDU-Politiker gegründete Vereinigung, ließ er aber beizeiten hinter sich, um als Mitbegründer das Bündnis für Freiheit und Demokratie an den Start zu bringen. Doch auch dieser Gruppierung wurden rechte Tendenzen nachgesagt. Unter anderem soll sie auf ihrer Internetseite die Wiederherstellung der deutschen Grenzen von 1937 gefordert haben. Belegt wurde diese Behauptung nie, später von den Medien dann auch wieder dementiert. „Das ist auch alles quatsch“, sagt Spangenberg entschieden.

„Wir waren eine Gruppe, die ein paar Parteien eingesammelt hat, die bei Wahlen immer nur unter ‚Sonstige‘ geführt werden, wie etwa die Rentner Partei.“ Mittlerweile hat sich das Bündnis auch wieder aufgelöst. Eigentlich hätte Spangenberg mit seinen 73 Jahren als Alterspräsident die Eröffnungsrede im 2014er Landtag halten sollen, doch aufgrund öffentlichen Druckes, hervorgerufen durch diese Vergangenheit, verzichte er darauf.

Das nächste Mal geriet Detlev Spangenberg Anfang letztes Jahres in die Schlagzeilen, als öffentlich wurde, dass aus seinen Stasi-Akten eine Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit als Geheimer Informator unter dem Decknamen „Bruno“ hervorgeht. „Ich bin selbst Mitglied in dem geheimen Ausschuss, der sich um die Akten der Abgeordneten kümmert, habe aber erstmals aus der Presse von meinem angeblichen Fehlverhalten erfahren“, so der AfD-Politiker, der äußerst verstimmt auf die Veröffentlichung reagierte.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals etwas unterschrieben zu haben“, behauptet er, seine Akte belegt jedoch das Gegenteil: Drei Berichte sind dort aufgeführt, in denen jeweils Vorgänge aus dem Bereich des Militärs notiert sind. „Ich kann es mir nur so erklären, dass ich während meiner Dienstzeit zu irgendetwas verpflichtet wurde. Immerhin war ich als Funkorter, einer Art Fluglotse, im hochsensiblen Bereich der Luftsicherheit beschäftigt, da musste man sich auf die Leute, die mit einem arbeiten, verlassen können. Warum wären sonst nur Berichte aus meiner Zeit bei der Armee vorhanden?“

Das lässt sich so belegen. Deshalb ist sich Spangenberg auch sicher, „dass ich nie jemandem geschadet habe. Es kam auch nie jemand zu mir und hat sich beschwert – die Akten sind seit Jahren einsehbar.“ Für seine Version spricht auch, dass letztlich nie ein Verfahren gegen Spangenberg eingeleitet wurde. „Nur ein einziger Abgeordneter hätte die Hand heben und fordern müssen, mir die politische Immunität abzuerkennen. Es tat keiner.“

Damit war der Fall für ihn erledigt. Leugnen kann er jedoch nicht, dass er irgendwann in Diensten der Stasi stand, aber das tut er auch nicht. Stattdessen sucht er die Gründe dafür in seiner Vergangenheit. Seinen Vater hatte Spangenberg nie kennengelernt, er starb in Kriegsgefangenschaft im Lager Mühlberg. Mit zwölf Jahren wurde er zur Vollwaise, als seine Mutter starb. Zwar genoss der selbsternannte „Verehrer von Goethe“, wie er selbst sagt, eine preußische Erziehung und war durch die Ereignisse früh selbstständig, „doch hätte ein elterlicher Rat in manchen Situationen vielleicht nicht geschadet.“

Zurück in der Gegenwart stellt sich die Frage, was einen Landtagsabgeordneten  aus dem Kreis Meißen dazu treibt, für den Bundestag in Nordsachsen zu kandidieren. Das ließe sich leicht beantworten, meint Spangenberg. „Die AfD wird schon immer als Bundespartei wahrgenommen. Ihre Themen sind überwiegend Bundesthemen. Die lassen sich im Landtag nur schwer ansprechen.“ Beim Landkreiswechsel kommt dann Frauke Petry höchst selbst ins Spiel.

„Weil lange Zeit zur Debatte stand, dass die Bundesvorsitzende  in Meißen kandidieren könnte, war klar, dass ich mich da nicht dagegen stelle. Weil ich aber in Oschatz ein Büro habe, besteht schon lange Kontakt nach Nordsachsen, und so war der Schritt dann naheliegend“, erklärt Spangenberg, der sich bei der internen Parteiausscheidung unter anderem auch gegen Sandro Oschkinat aus Audenhain durchgesetzt hatte, seine Entscheidung.

Allerdings, das gibt er zu, „habe ich die Wege ein bisschen unterschätzt.“ Allein bis zur Kreisgrenze ist Spangenberg mit dem Auto von Radebeul aus fast eine Stunde unterwegs – und ist dann erst im südöstlichsten Zipfel der nordsächsischen Banane, die im sächsischen Vergleich der Landkreise flächenmäßig auf Rang drei rangiert. Mal abgesehen von der Ausdehnung hat Spangenberg aber einen guten Eindruck von Nordsachsen. „Die Leute haben hier eine positive Resonanz auf die AfD.“ Das merkt er, wenn er etwa, wie kürzlich in Eilenburg auf dem Markt, bei Kundgebungen zu den Menschen spricht. 

Er sieht seine Partei hier als größte Gefahr für die CDU, sieht sie – wie überall im Land –  aber auch unsachlicher Kritik ausgesetzt. „Bei den Grünen war das damals genau das gleiche, als die neu waren, obwohl deren Vorstellungen ja gar nicht so schlecht waren.“

Apropos grün: Die Landwirtschaft spielt für Spangenberg in Nordsachsen eine wesentliche Rolle, „auch wenn man wie bei allen Themen nicht an den Kreisgrenzen aufhören kann.“ Ziel müsse es sein, „dass unsere Landwirtschaft in Krisenzeiten dazu in der Lage ist, das Land zu ernähren.“ Themen, für die er auch im Bundestag kämpfen könne, seien auch die Infrastruktur mit dem Schwerpunkt Umgehungsstraßen und die Förderung des Tourismus und in diesem Zuge „der Erhalt so vieler technischer Denkmäler wie möglich, denn davon hat Nordsachsen viele. Ich denke da nur an die vielen Mühlen.“ Ein Anliegen ist es ihm auch, junge Unternehmer mit neuen Ideen zu fördern.“ Das Thema Asyl und Integration schnitt Spangenberg dabei nur indirekt an. „Viele Leute, gerade aus meiner Generation, können deren Ansprüche nicht verstehen. Müssten die Asylbewerber so leben, wie auch ich es in meiner Jugend musste, würden die doch gleich bei Amnesty International anrufen ...“

Sollte es für Detlev Spangenberg nicht  zur Wahl als Direktkandidat für Nordsachsen reichen, hat er gute Chancen, über die Landesliste in den Bundestag einzuziehen – dort belegt er Platz 4. Um sein Alter müssten sich die Wähler dabei keine Sorgen machen: „Ich habe noch Energie und Motivation, mehr als manch Anderer.“

 

Detlev Spangenberg

Alter: 73
Geburtsort: Chemnitz
Familienstand: verheiratet, 1 Kind
Schulabschluss: Hochschulreife, Studium der Betriebswirtschaftslehre in Osnabrück/Koblenz
Beruflicher Werdegang: Maschinenschlosser, Druckmaschinenwerk Radebeul; Hotelfachmann, Gaststättenorganisation Dresden; Kreisverwaltung Montabaur (Koblenz), Tourismus und Öffentlichkeit, Kreisverwaltung Hagen (NRW); Tourismus und Öffentlichkeitsarbeit, Stadt Dresden; Prokurist und Geschäftsführer DWT, Stadt Altenberg; Geschäftsführer Tourismus GmbH, Osnabrück.
Politischer Werdegang:
1986-2006 Mitglied der CDU
ab 2013 Mitglied der AfD, seit 2014 Kreisrat in Meißen, seit 2015 Vorsitzender Kreis-AfD Meißen, seit 2014 Mitglied des Sächsischen Landtags (Mitglied des Petitionsausschusses)


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